Martin Wirth betreibt Fitnessstudios in der Steiermark

© Elisabeth Holzer

Chronik Österreich
05/16/2021

Österreich sperrt auf: Stimmen aus Gastronomie, Kultur und Sport

Ab Mittwoch dürfen wir wieder mehr als arbeiten und shoppen. Gastronomie, Kultur und Sportstätten öffnen wieder.

von Stefan Jedlicka, Elisabeth Holzer, Valerie Krb, Barbara Mader

Nach Monaten der Entbehrung war die Sehnsucht bei vielen schon groß. Etwa nach dem Spritzer mit Freunden im Schanigarten. Oder dem echten Theatererlebnis, ganz ohne Ruckeln eines Livestreams. Nun wird die Hoffnung auf Normalität zaghaft Realität. Am 19. Mai können viele Bereiche wieder öffnen. Gastronomie, Hotellerie, Sportstätten und Fitnessstudios, viele Kultureinrichtungen und Freizeitbetriebe, wenn auch mit allerlei Einschränkungen und Auflagen. Wie blicken die betroffenen Bereiche auf die bevorstehende Öffnung? Und wie haben sie die Zeit seit der Schließung erlebt?

Der Gastgarten im Café Engländer in der Wiener Innenstadt ist am Mittwoch bereits ausgebucht. Die Gier auf Schnitzel und ein Wiedersehen in gewohnter Stammtisch-Atmosphäre ist groß. Viele Lokale haben sich mit Take Away über Wasser gehalten. Um, wie „Café-Engländer“-Chef Christian Wukonigg sagt, sich selbst und die Mitarbeiter zu beschäftigen und, vor allem, den Kontakt zu Kunden nicht zu verlieren.

Irgendwie über Wasser gehalten haben sich auch die Kulturbetriebe, die in diesen Tagen Spielpläne veröffentlichen und den Kartenvorverkauf starten. Ihre Sorge: Dass die Gastgärten an lauen Juniabenden zur unschlagbaren Konkurrenz werden könnten. Bei Rapid hingegen ist man einfach nur froh, den Geisterspielen Lebewohl sagen zu können. Auch wenn es mit maximal 3.000 zugelassenen Zuschauern alles andere als voll wird. Immerhin hätten im Allianz-Stadion in Wien-Hütteldorf 26.000 Fans Platz. Doch wie es Otto Wiesenthal formuliert, der am Mittwoch ebenfalls seine Pforten des Hotel Altstadt in Wien wieder ganz öffnen darf: „Man wird mit der Zeit bescheiden.“

„Der Tsunami wird noch kommen“

Auf Lokalbetreiber kommen unsichere Zeiten zu

Die Reservierungsliste für den 19. Mai ist lang. Auch in den darauffolgenden Tagen wird es nicht einfach, einen Platz im Café Engländer zu bekommen. Aber danach? 
Geschäftsführer Christian Wukonigg, der neben dem Engländer noch zwei weitere Lokale in der Wiener Innenstadt, die Bar 1010 und das Restaurant Paul & Vitos am Petersplatz betreibt, ist gedämpfter Stimmung. Vorfreude und Tatendrang sind so groß wie die Skepsis. „Wir stehen alle  mit Riesenschulden da. Und der große Tsunami kommt noch“, glaubt er. „Für viele Lokale werden die kommenden Monate zur Prüfung. Viele Leute haben Angst und wollen  nicht mehr in Lokale gehen.  Outdoor  wird überlaufen sein. Indoor wird es schwierig, solange ständig Panikmeldungen verbreitet werden. Und mit den Abstandsregeln können wir nicht so viel Umsatz machen, wie wir bräuchten.“
 Wukonigg ist frustriert. „Wir hängen seit Monaten in der Luft. Ich bin es gewöhnt, mein Unternehmen zu planen. Zu wissen, was ich wann bezahlen kann. Jetzt wussten wir  nicht, kommt Geld oder kommt keines? Man ist sehr abhängig vom Goodwill der Bürokratie.  Ich warte hier noch immer auf das Kurzarbeitsgeld für Dezember. Ich muss alles vorfinanzieren. Im Paul & Vitos habe ich den Fixkostenzuschuss noch nicht bekommen. Aber  dafür wegen jedem Blödsinn eine Finanzprüfung.“ Mitten in der Pandemie hat Wukonigg sein drittes Lokal eröffnet. Ganz schön mutig? Ganz schön Pech. Der Mietvertrag wurde einen  Monat vor dem ersten Lockdown unterschrieben. Mit viel Mühe klappte die Eröffnung, drei Wochen später kam der neuerliche Lockdown.  Und doch, irgendwie ist es sich ausgegangen. Kein einziger  Mitarbeiter musste gehen. Wukonigg ist Skeptiker, letztlich aber doch Optimist. Und vor allem: „Ich bin hartnäckig. Ich habe noch nie aufgeben.“ 

