Chronik | Österreich
04.09.2018

Die Rückkehr der Bettelstudenten

Wer arbeitet und deshalb zu lange studiert, muss zahlen. Einige Universitäten helfen aus.

Das kommende Wintersemester bringt einem Teil der Studierenden eine unangenehme Neuerung: Wer nebenbei arbeitet, muss ab wieder sofort Studienbeiträge zahlen.

Das gilt für jene, die länger als die Mindeststudienzeit (plus zwei Toleranzsemester) für ihren Abschluss brauchen. Bisher war diese Gruppe von der Gebührenpflicht ausgenommen und bekam das Geld nachträglich auf Antrag zurück; eine Sonderregelung für Berufstätige, die ohnedies in das Steuersystem einzahlen.

Der Verfassungsgerichtshof hat das jedoch aufgehoben, diese Form widerspreche dem Gleichheitsgrundsatz: Wer ausschließlich studiert und nicht arbeitet, müsse schließlich bei Überschreitung der Mindestzeit ebenfalls 363,36 Euro pro Semester zahlen, ohne Möglichkeit auf Refundierung. Schätzungen zufolge dürften 25.000 Studierende österreichweit von der Änderung betroffen sein, exakte Zahlen gibt es (noch) nicht.

Stipendien

Die Richter fällten ihr Urteil bereits vor zwei Jahren, solange hatte die Politik Zeit, einen rechtlich haltbaren neuen Beschluss zu fassen. Doch das passierte nicht, die Frist ist abgelaufen. Ein Umstand, der weder Hochschülerschaft noch einigen Rektoren gefiel. Unis springen deshalb für das nicht repartierte Gesetz in die Bresche. In der Steiermark forcierte Harald Kainz, Rektor der Technischen Uni Graz, eine Stipendien-Variante: „Wir verlieren sonst viele Studenten, die schon einen Job haben, aber dadurch das Studium vielleicht nicht mehr fertig machen wollen.“ Kainz schätzt, dass acht Prozent der TU-Studierenden betroffen sind.

Gemeinsam mit der Karl-Franzens-Universität wurden Stipendien eingerichtet. Wer zwischen rund 6000 und 12.000 Euro jährlich verdient, kann um 500 Euro Zuschuss pro Semester ansuchen. „Das sind genau die, die nebenbei arbeiten und pro Monat nur ein paar Hundert Euro haben.“

Bedingungen

Voraussetzungen sind „Prüfungsaktivität und fortgeschrittenes Studium“, beschreibt Kainz: Zwei Drittel der Ausbildung müssen bereits erledigt sein, außerdem regelmäßig Klausuren absolviert werden. Bisher bekamen 1300 berufstätige Studierende Geld zurück, das war rund eine Million Euro. Von ihnen dürften 20 bis 30 Prozent unter die neuen Bedingungen fallen, also Geld zurückerhalten. Der Großteil geht aber leer aus.

Eine österreichweite Lösung gibt es außerdem auch nicht. Ein KURIER-Rundruf an Universitäten ergab einen Fleckerlteppich an Varianten: Die Universität Klagenfurt arbeitet mit einem Sozialhilfefonds „ohne starre Einkommensgrenzen“, wie es seitens der Uni hieß. Dort haben bisher 1000 Studierende wegen Erwerbstätigkeit die Semesterbeiträge zurückerhalten.

An der Universität Wien wird derzeit noch an der „Umsetzung eines Abschlussstipendiums gearbeitet“: Es soll ebenfalls an „Personen vergeben werden, die schon einen Großteil des Studiums absolviert haben“, ließ die Uni-Pressestelle wissen. „Das Modell wird Anfang des kommenden Semesters ausgearbeitet sein.“

Leistung

Weiter ist die Uni Innsbruck: Wer monatlich maximal 1500 Euro brutto verdient und pro Studienjahr eine Mindestanzahl an Prüfungen ablegt, dem werden die Gebühren erlassen. An der Linzer Johannes-Kepler-Universität würden derzeit noch die „notwendigen Kriterien erstellt“, um ein Stipendiensystem auf die Beine zu stellen, hieß es. Wichtig seien „verschiedene Leistungsparameter und soziale Treffsicherheit“. Eine klare Absage kommt vorerst von der Universität Salzburg: Derzeit ist kein Stipendiensystem in Planung.

Eine überschaubare Lösung ist das nicht. Doch TU-Rektor Kainz hält ein österreichweites System auch nicht für zweckmäßig. „Eine einheitliche Regelung ist nicht notwendig. Dei Rahmenbedingungen an den Standorten sind zu unterschiedlich.“ Er betrachte die Stipendienlösung als fair, betont Kainz. „Es unterstützt die, die weit sind und hat eine starke soziale Komponente.“