Martin Gschwentner bewirtschaftet eine von über 2000 Almen in Tirol

© Kurier/Kurier/Bildagentur Muehlanger

Chronik Österreich
06/02/2019

Der erste Alm-Auftrieb nach dem Kuh-Urteil

Die Alm-Saison beginnt heuer mit Verspätung. Für Kuh-Bauern geht dieses Mal beim Auftrieb der Rinder die Unsicherheit mit.

von Christian Willim

Die Kühe stehen scheinbar gelangweilt hinter einem Gatter. Der siebenjährige Markus, seine Cousins und ein Schulfreund können es hingegen kaum erwarten. Lodenhüte am Kopf und Holzstöcke in der Hand helfen der Sohn von Bauer Martin Gschwentner und die anderen jungen Burschen den Erwachsenen beim Almauftrieb mit.

Der beginnt heuer später als üblich. Die Wintereinbrüche der vergangenen Wochen haben die Vegetation gebremst. Doch jetzt stehen die Wiesen rund um den Widschwendthof in Schwoich im Tiroler Unterland in saftigem Grün.

Die Tiere von Martin Gschwentner müssen nicht lange motiviert werden, um sich in Bewegung zu setzen. Nach ein paar Metern zieht es die Rinder über den Forstweg förmlich nach oben. Sie werden den Sommer in 930 Metern Höhe auf der Widschwentalm verbringen.

Die Herde besteht aus zehn Jungtieren des 44-jährigen Landwirts. Die werden weiterverkauft, wenn sie trächtig sind. Mit dabei sind auch zwei Mutterkühe vom Nachbarn - eine bereits mit Kalb, die zweite noch trächtig. Es sind gerade solche Rinder, die besonders sensibel auf Hunde reagieren können.

2014 hat eine Mutterkuhherde eine deutsche Wanderin zu Tode getrampelt, als sie im Stubaier Pinnistal mit ihrem Hund eine Alm querte. Der Halter der Tiere wurde, wie mehrfach berichtet, in erster Instanz zu einer enormen Schadenersatzzahlung verurteilt.

Politik und Bauernvertreter waren um Beruhigung der verunsicherten Alm-Landwirte bemüht. Der Versicherungsschutz für die Tierhalter wurde ausgebaut. Bei der Haftung wollte die Bundesregierung die Eigenverantwortung der Alm-Besucher gesetzlich verankern.

Doch die Novelle steckt nach der Regierungskrise vorerst im Nationalrat fest. Vom Obersten Gerichtshof wurde sie aber ohnehin als unnötig bewertet.

"Die Verunsicherung ist natürlich da, wenn Zahlungen von 500.000 Euro im Raum stehen. Das Urteil ist ja auch noch nicht rechtskräftig", erzählt Gschwentner oben auf seiner Alm angekommen. "Erwischen kann es jeden", sagt er.

Und wenn Hunde im Spiel sind, können nicht nur Mutterkühe rasch in den Angriffsmodus umschalten, wie der Bauer aus eigener Erfahrung weiß. "Letztes Jahr sind die Nachbarn mit ihrem Hund bei uns am Hof vorbeigekommen. Plötzlich ist eines meiner Jungtiere auf sie losgerannt", erzählt der Tiroler.

Passiert sei nichts. "Aber du siehst, wie schnell es gehen kann und dass du in so kurzer Zeit nichts machen kannst." Auch über die Alm von Gschwentner verlaufen drei Wanderwege. Schilder warnen vor den möglichen Gefahren.

Immer mehr Bauern haben in den vergangenen Jahren von der klassischen Milchwirtschaft auf Mutterkühe - oder wie der Tiroler - auf die Jungviehzucht umgestellt. Der Arbeitsaufwand für das Melken fällt da weg. Das erleichtert insbesondere für Nebenwerbsbauern den Alltag.

Als solcher führt auch Gschwentner seinen Hof, den seine Familie seit 1905 betreibt. Zu gering seien die Milcherträge inzwischen bei kleiner Stückzahl, erklärt der Landwirt, der im Hauptberuf Außendienstmitarbeiter bei einer Traktoren-Firma ist.

Die Kühe erkunden derweil ihr Revier. Auf zehn Hektar werden sie bis in den Herbst hinein weiden. „Wir schauen jeden Tag herauf. Nur wenn es im Sommer zu heiß wird, kommen sie für den Nachmittag in den Stall“, erklärt Gschwentner.

Seine Alm ist eine von über 2000 in Tirol. In keinem anderen Bundesland gibt es mehr. Der Tourismus vermarktet das Almidyll höchst erfolgreich. Doch die Zahl der bewirtschafteten Almen geht ständig zurück.

Vor weniger als zwanzig Jahren gab es im gesamten Bundesgebiet noch über 9000 Almen, 2018 waren es bereits weniger als 8000. „Es wäre das Schlimmste, wenn keine Viecher mehr auf die Almen kommen“, warnt Gschwentner. „Innerhalb kürzester Zeit würde alles verwildern.“

Dagegen grasen in ganz Österreich über 300.000 Kühe an. Aber auch rund 115.000 Schafe, über 11.000 Ziegen und fast 10.000 Pferde leisten ihren Beitrag auf den Almen.

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