© Wammerl Patrick

Chronik Österreich
01/21/2021

Coronavirus: 180 Tage langer Kampf zurück ins Leben

Einen 56-jährigen Familienvater hat die Krankheit schwer gezeichnet. Das ist kein Einzelschicksal

von Patrick Wammerl

„Ich verstehe nicht, wie jetzt noch jemand demonstrieren kann. Corona ist schlimm, die Menschen sterben“. Ibrahim Sacirovic (56) weiß, wovon er spricht. Sechs Monate und mehr als 180 Tage nachdem er im Juli des Vorjahres an Covid-19 erkrankte und binnen weniger Stunden ins Koma fiel, ist der Wiener mit Wurzeln in Ex-Jugoslawien immer noch nicht bei seiner Familie zu Hause.

Er versucht, im derzeit größten Rehabilitationszentrum für Corona-Patienten im niederösterreichischen Hochegg (Gemeinde Grimmenstein) in ein normales Leben zurückzufinden. Mehr als die Hälfte der Patienten des 230-Betten-Hauses hat einen schweren Covid-Verlauf überlebt.

Ibrahim Sacirovic hat das Virus nie auf die leichte Schulter genommen. „Wir haben Abstand gehalten, sind immer nur kurz hinaus gegangen und haben niemand getroffen“. Auch von einem Sommerurlaub in der früheren Heimat hat er wegen der Infektionslage Abstand genommen und ist mit seiner Familie zu Hause geblieben.

Es war ein warmer Juli-Tag, an dem sich der Facharbeiter für Trockenbau nicht ganz wohl fühlte. Zur Sicherheit machte er in einem Labor in Wien-Alsergrund einen Test. Dieser war positiv. Er sonderte sich zu Hause von seiner Frau und den drei Kindern in der Wohnung ab, doch ein paar Tage später bekam er Husten, Fieber und Atemnot. Binnen kürzester Zeit spitzte sich die Lage dramatisch zu. „Ich kann mich nur noch an die Rettung erinnern, danach Filmriss“, schildert der 56-Jährige.

33 Kilogramm verloren

Er fiel am 21. Juli noch im Rettungsauto ins Koma und wachte erst sechs Wochen später im September das erste Mal wieder auf. Mehr als 100 Tage verbrachte er insgesamt auf einer Intensivstation. Der kräftige, 185 cm große Mann hatte 33 Kilogramm Muskelmasse verloren. „Er wog nur noch 60 Kilo, als wir ihn in Hochegg aufgenommen haben“, erinnert sich seine behandelnde Ärztin, Katja Domnanovits. Nicht nur die Lunge des Mannes war schwer vom Coronavirus befallen. Auch seine kognitiven Fähigkeiten waren nach dem Koma im Spital stark beeinträchtigt. „Wir wissen mittlerweile, dass es auch das zentrale Nervensystem angreift. Es macht auch etwas mit dem Stoffwechsel im Gehirn“, erklärt Primar Roland Winkler, ärztlicher Leiter der Rehaklinik für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen.

„Ich habe vergessen, wie man schreibt“, schildert Sacirovic. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass es ihn so schlimm erwischt. Er hatte niemals geraucht, keine Medikamente genommen, hat keinerlei Allergien und war körperlich fit.

Die ersten Tage der Reha bestanden darin, sich aus dem Bett zu kämpfen, gestützt von einem Rollator im Badezimmer zu waschen, um anschließend sofort wieder ins Bett zu fallen. „Mehr war nicht möglich. Er hatte keine Kraft“, sagt seine Ärztin. Erst langsam konnte mit Training für die Atemmuskulatur, leichten Kraftübungen und Spaziergängen begonnen werden.

Von Gefühlen übermannt

Sacirovic greift während des Interviews auf seine Flasche Mineral. Eine an sich lapidare Handbewegung, die für den 56-Jährigen weitaus mehr ist. „Erst seit zwei Wochen kann ich sie aufschrauben“. Dem 56-Jährigen kommen die Tränen. Immer wieder wird er von seinen Gefühlen übermannt. „Das ist auch ein Phänomen, das wir beobachten. Viele Corona-Patienten leiden an Depressionen, starken Konzentrationsschwierigkeiten und brauchen unbedingt eine psychologische Nachbetreuung“, so der Primar.

Für die meisten sei es schwierig, mit der exzessiven Isolation umzugehen. „Jeder andere, der so lange im Spital verbringen muss, bekommt Besuch. Bei Corona geht das nicht aufgrund der Beschränkungen“, sagt Winkler.

Ibrahim Sacirovic feierte vor wenigen Tagen, am 10. Jänner, seinen Geburtstag. „Mein wahrer Geburtstag ist aber, als ich hierher gekommen bin. Hier hat mein neues Leben begonnen.“

Es wird noch lange dauern, bis Sacirovic wieder einen normalen Alltag im Kreise seiner Familie erleben darf. In einen körperlich so anstrengenden Beruf wird er nicht mehr zurückkehren können, meint Winkler. Die Folgen des Coronavirus seien bei vielen Patienten extrem langwierig. Deshalb spreche die Medizin mittlerweile auch von „Long Covid“.

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