Chronik | Österreich
21.07.2018

Erste Lagen: Grand Crus aus Österreich

62 heimische Weingüter stellen ihre Top-Rieden in die Auslage. Das freut allerdings nicht jeden.

Selbst Wein-Laien wissen: Wenn auf einem Burgunder „Grand Cru“ oder auf einem deutschen Riesling „Großes Gewächs“ steht, dann handelt es sich um einen hervorragenden und wohl etwas kostspieligeren Wein. Quasi: das Beste, was die Weinbauregion zu bieten hat. Hierzulande leisteten bis dato 36 „Österreichische Traditionsweingüter“ (ÖTW) im Donauraum – im Traisental, Kamptal, Kremstal sowie am Wagram – Pionierarbeit bei der Klassifizierung von Weingartenlagen. Und Ihr Beispiel machte Schule: Künftig wollen auch Winzer in Carnuntum (NÖ) sowie in Wien Top-Rieden als „Erste“ oder sogar „Große Lagen“ vermarkten.

„Lage ist Filet-Stück“

Mit einem Schlag wuchsen die ÖTW deshalb um 20 Rubin-Carnuntum-Weingüter sowie die aus sechs Mitgliedern bestehende WienWein-Gruppe auf insgesamt 62 Betriebe an. Deren erklärtes Ziel ist es, die Individualität der Weine herauszustreichen.

Dabei gehe es aber nicht primär um die Rebsorten, erklärt der Obmann der Carnuntiner Traditionsweingüter, Gerhard Markowitsch. Sondern um die Charakteristik der Region. „Wir müssen herausarbeiten, wofür Carnuntum steht“, sagt der Winzer. Denn Rebsorten gebe es hier wie da, aber nur die Herkunft eines Weins sei einzigartig und mache seine Stilistik unverwechselbar. Wobei die „Erste Lage“ sozusagen das Filetstück der Region sei.

Jede beliebige Sorte darf auf „Ersten Lagen“ aber auch nicht gedeihen. Ähnlich wie beim DAC-System (siehe unten) sollen nur gebietstypische Weine in den Fokus gerückt werden. Im Donauraum etwa Grüner Veltliner und Riesling, in Wien zudem noch Weißburgunder sowie Gemischter Satz. Und in Carnuntum Zweigelt und Blaufränkisch.

Und natürlich kann auch nicht jeder Weingarten eine „Erste Lage“ sein. Welche Flächen die begehrte Bezeichnung tragen dürfen, hängt allein von Bodenbeschaffenheit und Mikroklima ab. Nur die allerbesten Weine aus den absolut besten Lagen sollen in der Auslage stehen.

In Carnuntum werden die „Ersten Lagen“, die es in den kommenden beiden Jahren zu klassifizieren gilt, daher nur etwa 15 Prozent der 900 Hektar Anbaufläche ausmachen. In Wien, wo ab September 2018 bereits 22 „Erste Lagen“-Weine in den Verkauf kommen, sind es bis dato gar nur 2,9 Prozent der 637 Hektar Rebfläche.

Als Eliteverein wollen die Winzer dennoch nicht wahrgenommen werden – viel mehr gehe es darum, die Regionen zu stärken, betonen Markowitsch und Fritz Wieninger, der Obmann der Wiener ÖTW-Mitglieder, unisono. Darum werde in Carnuntum das gesamte Gebiet klassifiziert und nicht nur die Lagen der Mitgliedsbetriebe. Und auch in Wien sollen „Erste Lagen“ nicht der WienWein-Gruppe vorbehalten bleiben. Ab 2019 können auch andere Produzenten ihre Lagen zur Prüfung einreichen.

Zur Stärkung der Region sollen neben den Lagenweinen, aber auch Ortsweine (die die Charakteristik der einzelnen Weinbauorte eines Gebiets im besonderen Maße spiegeln) sowie die Gebietsweine im Einstiegssegment beitragen, erklärt Wieninger.

„Elitäres Instrument“

Beim Österreichischen Weinmarketing verfolgt man den Trend zur Lagenklassifikation dagegen mit Skepsis – weil die Materie geeignet sei, „jede Menge Streit zu säen und die Winzerschaft zu spalten“, wie Geschäftsführer Willi Klinger erklärt.