„Das habe ich mir in diesem Land nicht vorstellen können“

Das Schuberttheater startet mit Vorfreude, aber viel Skepsis

Gerüchte wollten die Saison schon ganz abgesagt wissen. Vor Herbst würde gar nichts gehen, orakelten manche.  Jetzt geht’s also doch los mit Theater und Konzerten und  auch das kleine Schuberttheater  am Wiener Alsergrund hat den Kartenvorverkauf gestartet. 
Schauspielerin und Puppenspielerin Manuela Linshalm steht längst in den Startlöchern. Im Jänner war noch eine Premiere   geplant.  Seitdem war zu, doch immer wieder mit der Ansage, demnächst werde weiter entschieden. „Die permanente Achtung-Fertig-Los-Stellung  ist anstrengend. Wir haben viel Zuhause gearbeitet. In den nächsten Wochen habe ich sechs Wiederaufnahmen.“ Der Spielplan bis Juni steht,  danach will man die Saison mit  einem Stationentheater  verlängern: Puppen von Hedy Lamarr, H. C. Artmann und Resi Resch werden durch den Bezirk führen. Mit Frau Resch, der Puppe  aus dem Stück „Die Welt ist ein Würstelstand“, hat Linshalm im vergangenen Jahr bei Demos auf die triste Situation der Kulturschaffenden aufmerksam gemacht. 

 Der Kampfgeist der Szene ist zuletzt leiser geworden.  „Wir hatten das Gefühl, es hat keinen Sinn.  Warum war es nicht möglich, Theater-und Konzertbetriebe mit guten Sicherheitskonzepten zu öffnen? Kultur gehört nicht zu den Prioritäten, das habe ich mir in diesem Land nicht vorstellen können. Ich verstehe nicht, dass man den Stellenwert des Wirtschaftszweigs Kultur nicht schätzt. Wenn schon nicht  aus kulturellen, dann eben aus pekuniären Motiven.“   
Etliche aus der Branche werden  wohl nicht mehr aufsperren. Das Schubertheater als kleine freie Bühne  hat dank Förderungen überlebt. Wie lange, wird sich weisen. Mit nur halbem Sitzplatzangebot, 36 statt 72, wird sich das nicht lange ausgehen. Und dann die Frage, ob die Leute nicht zuerst einmal die Gastgärten stürmen. Ob sie auch ins Theater wollen? Es wird eine schwere Saison. 

„Wir hatten keinen goldenen Sommer wie Hotels am Land“

Im Hotel Altstadt ging der Umsatz um 70 Prozent zurück

Die Fenster werden gerade noch geputzt. Die Arbeiten in den zwei neuen Suiten sind so gut wie abgeschlossen. „In so einem perfekten Zustand wie jetzt war das Hotel noch nie“, sagt Otto Wiesenthal, Eigentümer des Hotel Altstadt in Wien-Neubau. Kein Wunder, nutzte er die Pandemie für Umbauten und Renovierungen. 
Seit 14 Monaten ist in dem Haus mit den 60 von Künstlern und Architekten gestalteten Zimmern nichts mehr wie zuvor. Im ersten Lockdown musste man ganz schließen. Danach kamen vereinzelt Stammgäste, zuletzt nur noch Geschäftsreisende. Im vergangenen Jahr hatte das Hotel einen Umsatzrückgang von 70 Prozent. Im Gegensatz zu Hotels auf dem Land hatte man keinen „goldenen Sommer“, wie es Wiesenthal formuliert. Diese waren vielerorts ausgebucht. 

