Chronik | Österreich
14.11.2013

Eine Lesung gegen das Schweigen im Kinderheim-Skandal

Schauspieler Erni Mangold und Karl Markovics lasen Auszüge aus dem Heimskandal-Buch.

Es passiert nur sehr selten, dass es Erni Mangold die Sprache verschlägt. Doch Mittwochabend sah man die Schauspielerin mehrmals ungläubig nach Luft schnappen. Gemeinsam mit Kollegen Karl Markovics präsentierte Mangold Auszüge aus dem Buch „Verwaltete Kindheit“.

KURIER-Journalist Georg Hönigsberger sowie die Sozialwissenschaftlerin und ehemalige SPÖ-Politikerin Irmtraut Karlsson arbeiten darin den österreichischen Kinderheim-Skandal auf. Im Theater Hamakom wurde das Buch rund 300 Gästen präsentiert.

Verdrängt

Im Publikum befanden sich viele ehemalige Heimkinder. „Ich finde es toll, dass sich ein Journalist über dieses Thema traut“, sagte Silvia. Sie verbrachte viele Jahre im Kinderheim Wilhelminenberg. „Jahrelang habe ich meine Vergangenheit verdrängt und mich geniert.“

Nach einleitenden Worten von Regisseur Karl Welunschek gaben Schauspieler Mangold und Markovics einen kleinen Einblick in den Alltag der Kinderheime. Dabei war von Watschenstraßen die Rede, bei denen sich die Kinder gegenseitig ohrfeigen mussten; von Zwangsarbeit und davon, dass Kinder ihr eigenes Erbrochenes wieder aufessen mussten.

Ungläubiges Gemurmel ging durch die Reihen. Das Publikum lauschte mitgenommen, teilweise mit Tränen in den Augen. Es habe zwar schmerzliche Erinnerungen wachgerufen, gab Maler und Heimkind Helmut Oberhauser nach der Lesung zu. „Aber es war ein angenehmer Schmerz. Ich bin dankbar, dass die Diskussion endlich aufgeflammt ist.“

Ohne Hilfe wäre das Projekt nicht möglich gewesen, betonten die Autoren und bedankten sich ihrerseits für die viele Unterstützung – seitens des KURIER, des Kral-Verlags und des Theaters. Irmtraut Karlsson: „Dank dieser Hilfe wurde den Heimkindern mehr Respekt gezollt, als durch das ganze offizielle Österreich zusammen.“

Gehört zu werden, endlich eine Stimme zu bekommen – das ist viel wert. Abschließend appellierte Oberhauser an Bundespräsidenten Heinz Fischer und Kardinal Christoph Schönborn „endlich in Dialog mit uns zu treten“. Es sei lange genug geschwiegen worden.

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Über den Alltag von Heimkindern

Das Buch „Verwaltete Kindheit“ setzt sich mit dem Österreichischen Heimskandal auseinander, den KURIER-Journalist Georg Hönigsberger 2011 aufdeckte.

In der Publikation kommen zahlreiche ehemalige Heimkinder zu Wort. Aus den Erzählungen ergibt sich kaleidoskopisch ihre Situation vor, im und nach den Heimjahren. Das Buch räumt mit dem Irrglauben auf, dass in den Jahren 1970 bis 1980 über die bundesweiten gewalttätigen Erziehungsmethoden in den Heimen nichts bekannt gewesen ist. Tausende Seiten von Akten, wissenschaftlichen Arbeiten und Medienberichten wurden von den Autoren durchforstet und rund 200 Interviews mit ehemaligen Heimkindern sowie Erziehern geführt.

Weitere Buchpräsentationen gibt es am 28. November um 19 Uhr im Republikanischen Club (Rockhgasse 1, 1010 Wien) sowie am 6. Dezember um 19 Uhr im Volkskundemuseum (Laudongasse 15–19, 1080 Wien). Diese Lesung findet im Rahmen einer Tagung zur Heimerziehung statt.

„Verwaltete Kindheit – der österreichische Heimskandal“, Kral-Verlag, 300 Seiten, 26,90 €. Ab sofort im Buchhandel erhältlich.