Eine Lagenklassifikation sei „immer ein elitäres Instrument, um die Preise großer Weine aus erstklassigen Rieden zu steigern“, sagt Klinger. Das sei zwar legitim, habe „zwangsläufig aber eine Verzerrung des Preis-Leistungs-Verhältnisses zur Folge“ – wie in Frankreich zu sehen sei: „Dort kosten Grands Crus heutzutage zwischen 500 und 5000 Euro pro Flasche.“

Dass Spitzenwinzer, die eine Lagenklassifikation wollen, private Regelwerke erarbeiten und propagieren, sei „ganz schlecht“ und führe zu einem „kommunikativen Durcheinander, bei dem niemand – schon gar nicht der Konsument – den Überblick behält“, meint Klinger. Daher habe das Nationale Komitee eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die Kriterien für eine allgemeingültige gesetzliche Regelung erarbeiten soll.

Michael Moosbrugger, der Obmann der ursprünglichen ÖTW-Gruppierung, sieht sich durch den Beitritt von Carnuntum und Wien im bisherigen Weg jedenfalls bestätigt. „Wir wollen Weinliebhabern, die sich intensiver mit dem Thema beschäftigen, ein neues Orientierungssystem anbieten“, sagt der Chef des Schlossweingutes Gobelsburg im Kamptal.

Gemeinsam mit ÖTW-Kollegen arbeitet er an einem Beurteilungskatalog für Lagen, der Eingang ins Weingesetz finden soll. Dass sich das System aber nicht von heute auf morgen durchsetzen wird, sei klar: „Im Burgund hat man 40 Jahre gebraucht, der Prozess wird bei uns ähnlich lange dauern.“

Ganz so teuer wie dort dürften heimische Lagenweine übrigens nicht werden, meint Markowitsch – „weil der Konsument das nicht goutieren würde“. Langfristig sei eine Preiserhöhung „um 10 bis 15 Prozent“ denkbar.

Immer mehr Regionen mit DAC-System

Wer auf einem Weinetikett unmittelbar nach dem Namen des Weinbaugebiets die drei Buchstaben DAC  (z. B. Kamptal DAC) findet, hat einen für das Gebiet typischen Qualitätswein vor sich. Die Abkürzung steht für Districtus Austriae Controllatus. Die Rebsorten, die die Herkunftsbezeichnung tragen dürfen, variieren von Weinbauregion zu  Weinbauregion.

So weiß etwa jeder Weinfan, dass er bei einem Weinviertel DAC nur einen pfeffrigen Grünen Veltliner (GV) im  Glas haben kann. Im Traisental könnte es sich ebenso um einen GV, aber auch um einen Riesling handeln. Genau so verhält es sich auch im Kremstal sowie im Kamptal. Die restlichen  niederösterreichischen Weinbauregionen – Wachau, Wagram, Carnuntum und die Thermenregion – haben sich noch nicht zum DAC-System durchgerungen. Kritiker beanstanden etwa, dass der Name der Region ausschließlich auf den Etiketten der DAC-Weine stehen darf, nicht aber auf allen anderen Weinen.

Im Burgenland gibt es seit Kurzem fünf DAC-Gebiete. So stellt man am Neusiedlersee den Zweigelt sowie Cuvées mit mindestens 60 Prozent Zweigelt-Anteil in die Gebietsauslage. Am Leithaberg muss es sich beim Roten um einen Blaufränkischen und beim Weißwein um Weißburgunder (Pinot Blanc), Chardonnay, Neuburger, Grüner Veltliner oder ein Cuvée dieser Sorten handeln. Auf der ehemaligen Großlage Rosalia südlich des Leithagebirges im politischen Bezirk Mattersburg werden ab dem Jahrgang 2017 aus Blaufränkisch und Zweigelt DAC-Weine sowie eigenständige Rosé-Weine unter der Bezeichnung „Rosalia DAC Rosé“ vinifiziert. Und im Mittelburgenland steht ebenso der Blaufränkische im Fokus wie am Eisenberg im Süden.

Für Wien typisch ist der Gemischte Satz. Die Trauben müssen also aus einem Wiener Weingarten stammen, der mit zumindest drei weißen Qualitätsrebsorten bepflanzt ist, die gemeinsam gelesen und dann verarbeitet werden.

Die Steiermark erhält mit dem Weinjahrgang 2018 ein komplett neues Herkunftssystem. Dieses wird sich gemäß der drei Weinbaugebiete in Südsteiermark DAC, Vulkanland Steiermark DAC und Weststeiermark DAC gliedern. Die DAC-Weine werden in Gebiets-, Orts- und Riedenweine eingeteilt. So bleibt die traditionelle Rebsortenvielfalt erhalten, während auf der Orts- und Rieden-Ebene der Fokus auf lokal vorherrschenden Leitsorten gelegt wird. Typische Weine in der Steiermark sind Sauvignon Blanc, Burgundersorten wie Weißburgunder und Chardonnay/Morillon sowie der Schilcher in der Weststeiermark.