Vor allem die vergangenen Monate waren kräftezehrend. „Ein Geschäft zu betreiben, in dem sich nichts bewegt, ist nervtötend“, meint er. Dennoch wollte er seinen Mitarbeitern zuliebe Zuversicht verbreiten. Ein paar hat er verloren, vor allem Studierende, die an der Bar arbeiteten. Die Stammmannschaft blieb jedoch. 
Am 19. Mai dürfen die Pforten des Boutique-Hotels in der Kirchengasse wieder ganz öffnen. Die Buchungen hätten zuletzt ein bisschen angezogen. Im Mai komme man normalerweise auf eine Auslastung von 95 Prozent. „Jetzt werden es höchstens 20 sein. Aber man wird mit der Zeit bescheiden“, sagt der Eigentümer schmunzelnd.
Richtig losgehen werde es seiner Meinung erst, wenn das Kulturangebot in Wien wieder voll durchstarte. „Aber es wird im Sommer wohl genug los sein, um den Break-even zu erreichen. Reich werden wir damit nicht.“ 

„Ohne Fans ist es einfach nicht so leiwand“

Der Rapid-Stadionsprecher über die Rückkehr der Zuschauer

Lukas Marek hatte genau ein Spiel, bevor die Pandemie ausbrach. Am 1. März 2020 trat er seinen Job als Stadionsprecher beim SK Rapid an. Zwei Wochen später wurde der erste  Lockdown verhängt. 
Damals, bei seiner Premiere, hätte es für den 23-Jährigen mit dem jungen Gesicht nicht besser laufen können. Sein Vorgänger und Vater Andy Marek musste krankheitsbedingt das Stadion-Mikro an den Nagel hängen. Er war eine Institution. In 27 Jahren führte er durch 599 Spiele. Dementsprechend nervös war der Sohn. „In der Zeitung habe ich gelesen, dass man an diesem Tag nicht auf das Match schaut, sondern auf den neuen Sprecher.“ Doch als er seinen ersten Satz sprach, applaudierten die Fans. „Da war ich erleichtert.“
Dann war Schluss. „Ich habe mich gefragt, warum gerade jetzt“, sagt Marek. Zwar gab es im Herbst ein paar Spiele vor Zuschauern, und auch bei den Geisterspielen war er dabei, dies sei von der Bundesliga vorgeschrieben. Für Pflichtdurchsagen, wie Aufstellung und Wechsel. „Aber ohne Fans ist es einfach nicht so leiwand.“
Am 22. Mai werden nun erstmals seit Oktober wieder Zuschauer im Allianz-Stadion  Platz nehmen. 3.000 Fans sind beim Spiel gegen den LASK zugelassen. Die Tickets werden unter  10.000 Abonnenten ausgelost. Dennoch ist die Vorfreude bei Marek groß. Jeden Abend  denke er sich, er könne es kaum erwarten, endlich wieder „Liebe Rapid-Fans, schön, dass ihr wieder da seid“ ins Mikrofon zu sagen. Nach einer so langen Pause mischt sich auch Nervosität darunter. „Deshalb werde ich meinen Vater vorher  um den ein oder anderen Rat fragen.“

