Chronik | Österreich
08.09.2018

Eisschwund: Die geschundenen Ski-Berge

In Kürze soll bereits die Saison auf den von der Hitzewelle geschrumpften Gletschern starten.

Der meteorologische Sommer war noch nicht zu Ende, die Hitzewelle noch nicht richtig abgeklungen, da hatten die Kitzbüheler Bergbahnen bereits den Winter aus der Mottenkiste geholt. „So früh wie noch nie“ werde man heuer in die Wintersaison starten, verkündete das Lift-Unternehmen am 28. August.

Der Versuch, als erstes Nicht-Gletscher-Skigebiet eine Piste freigeben zu können, hat in Kitzbühel inzwischen Tradition. Heuer soll es am 13. Oktober losgehen. 2017 war man aber auch nur einen Tag später dran.

Die Präparierungsarbeiten sorgten im Vorjahr freilich für einige Empörung. Ein Internetvideo hatte dokumentiert, wie am Resterkogel mit Schnee aus Depots zwei Pistenbänder bei 15 Grad plus in braune Wiesen gewalzt wurden.

„Da sind wir mitten in der Piefkesaga“, sagte Walter Tschon, stellvertretender Chef der Tiroler Landesumweltanwaltschaft, damals. Josef Burger, Vorstand der Kitzbüheler Bergbahnen lässt das kalt. „Wo ist der Unterschied, ob wir das im Oktober oder wie vor drei Jahren im Dezember zur Rettung der Saison machen“, versteht er die Aufregung nicht.

Dass der frühe Saisonstart eher einen Imageschaden als einen Imagegewinn bringen könnte, glaubt er nicht. Und von einem reinen Marketinggag will Burger schon gar nichts wissen: „Wir machen keine Marketinggags. Wir sind Kaufleute“, sagt der Tiroler.

Einerseits wolle man Saisonkarten-Kunden möglichst viele Skitage ermöglichen. „Wir bieten aber auch Spitzenski- und Nachwuchsfahrern eine Trainingsmöglichkeit“, erklärt Burger. Das Geschäftsmodell würde sich rechnen.

Über einen möglichen Imageschaden hat die Seilbahnbranche heuer schon einmal mitten im Sommer diskutiert. In Seefeld, wo im Winter die nordische Ski-WM stattfindet, wollten die Bergbahnen einen Bakterienzusatz für die Schneeproduktion testen. Österreich Seilbahn-Sprecher Franz Hörl sah einen möglichen Imageschaden für den Tiroler Tourismus. Nachdem das Land mit Förderstopp drohte, lenkte Seefeld ein. Nun soll ein gesetzliches Verbot für Schneezusätze kommen.

Gletscherschwund

Auf den Gletschern versucht man indes seit Jahren, Eis und Schnee über den Winter zu retten. Der heurige Hitzesommer ist aber nicht ohne Spuren geblieben. „Es war extrem. Der Gletscher ist wieder stark abgeschmolzen. Er ist wahrscheinlich wieder um 2,5 Meter dünner geworden“, sagt Franz Wackernell vom Kaunertaler Gletscher. Am 29. September soll die Saison starten.

Zwei Wochen früher soll es am Stubaier Gletscher losgehen, der ebenfalls kräftig geschrumpft ist. Derzeit laufen die Vorbereitungen. Dazu gehört auch, das zum Eisschutz aufgelegte Vlies zu entfernen. Das lag zuletzt aber teilweise in Fetzen verteilt über den Berg.

Die Studentin Clarissa Stracke zeigte sich bei einer Wanderung schockiert und ortete ein „Umweltverbrechen“, das sie fotografisch dokumentierte. Reinhard Klier, Vorstandschef der Gletscherbahnen, versichert, dass es sich nur um eine Momentaufnahme handelt: „Wenn das Vlies am Eis anfriert, kann es beim Abnehmen, das gerade läuft, reißen. Aber wir sammeln das natürlich alles ein.“

Tourismusjahr der Extreme

Winter 2017/2018: Für die Touristiker, die in den vergangen Jahren immer wieder wegen Schneemangels um ihr Geschäft zittern mussten, war die vergangene  Wintersaison ein wahrer Traum. Die Debatten um Klimawandel und weiße Kunstschneebänder in braunen Landschaften blieben aus. Der schneereiche Winter brachte eine Saison der Rekorde. In allen Bundesländern wurden mehr Nächtigungen verbucht. 27,5 Millionen von insgesamt 71,8 Millionen Nächtigungen fielen alleine in Tirol an.

Hitzesommer: Auf einen „Winter wie früher“ folgte 2018 der viertwärmste Sommer der Messgeschichte. Was für Bauern teilweise in Dürreschäden mündete, war für den Tourismus ein Gewinn. Auf der Suche nach Sommerfrische trieb es die Urlauber auf die heimischen Berge und zu den Seen. Die Zahl der Nächtigungen  hat heuer erneut einen Höchstwert erreicht. Mit 37,5 Millionen Nächtigungen von Mai bis Juli 2018 wurden erstmals seit 1982 mehr als 37 Millionen Nächtigungen registriert. Auch die Zahl der Gäste verzeichnete mit 12,3 Millionen Ankünften einen Rekord – ein Plus von 3,5 Prozent.

Hüttentourismus: Auf den Hütten in den heimischen Bergen zeigt sich, dass der Rekordsommer ein zweischneidiges Schwert ist. Die alpinen Nächtigungs- und Versorgungsbetriebe konnten sich zwar über einen Besucheransturm erfreuen und sind teilweise bis Saisonende ausgebucht. Auf Hütten, die auf Regenwasser angewiesen sind, sorgte der heiße und trockene Sommer allerdings für Wasserknappheit. Duschen mussten teilweise gesperrt werden. Der Alpinsport wird zudem immer mehr vom Klimawandel beeinträchtigt. Touren in Gletscherregionen können aufgrund der Schmelze teilweise gar nicht mehr oder nicht mehr auf alten Wegen gemacht werden.