Chronik | Österreich
29.04.2018

Damit der Spaß nicht im Spital endet

Fahrtraining mit E-Bikes: Die rasanten Zweiräder haben durch Tempo und Gewicht ihre Tücken

„Wenns’t an der Ampel zu schnell los fährst, machst einen Satz und stehst mitten in der Kreuzung. Mit dem Tempo rechnet man nicht“, mahnt Instruktor Herbert. „Es hat auch schon manche vom Rad runter gesetzt.“

Herbert und seine Kollegen weisen eine Gruppe von rund 30 Radfahrern ein: Es geht in engen Kurven um bunte Hütchen, über eine Wippe, bergauf und bergab, anfahren, bremsen, wieder losfahren. Ein bisschen wie Fahrschule, nur auf Fahrrädern, genauer gesagt: Auf E-Bikes, die dank ihrer Motorunterstützung bis zu 25 km/h schnell werden können.

„So ein Training macht schon Sinn“, überlegt Heinz, einer der Teilnehmer. „Bei einem Wanderurlaub wird einem ja schon oft ein E-Bike angeboten. Da kann es dann schon sein, dass jemand ohne Übung damit überfordert ist.“ Die Statistik gibt der Einschätzung recht: 2017 verletzten sich 3700 E-Bike-Fahrer so schwer, dass sie in Spitäler eingeliefert werden mussten. E-Bikes sind nicht mehr aufzuhalten: Im Vorjahr war bereits jedes dritte neu im Handel abgesetzte Fahrrad ein E-Bike, 2016 erst jedes Fünfte.

„Das ist natürlich grundsätzlich ein positiver Trend. Die Menschen machen mehr Sport, bewegen sich in der Freizeit mehr in der Natur“, überlegt Jürgen Dumpelnik, Vorsitzender der Naturfreunde Steiermark. „Aber das E-Bike birgt auch Risiken.“ Deshalb entschieden sich die Naturfreunde für ein Trainingsprogramm und holten den ARBÖ an Bord. „Bei Motorradfahrern ist es ganz selbstverständlich, dass sie üben“, begründet Dumpelnik. „Bei E-Bikes ist das auch sinnvoll. Der Spaß soll sich ja nicht in einem Unfall oder Unglück niederschlagen.“

Bis zu 25 Stundenkilometer dürfen E-Bikes offiziell erreichen. Das ist das gesetzlich geregelte Limit, doch die Bikes würden noch flotter fahren, würde die Drosselung des Motors aufgehoben (siehe nebenstehenden Bericht). Aber auch 25 Stundenkilometer sind weit mehr, als der Durchschnittsradler im Alltag fährt, nämlich 15 km/h.

Schwerer und schneller

„Das Abfahren ist oft schon ein Problem“, berichtet Peter Gebetsberger, Sportmanager der Naturfreunde. „Dann haben E-Bikes auch noch einen anderen Schwerpunkt und durch die Fliehkraft eine andere Dynamik in Kurven.“ Wegen des Motors ist ein E-Bike außerdem gut zehn Kilogramm schwerer als ein herkömmliches Fahrrad. „Viele unterschätzen den Schub beim Bergabfahren.“ Nicht zu übersehen ist auch der verlängerte Bremsweg: Ein Aufprall mit 25 Stundenkilometern kommt einem Sturz aus zweieinhalb Metern Höhe gleich.

Zwei Stunden dauert das Training für die ersten Kursteilnehmer am Freitagnachmittag im oststeirischen Ludersdorf. Hermann Hammer hat sein E-Bike erst vor einer Woche erworben. „Ich bin jetzt in dem Alter“, witzelt der Steirer, der durch das Training aber hauptsächlich fit im Umgang mit dem E-Bike werden will: Er leitet mit seiner Frau Radlergruppen. „Da kommen immer mehr Leute mit dem E-Bike. Da muss ich mich schon auch selbst damit auskennen.“

Die Trainings werden in ganz Österreich angeboten, vorerst gibt es 20 Termine. Zusätzlich hat sich Peter Gebetsberger mit Hilfe eines Technikers ein weiteres Hilfsmittel einfallen lassen: Sie haben einen E-Bike-Simulator gebaut. Ein Fahrrad steht auf einer Art Wippe, die sich auf und ab bewegt, je nachdem, was im der parallel laufen virtuellen Realität gerade abspielt: Der Radler hat eine VR-Brille auf und strampelt durch einen hügeligen Wald.

Das hat einen Zweck: Ein Gefühl für den Brems- und Anhalteweg zu bekommen, den ein 25 km/h schnelles E-Bike hat, um unfallfrei zu stoppen. Das sind gute 14 Meter. „Es ist wichtig, das zu trainieren“, betont Gebetsberger.

Das gelte nicht nur für Senioren, bei denen E-Bikes besonders beliebt sind. „Ein unsportlicher 30-Jähriger hat mit dieser Dynamik genauso zu kämpfen.“