„Wir haben eine Riesen-Freude, dass die Badesaison startet“  

Im Strandbad Baden laufen die Vorbereitungen für 19. Mai

Bis vor wenigen Tagen war noch unklar, unter welchen Voraussetzungen Freibäder in die heurige Saison starten können. Nun sind die Rahmenbedingungen bekannt: Zutritt nach der „3-G-Regel“, generell zwei Meter Abstand, auch in den Becken, dort ist außerdem nur ein Gast je sechs Quadratmeter Wasserfläche erlaubt. Es herrscht Maskenpflicht in geschlossenen Räumen – Ausnahme sind Feuchträume. „Das bedeutet natürlich, dass viele Bäder unter ihrer üblichen Kapazität bleiben müssen“, sagt Kurt Staska, Bädersprecher in der Wirtschaftskammer NÖ. „Aber es ermöglicht  Badespaß mit Sicherheit. Denn was keiner will, sind Corona-Cluster in Bädern.“  Entsprechend genau bereitet man sich auf den Saisonstart vor. Etwa im Strandbad Baden, wie Betriebsleiter Harald Gölles berichtet. Man habe die letzten Monate auch für Sanierungsarbeiten genützt und fiebere nun der Wiedereröffnung entgegen: „Ja, wir haben alle eine Riesen-Freude, dass die Saison startet.  Das ganze Team ist top-motiviert.“ Auf die eine oder andere Diskussion mit Gästen aufgrund der Vorgaben und Einschränkungen sei man vorbereitet, versichert Gölles. „Es wird sicher des Öfteren Klärungsbedarf geben, weil natürlich schon eine gewisse Corona-Müdigkeit da ist“, sagt er. „In Baden haben wir einen hohen Prozentsatz an Stammgästen, bei denen ich auf Verständnis hoffe. Und es gibt laufend Gespräche mit den Mitarbeitern. Alle sind bestens geschult für mögliche Konfliktsituationen.“   
Bis zu 7.000 Gäste waren an Spitzentagen in den vergangenen Jahren im Strandbad gezählt worden. Aufgrund der Vorgaben dürfen  vorerst nur rund 2.500 hinein. Security-Personal wurde engagiert. Die aktuelle Auslastung wird über eine Ampel am Eingang angezeigt, außerdem auf der Homepage www.baden.at

„Die Menschen vermissen die Geselligkeit beim Training“

In den Kraftkammern gelten die „3 G“-Zutrittsregeln

Insgesamt neun Monate lang gab es ab März 2020 kein Laufband, kein Yoga, keine Hantelbank: Die Fitnesscenter gehören wie  Hotellerie und  Gastronomie zu jenen Branchen, die als Erste geschlossen wurden  und als Letzte wieder aufsperren dürfen.
Am Mittwoch geht es aber wieder los. Martin Wirth,  Branchensprecher in der Steiermark und Inhaber eines Studios in Graz-Umgebung, freut sich über den Neustart. „Die Vorbereitungen laufen längst, wir sind gerüstet.“ Auch die Mitglieder  könnten es kaum noch erwarten, berichtet der Steirer: „Der überwiegende Teil der Menschen vermisst die Geselligkeit beim Training. Viele brauchen auch die professionelle Betreuung.“ 
Für die Fitnesscenter gelten  aber strenge Sicherheitsvorschriften sowie die „3 G“-Regel: Trainieren darf nur, wer getestet, geimpft oder genesen ist, der Nachweis wird am Eingang kontrolliert. Viele Studios arbeiten laut Wirth daran, die Bescheinigungen in ihre elektronischen Zutrittssysteme einzubauen: Wer vorab seine Bestätigung hochlädt, kann für die Dauer der Gültigkeit von Test, Impfung oder  Genesung  ohne weitere Kontrolle weiter.
Für Fitnesscenter gilt auch die Registrierungspflicht, doch das ist dort  bloß eine formale Sache ohne zusätzlichen Aufwand: Mitglieder müssen  ohnedies bei jedem  Eintritt einchecken. Es gilt Maskenpflicht überall abseits der eigentlichen Sportausübung, zudem gibt es eine Flächen-Beschränkung: Pro Trainierendem müssen 20 Quadratmeter vorhanden sein. Das reduziert freilich die Anzahl der Personen, die gleichzeitig trainieren können. „Aber das kriegen wir hin“, versichert Wirth.

 

 

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