Menschen knacken: Mit ein paar Tricks kann das laut Autorin jeder

© Getty Images/iStockphoto/IG_Royal/iStockphoto

Chronik | Österreich
03/20/2017

Der Durchblick beim Durchschauen

Profilerin Katrin Streich schildert reale Fälle und leitet aus ihnen Ratschläge für den Alltag ab.

Elf Jahre lang war Katrin Streich Polizeipsychologin im Landeskriminalamt Sachsen und Teil des Profiler-Teams. Zu ihren Aufgaben gehörte es, Täterprofile zu erstellen, mit Geiselnehmern zu verhandeln oder Opferfamilien zu betreuen.

Aktuell ist sie stellvertretende Leiterin des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Heute erscheint ihr Buch "Hinter der Fassade – Entschlüsseln Sie Ihr Gegenüber mit den Techniken einer Kriminalpsychologin".

KURIER: Frau Streich, unser Telefonat ist jetzt nicht die optimale Art der Kommunikation. Sie sehen meine Körperhaltung nicht, genauso wenig, ob ich mit den Augen rolle. Würden Sie dennoch erkennen, wenn ich abgelenkt wäre?

Katrin Streich: (lacht). Sie sehen ja auch nicht, ob ich mit den Augen rolle. Aber ja, ich würde merken, wenn sie woanders sind.

Speziell der erste Teil des Buches war für mich die Aufforderung: Lern’ dich selbst einmal kennen.

Ja, das stimmt schon.

Wie gut kennen Sie sich?

Im beruflichen Rahmen sehr gut. Ich kenne meine Schwachpunkte, weiß, was mich hochbringt. Privat möchte ich mich nicht immer so reflektieren.

Das Gegenüber entschlüsseln – das war lange Ihr Job. Wie oft setzen Sie dieses Wissen bewusst im Alltag ein?

Berufliches und privates vermischt sich da auf die Dauer. Natürlich schätze ich auch privat Menschen ein. Aber nicht bewusst. Manchmal werde ich auch gefragt: Analysierst du mich jetzt?

Sie verknüpfen reale Fälle von Verhandlungen mit z. B. einem Geiselnehmer mit Ratschlägen und Strategien für den Alltag. Dabei wären schon die Fälle allein interessant. Warum diese Art Lehrbuch? Werden Sie so oft nach Ihrer Meinung gefragt?

Freunde und Bekannte fragen mich tatsächlich oft nach meiner Einschätzung. Da geht es um Kommunikationsprobleme mit dem Chef, Probleme mit den Kindern. Und ich wurde auch oft gefragt, warum ich meine beruflichen Geschichten nicht aufschreibe. Das hat dann gut zusammengepasst. Mir war es wichtig, die Fälle zu anonymisieren, um nicht den Voyeurismus zu bedienen. Aber ich wollte herausziehen, was man im Alltag davon nutzen kann. Was in Extremsituationen funktioniert, funktioniert erst recht privat.

Sie betonen, dass eine gewisse Distanz in Ihrem Job ganz wesentlich war. Ist Ihnen das immer gelungen?

Nein. Eine Handvoll Fälle konnte ich nicht so einfach abhaken. Speziell der Fall eines vermissten achtjährigen Mädchens, das später tot aufgefunden wurde. Ihr Gesicht hat mich so berührt. Also habe ich mich mit dem Foto des Mädchens hingesetzt und mich gefragt: Warum? Das Kind sah so hilflos aus auf dem Bild. Dabei wusste es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, was mit ihm passiert. Also war klar, dass ich mithelfen muss, den Fall zu lösen. Ich konnte die Sache aktiv angehen. Das half.

Ihr Job war es auch, Lügen zu enttarnen. Ist das durch Ihre analytische Methode beruflich nicht wesentlich einfacher als privat?

Privat ist es fast noch einfacher. Den Partner z. B. kennt man ja. Man weiß, wie er ist, wenn er nicht lügt. Beim Bemühen, eine Lüge zu verdecken, verändert sich schon das Verhalten. Man muss nur aufmerksam sein. Die Körpersprache ist da nicht unbedingt eine Beleg.

Schade. In der Serie "Lie to me" wird das anders dargestellt.

Das ist eine meiner Lieblingsserien! Da hat sogar ein Emotionsforscher mitgearbeitet. Aber in der Realität ist das leider nicht so einfach.

Aktuell tut sich sehr viel in der Gesellschaft. Die Angst vor Terror ist groß. Wie kann man einen potenziellen Terroristen erkennen? Geht das?

Man kann eingreifen. Speziell dort, wo man mit den Menschen in Kontakt kommt. In der Sozialarbeit oder auf dem Arbeitsamt. Wichtig ist nur, dass diese Stellen gut vernetzt sind. Alarmzeichen sind, wenn sich Menschen plötzlich zurückziehen von Dingen, die sie bisher gern gemacht haben oder von ihrem Freundeskreis. Vielleicht kleiden sie sich auch anders, vertreten plötzlich dominante Ansichten.

Mit der Angst nimmt gleichzeitig die Wut zu. Warum?

Viele Menschen suchen einen Schuldigen, wollen Vergeltung und eine einfache Lösung. Also Zäune bauen, als Volk zusammenstehen. Das Ergebnis ist, dass Rechtspopulisten Oberwasser haben.

Hinter der Fassade

Katrin Streich berichtet in ihrem Buch "Hinter der Fassade" von wahren Fällen, in denen sie Mörder, Kinderschänder und Entführer mit psychologischen Kniffen "knacken" konnte. Daraus leitet sie Ratschläge für den Alltag ab. Erschienen im mvg-Verlag, 17,50 Euro.