Chronik | Österreich
20.08.2017

Die unergründlichen Wege der Flucht

Jeder zweite aufgegriffene Flüchtling wurde davor in keinem anderen Land registriert.

Züge, Busse, Kastenwagen: All diese Verkehrsmittel haben seit einigen Wochen die besondere Aufmerksamkeit der Polizei und seit Freitag auch die des Bundesheeres. Bei der Suche nach illegalen Migranten sollen alle Lücken geschlossen werden. Was auffällt: Die Hälfte der Migranten, die heuer in Österreich aufgegriffen wurden, wurden bisher noch nirgendwo anders registriert.

Und das mutet seltsam an: Denn ein Flüchtling muss in dem Staat um Asyl bitten, in dem er den EU-Raum erstmals betreten hat. Dies geschieht besonders häufig an den EU-Außengrenzen, etwa in Italien, Griechenland, Bulgarien oder Ungarn. Wird er später in Österreich aufgegriffen, kann er – wie es die Dublin-Verordnung vorsieht – in das Ursprungsland zurückgeschickt werden.

Lückenschluss

Doch ist er bis dahin erst gar nicht registriert worden, wird die Rückverfolgung für die Behörden extrem schwierig – ein Grund, warum das Innenministerium die Grenzkontrollen verschärft hat. Denn nur so kann die Route der Flüchtlinge nachgezeichnet werden. "Italien etwa nimmt nur Flüchtlinge zurück, die eindeutig von dort gekommen sind und zeitnah gemeldet werden", sagt Gerald Tatzgern, oberster Schlepper-Bekämpfer im Bundeskriminalamt. Gemeinsam mit den italienischen Kollegen werden nun auch Überwachungslücken geschlossen. "Wird nur bis 2 Uhr Früh kontrolliert, sind um 3 Uhr schon wieder Flüchtlinge unterwegs." Ob das auf eigene Faust oder organisiert passiert – das ist eine Frage, der das Bundeskriminalamt gerade nachgeht. "Vielleicht gibt es auch Schlepper, die die Flüchtlinge direkt in ihr Wunschland bringen."

Es gibt aber auch andere Erklärungen: "In manchen Ländern gibt es keine verpflichtende Registrierung", sagt Tatzgern. Das bedeutet: Werden illegal aufhältige Migranten von der Polizei kontrolliert, haben sie nur selten Ausweisdokumente dabei. Zudem sind für die Befragungen Dolmetscher nötig. Ist das auf kurzem Wege nicht möglich und haben die Aufgegriffenen ohnehin nicht vor, in dem Land zu bleiben, werden sie manchmal lediglich aufgefordert, das Land zu verlassen. Somit können sie weiterreisen. Was niemand offiziell sagen will: Einige Länder dürften auch nicht allzu großen Ehrgeiz haben, alle Flüchtlinge zu registrieren.

Eine weitere Möglichkeit: Die Flüchtlinge geben einfach einen anderen Namen an, oder ein anderes Herkunftsland. "Dann wird man die Daten nicht zusammenführen können", erklärt Tatzgern. Einziges effizientes Mittel: Fingerabdrücke. In Österreich ist diese Form der Registrierung Usus, heißt es aus dem Innenministerium.

Mehr Aufgriffe durch Kontrollen

Die Kontrollen an den Grenzen wirken sich auch auf die Zahl der Aufgriffe aus: In der Woche von 10. bis 18. August wurden 676 Personen aufgegriffen, die illegal im Land waren. Besonders hoch sind die Steigerungsraten dort, wo jetzt scharf kontrolliert wird: Etwa am Brenner in Tirol oder im Burgenland. In Tirol gab es 217 Aufgriffe, darunter vor allem Menschen aus Somalia, Nigeria und Gambia. Sie versteckten sich oft in Zügen zwischen Containern. Im Burgenland waren es 102 Aufgriffe – hier ist die Zunahme besonders drastisch. Denn zuvor waren es nur 20 bis 30 Flüchtlinge in der Woche.