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Chronik Österreich
02/14/2021

Die Lawinenversteher der Nockberge

Kommissionen analysieren die Gefahren. Eine Gratwanderung zwischen Schneedruck und Druck von Außen.

von Anja Kröll

Sechs Augenpaare sind konzentriert nach vorne gerichtet. „Kantig, abgerundet“, verkündet ein Mann in einer blauen Funktionsjacke. „Eher kantig“, folgt der Kommentar von Willi Ertl – graue Jacke und Chef des Kärntner Lawinenwarndienstes. Sein Wort hat hier Gewicht. Hier, auf 1.670 Meter Seehöhe in den Kärntner Nockbergen.

Blickt man den 45 Grad steilen Hang nach oben, sieht man die Steinhalterhütte, unten Bad Kleinkirchheim und geradeaus die Mitglieder der örtlichen Lawinenkommission: Sie bestimmen die Kornform des Schnees für ein Schneeprofil. Sie sind Profis, wenn es um das Erkennen und Beurteilen drohender Lawinengefahr geht. „Schneeprofile sind für die Beurteilung der Lawinengefahr enorm wichtig. Man kann durch sie Rückschlüsse auf den aktuellen Zustand des Schnees ziehen. Man erkennt, wie der Winter verlaufen ist und welche Schwachstellen es gibt“, sagt Ertl, der seit 1999 Teil des Lawinenwarndienstes ist.

Sperren: Ja oder Nein?

Im Schnee von Badkleinkirchheim steht er zu Schulungszwecken. Normalerweise gibt es alle zwei Jahre eine große Schulung für alle Mitglieder des Warndienstes, doch diese fällt wegen Corona aus. So hat es Ertl zur Ausbildung in der Kleingruppe in den Weltcuport verschlagen – mit zwei neuen Mitgliedern: Michael Sappl, der Mann in der blauen Jacke, und Florian Mayer, rote Jacke.

Wie wichtig die Arbeit der Lawinenkommission ist, zeigt der schneereiche Winter in Kärnten. An die 35 Lawinenkommissionen gibt es im Süden Österreichs. Sie müssen aus mindestens drei Personen bestehen, damit bei der Beurteilung der Gefahrenlage, der Sperre von Straßen oder der Evakuierung von Häusern eine Mehrheitsentscheidung möglich ist.

"Natürlich ist Druck zu spüren"

Eines gibt es dabei sicher: Ein Minenfeld von unterschiedlichen Interessen. Die Wirtschaft will offene Straßen sehen, damit Urlauber zum Skifahren anreisen können. Die Vorsicht Sperren. „Es dürfte kein Druck auf uns da sein, aber natürlich ist Druck zu spüren“, sagt Ertl. Diese Frage beschäftigt auch Sappl: Wann sperrt man? „Die Kommission gibt nur Empfehlungen an den Behörden- oder Betriebsleiter ab, der entscheidet“, sagt Ertl.

Keine Garantie

Wie schwierig diese Entscheidungen sind, zeigt ein Praxisbeispiel aus Bad Kleinkirchheim vor wenigen Wochen. Die Kommission begutachtete einen Hang, machte sich gerade auf den Rückweg zum Auto. Und „dann ist der ganze Dreck auf die Straße runter gekommen“, erzählt ein Kommissionsmitglied.

„Es gibt für Lawinen keine Garantie, das macht es so schwierig. Wir reden von Naturereignissen und die haben ihre eigenen Regeln“, sagt Ertl. Er macht eine Pause, sucht im Rucksack zwischen Schaufel und Thermometer etwas und sagt: „Erfahrung. Viel Erfahrung. Das ist das einzige, worauf man sich bei der Beurteilung verlassen kann.“

Lupe zur Schneeanalyse

An dieser arbeiten die Männer im Schatten der Steinhalterhütte. Es wird gegraben, Schneeschichten ertastet, die Kornform des Schnees mit der Lupe bestimmt, die Härte mit der Faust ermittelt.

Alles für jede Schneeschicht. Alles freiwillig. Alles ohne Bezahlung. Zumindest in Kärnten. In Tirol etwa werden die Mitglieder Lawinenkommission entlohnt. Damit einher geht aber auch die Haftung für Fehlentscheidungen. „Wir als Kärntner Lawinenkommission haben eine beratende Funktion. Was uns passieren kann, ist, dass wir zivilrechtlich belangt werden“, erklärt Ertl, der mit seiner Truppe beim sogenannten Blocktest angelangt ist. Mit einer sogenannten Reepschnur wird dabei ein Rutschblock aus dem Schnee geschnitten und stufenweise belastet. Der Schneeblock hält dem Druck nicht stand und rutscht ab.

Und der Druck durch zivilrechtliche Klagen wegen vermeintlich falscher Entscheidungen, der steigt. Warum man sich das dennoch antut? „Weil es wichtig ist“, sagt Neumitglied Mayer und schaut nach vorne auf den Schnee.

Der Befund ist eindeutig: kantig – der Chef hatte recht.

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