Noch zwei Monate hätte die Saison in Ischgl laufen sollen. Ab Samstag stehen Lifte und Hotels still  

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Chronik Österreich
03/12/2020

Wie Ischgl zum Corona-Brandherd wurde

Der Tiroler Wintersportort macht zwei Monate früher dicht. Tourismuschef Andi Steibl geht davon aus, dass weitere Orte folgen werden.

von Christian Willim

„Relax. If you can“. Also: Entspann, wenn du kannst. So lautet der Werbeslogan von Ischgl. Wer in den vergangenen zwei Wochen seinen Winterurlaub oder ein Skiwochenende am „Ballermann der Alpen“ verbracht hat, wird nun womöglich weniger relaxed sein. Am Samstag schließt der Ort seine Pisten – am Montag folgt ganz Tirol.

Alles begann in Ischgl: Der zweitgrößte Wintersportort Tirols hat sich innerhalb weniger Tage zu einem Brandherd bei der Ausbreitung des Coronavirus  in dem Bundesland entwickelt, das mit seinen rund 750.000 Einwohnern  mehr Fälle aufweist, als die 1,9-Millionen-Stadt Wien.

Am vergangenen Samstag wurde zunächst bekannt, dass ein 36-jähriger Barkeeper in Ischgl an dem Virus erkrankt war. Am Montag waren dann bereits 14 Kollegen des Norwegers und eine Person aus seinem sozialen Umfeld positiv getestet.

Es begann in Ischgl, Tirol folgte

Als Tirols Landeshauptmann Günther Platter  am Mittwochabend vor die Presse trat, verkündete er „eine einschneidende Maßnahme“ und erklärte: „Ab Samstag wird der Skibetrieb in Ischgl für zwei Wochen untersagt.“ Es gehe um den Schutz von Bevölkerung, Mitarbeitern und Gästen. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits 35 von 57 bis dahin in Tirol positiv getesteten Personen einen Bezug zu Ischgl – weitere sollten folgen. Allein am Donnerstagabend 15.

Nur einen Tag später wurde bekannt: Das ganze Bundesland Tirol schließt alle Skigebiete ab Montag. Ebenso werden alle Beherbergungsbetriebe nach dem 16. März behördlich gesperrt. Der Montag wurde deshalb gewählt, damit die Gäste geordnet ihre Rückreise antreten können, hieß es. „Diese Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen“, sagte Landeshauptmann Günther Platter. „Aber wir übernehmen Verantwortung für alle Tiroler und für alle, die sich in Tirol aufhalten“, meinte er.

Ausgangspunkt war das „Kitzloch“, eine der vielen Après-Ski-Bars, für die der Ort berühmt und berüchtigt ist. In die meisten der Lokale werden die Gäste direkt über die Talabfahrten des riesigen Skigebiets gespült. Hier lassen es die Feierwütigen bis spät in die Nacht hinein auf engem Raum krachen. Auch wenn sich Ischgl in den vergangenen Jahren versucht hat, von seinem Image als Partyhotspot etwas zu lösen: Das Nachtleben ist neben den schneesicheren Pisten nach wie vor das Aushängeschild.

„Die Situation ist soweit übersichtlich. Man darf jetzt nicht extrem nervös sein“, hatte Andi Steibl, Chef des Tourismusverbandes des Ortes mit 1,4 Millionen Nächtigungen pro Winter, noch am Montag gegenüber dem KURIER zu den Corona-Fällen gemeint. Nach der verordneten Lift-Sperre entschloss sich der Ort jedoch am Donnerstag für ein vorzeitiges Aus der Saison, die bis 3. Mai laufen hätte sollen.

„Ich bin jetzt eigentlich erleichtert und überzeugt, dass wir genau das Richtige gemacht haben“, sagt Steibl nach der folgenschweren Entscheidung. Er ist überzeugt: „Wir sind jetzt die Ersten. Aber die Kollegen von anderen Orten werden nachziehen.“ Die Gäste hätten Verständnis für den Schritt. „Wir haben heute noch 13.000 Skifahrer auf den Pisten“, erzählt der TVB-Chef, der von einem „enormen wirtschaftlichen Schaden“ spricht. 4.000 Mitarbeiter sind ihre Jobs los. Inzwischen mehren sich auch die Corona-Fälle in der Arlberg-Region.

Fruchtbarer Boden für Virus

Tirol ist Pulsgeber der Ausbreitung des Virus. Die Nähe zu Italien, die Intensität des Tourismus und der Uni-Standort Innsbruck mit 33.000 Studenten sind fruchtbarer Boden für den rasanten Anstieg der Fallzahlen. In Tirol wurden am 25. Februar die zwei ersten Corona-Fälle Österreichs identifiziert. Der Barkeeper in Ischgl am Wochenende war Nummer sieben. Bis Donnerstagabend wurden im Bundesland 109 Menschen positiv getestet. Die gute Nachricht: Bisher waren praktisch noch alle Verläufe mild, da die meisten Infizierten im Studentenalter waren.