Mit einem Motor unter dem Sattel fällt das Treten leichter.

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Chronik Österreich
07/14/2019

Die tödlichen Schattenseiten des E-Bike-Booms

Der Verkauf von E-Bikes boomt. Die Zahl der tödlichen Unfällen ist überproportional hoch: Am Berg und auf der Straße

von Christian Willim

Am 28. Juni bricht ein Einheimischer in Bach im Tiroler Außerfern mit seinem E-Bike zu einer Tour auf den Berg auf. Der 56-Jährige sollte nie wieder nach Hause kommen. Die Leiche des Mannes wird am nächsten Morgen in einem Steilhang gefunden.

Er ist vermutlich bei der Abfahrt über einen schmalen Steig gestürzt und fiel danach 70 bis 80 Meter über eine Böschung in die Tiefe. Noch bevor die Radsaison in diesem Sommer richtig ins Rollen gekommen ist, zählt das Kuratorium für Alpine Sicherheit bereits sechs tödliche Mountainbikeunfälle in Österreich.

Drei tote E-Biker am Berg

In mindestens drei Fällen waren die Opfer mit einem E-Bike unterwegs. „Ganz genau können wir es leider nicht sagen. Denn noch werden E-Bike-Unfälle von der Polizei nicht eigens erfasst“, sagt Dagmar Walter von dem Verein, der alle Alpinunfälle im Bundesgebiet erfasst.

„Es ist auffällig, dass immer mehr Menschen mit dem E-Bike auf dem Berg unterwegs sind“, sagt Viktor Horvath, Chef der Tiroler Alpinpolizei. Und er weiß um die Probleme, die das mit sich bringt: „Da fahren Leute Wege rauf, die sie sonst nicht schaffen würden. Beim Runterfahren treten dann die Schwierigkeiten auf.“

Zusätzliches Gewicht

Der Motor unter dem Sattel hilft, Steigungen zu überwinden. Bei der Abfahrt macht das zusätzliche Gewicht das Handling des Bikes jedoch schwieriger, vor allem, wenn sich Ungeübte über Trails und schmale Steige wagen. Experten raten vor Ausritten in die Berge zu einem Kurs, insbesondere wenn Mountainbike-Erfahrung fehlt.

Dass die Hälfte aller tödlichen Radunfälle auf den Bergen im heurigen Jahr mit einem E-Bike passiert ist, passt ins Bild. Denn dieser Trend zeigt sich auch im Straßenverkehr.

Laut ÖAMTC waren 2018 bereits 42,5 Prozent aller tödlich auf Straßen verunfallten Radfahrer E-Biker. Ein neuer Höchstwert. Das liegt einerseits daran, dass sich die Zahl der Räder mit Elektro-Unterstützung massiv erhöht hat. „Es gibt bereits mehr als 500.000 E-Bikes in Österreich“, sagt Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). Die Zahl der tödlichen Unfälle mit den elektrogestützten Bikes steht jedoch in keinem Verhältnis zur Gesamtzahl von sechs bis sieben Millionen Rädern.

Ungewohnter Schwung

Laut Gratzer wird von Neueinsteigern oft die Beschleunigung unterschätzt. „E-Bikes ziehen mit ziemlichem Tempo davon“, sagt er. Wie der ÖAMTC aufzeigt, sind zwei Drittel der tödlichen Unfälle mit E-Bikes im vergangenen Jahr ohne Fremdverschulden passiert. Die eigene Geschwindigkeit werde oft unterschätzt.

Nicht nur für Berg-, sondern auch für Straßenfahrer, die auf Elektro setzen, sind daher Kurse zum Erlernen des Umgangs mit den Gefährten angeraten.

 Alleine in Tirol gab es im Juni ein gutes Dutzend von der Polizei registrierte Unfälle mit Elektrorädern auf Straßen und Radwegen, bei denen die Lenker meist schwer verletzt wurden. Mit wenigen Ausnahmen waren die Opfer zwischen 60 und 78 Jahre alt. Das Durchschnittsalter der 2018 tödlich verunfallten E-Biker lag bei 71 Jahren. Ältere E-Biker sind damit eindeutig eine Risikogruppe.

Chance, mobil zu sein

Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) relativiert diese Zahlen aber: „Dass Unfälle mit älteren Personen eher tödlich enden, liegt alleine schon an ihrer körperlichen Verfasstheit.“ Gerade für die Gruppe ist aber die Unterstützung eines Elektromotors besonders attraktiv, weil sich Steigungen und größere Distanzen leichter bewältigen lassen.

Das ungewohnte Tempo und die Beschleunigung bei E-Bikes sind für Neulinge Risikofaktoren. Auch das Bremsen mit den Gefährten will geübt sein. Sie bieten für Senioren aber auch die Chance, ihre Mobilität zu erhöhen.

Darum ist es für Gratzer das Gebot der Stunde, dass ein sicheres Umfeld  geschaffen wird: „Die Zahl der älteren Menschen wird steigen. Verkehrswege müssen seniorengerecht werden.“
Gerade am Land mangle es vielfach an sicheren Fuß- und Radwegen. „Da bleibt dann oft nur die Landstraße für den Weg zum Gemeindeamt oder ins Geschäft. Und ein Radfahrer, der auf so einer Straße schon mal von einem Lkw mit 80 km/h überholt wurde, weiß, was das heißt“, sagt der VCÖ-Experte