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Chronik Österreich
12/25/2018

25. Dezember: Ein Hoch auf den stillsten Tag des Jahres

Der kleine Bruder der stillen Nacht wird oft vergessen. Was ihn ausmacht, erzählen jene, die am Christtag arbeiten müssen.

von Caroline Ferstl

„Stille Nacht, Heilige Nacht“, klingt es spätestens am Heiligen Abend aus zahlreichen österreichischen Wohnzimmern. Viel besungen (wenn auch nicht immer in der ganz richtigen Stimmlage), hoch gelobt und unzählige Male interpretiert wurde das Stück österreichisches Kulturgut in den vergangenen 200 Jahren, während der kleine Bruder der stillen Nacht immer mehr in Vergessenheit rückte: Denn dem stillsten Tag im Jahr, dem 25. Dezember, wurde noch nie ein Lied geschrieben. Ziemlich ungerecht, findet die Autorin dieses Textes, und widmet ihm daher diese 216 Zeilen.

Ausgestorben

Abgesehen von einigen Hundebesitzern, die mit ihren Tieren Gassi gehen, sind die Straßen am Christtag ausgestorben . Nur der eine oder andere Autofahrer kutschiert die Verwandten zur nächsten Familienfeier. Bim, Bus und Bahn fahren – wenn überhaupt – nahezu menschenleer durch die Straßen. Bei den Wiener Linien sind um 25 Prozent weniger Fahrgäste als sonst unterwegs. Selbst der niemals schlafende Flughafen Wien-Schwechat verzeichnet an diesem Tag das geringste Passagieraufkommen des Jahres: Ein Drittel weniger Fluggäste als an einem durchschnittlichen Dezembertag zählt man jährlich. Nur 40.000 Reisewillige eilen am Christtag durch die Abflughalle statt der durchschnittlichen 66.000, die 2017 pro Tag gezählt wurden. Halb so viele wie am passagierstärksten Tag 2017, dem 30. Juni: Da waren es 91.162 Passagiere.

Wie es sich anfühlt, an so einem Tag zu arbeiten, erzählten Mitarbeiter der ÖBB, der Wiener Linien und des Flughafens.

„Da passiert schon mal ein kleines Weihnachtswunder“

„Mir macht es nichts aus, am 25. Dezember zu arbeiten, das ist fast angenehmer als an jedem anderen Tag“, meint Nicole Schirmer vom Flughafen Wien-Schwechat. Die 25-Jährige ist seit sechs Jahren als Terminalguide tätig, mindestens vier Mal war sie bereits an einem Weihnachtsfeiertag im Einsatz. Am Christtag sei alles viel ruhiger und entspannter und vor allem nicht so hektisch wie noch am Tag davor, erzählt Schirmer: „Am 24. Dezember  herrscht Hochbetrieb am Flughafen, jeder will noch zu seiner Familie nach Hause oder muss angereiste Verwandte abholen.“

Am Tag darauf kommt jedoch sogar der niemals schlafende Flughafen ein wenig zur Ruhe, bevor am 26. Dezember dann der Silvesterreiseverkehr startet. „Vor allem in der Früh ist am 25. Dezember beinahe nichts los. Und die Passagiere, die unterwegs sind, sind gut gelaunt und wünschen frohe Weihnachten“, sagt Schirmer.

Da bleibt auch mal Zeit für ein wenig Menschlichkeit: Etwa, als vor ein paar Jahren eine Amerikanerin ganz aufgelöst zum Infoschalter kam, weil sie ihren Pass und ihr Handy im Taxi vergessen hatte. „Wir haben alle Hebel in Bewegung gesetzt und es geschafft, den Taxifahrer zum Umkehren zu überreden. Der hat uns dann die Unterlagen vorbei gebracht und die Dame konnte im letzten Moment ihren Flug nach Hause antreten“, erinnert sich Schirmer. „Ein wirkliches kleines Weihnachtswunder war das.“

„Plötzlich kommt man selbst zur Ruh’, die stille Zeit beginnt“

Während noch am Heiligen Abend mit vollgefüllten Einkaufssackerl im Gepäck um jeden Platz gerangelt wird,  ist es am 25. Dezember  ganz still in der Straßenbahn. „Plötzlich kommt man selbst zur Ruhe und lässt die stille Zeit beginnen“, erzählt Thomas Pratl. Da ist es dann ganz normal, auf einen vereinzelten, herbei eilenden Fahrgast zu warten und die Tür ein zweites Mal zu öffnen, der anschließend vor lauter Freude an die Fahrerkabine klopft und „Frohe Weihnachten“ wünscht. „Die Menschen sind an diesem Tag  freundlicher und entspannter, man bekommt viel zurück“, erzählt der 38-jährige Straßenbahnfahrer.

Für den zweifachen Papa  ist es wichtig, am Heiligen Abend bei der Familie zu sein. Dafür wird  am 25. Dezember gearbeitet. „Einmal kam ein älterer Mann ganz aufgeregt zu mir, mit einem Geschenk unter dem Arm, und jammerte, er habe seinen Hund im Vorderzug vergessen. Er war ganz nervös, es war das erste Weihnachtsfest seines Enkels. Wir konnten dann den Vorderzug einholen, der schon mit der Warnblinkanlage  auf uns wartete. Schlussendlich ist alles gut gegangen“, erzählt Pratl.

Vor allem jene, die Weihnachten alleine verbringen, sind an diesem Tag unterwegs, besonders  in der Linie 71 zum Zentralfriedhof: „Da kommen oft welche her, die suchen Wärme und beginnen zu erzählen. Man hört dann aber gerne zu, man will an diesem Tag selbst ja auch nicht ganz alleine sein.“

„Die Leute sind entspannt, alles ist entschleunigt“

Auch auf den regionalen Bahnhöfen geht es am 25. Dezember ruhiger zu als sonst. „Die Wenigen, die im Zug sitzen, fahren normalerweise auf Besuch zu ihren Verwandten, und sind dementsprechend entspannter als sonst“, meint Zugbegleiterin Sabine Hager. „Mein Lieblingswort dafür ist ,entschleunigt’.“ Denn dass Weihnachten ist, spürt man sogar im Zug: „Die Leute sind redseliger und beginnen zu erzählen und zu plaudern, da sind schon die einen oder anderen schönen Erlebnisse passiert“, überlegt die Schaffnerin.

Seit elf Jahren arbeitet Sabine Hager bei den ÖBB, mindestens acht Mal hatte sie bereits am 25. Dezember Dienst. Dann wird der Heilige Abend etwas ruhiger und entspannter gefeiert und um spätestens 23 Uhr werden die Gäste rausgeworfen. Schließlich ist der früheste Dienstbeginn um vier Uhr morgens. „In Wirklichkeit ist alles nur eine Frage der Planung“, meint Hager, „dann kommt auch das Feiern mit der Familie nicht zu kurz.“

Drückt man dann vor lauter Weihnachtsfrieden bei den Schwarzfahrern ein Auge zu? Hager überlegt kurz. „Solche sind mir zu Weihnachten eigentlich noch nie untergekommen.“ Vielleicht sind die Menschen an diesem Tag ja sogar noch ein bisschen ehrlicher als sonst.

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