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Chronik Österreich
06/23/2021

Zwangsehen in Österreich blieben im Corona-Jahr unentdeckt

Schulschließungen wirkten sich negativ aus, wie der Jahresbericht der Frauenberatungsstelle „Orient Express“ aufzeigt.

von Naz Kücüktekin

In Österreich ist Zwangsheirat eine Straftat, für die bei einer Verurteilung bis zu fünf Jahre Haft drohen. Dennoch gibt es sie. Schätzungen gehen davon aus, dass in Österreich jährlich etwa 200 Mädchen und junge Frauen betroffen sind.

Als Zwangsehe gilt eine Ehe, die gegen den Willen eines Ehepartners vollzogen wird. Meist handelt es sich in Österreich dabei um junge Frauen zwischen 18 und 24 Jahren. Der Verein „Orient Express“ kümmert sich um sie.

1998 von türkischen Frauen in Wien als „Haus der Freundschaft von Frauen aus der Türkei für Frauen aus der Türkei“ ins Leben gerufen, fungiert er heute unter anderem als Anlaufstelle für Zwangsheirat und andere Formen von Verwandtschaftsgewalt, wie Missbrauch, partnerschaftliche Probleme oder Generationskonflikten. Betroffene aus allen Bundesländern können sich persönlich, telefonisch oder auch online in verschiedensten Fällen an die Stelle wenden. Das Angebot umfasst neben deutschen auch türkische, arabische und englische Beratungen.

Dunkelziffer

„2020 hatten wir insgesamt 103 Klientinnen, welche unseren Verein aufgrund einer bestehenden Zwangsheirat bzw. einer Bedrohung durch Zwangsheirat aufgesucht haben. Hiervon waren 72 Mädchen bzw. junge Frauen bedroht und 31 bereits betroffen“, erklärt Vereinsvorständin Najwa Duzdar. In akuten Fällen nimmt Orient Express auch die Unterbringung der Mädchen in Schutzeinrichtungen bzw. in von ihnen betreuten Wohnungen vor.

„2020 kam es zu einem Rückgang unserer Klientinnen. Es wurden 27 Klientinnen in unserer Krisenschutzeinrichtung untergebracht“, so Duzdar. Im Vergleich dazu: Im Jahr 2019 waren es noch 139 Klientinnen, welche die Beratungsstelle aufgrund einer drohenden oder einer bereits bestehenden Zwangsheirat aufgesucht haben. 39 davon wurden in einer Schutzeinrichtung untergebracht. Die gesunkene Zahl der Klientinnen ist für Orient Express kein Grund zur Freude – im Gegenteil sogar alarmierend. „Es war vorher schon schwierig, Zugang in die teils sehr verschlossenen Communities zu finden. Auch finden viele der Zwangsehen nicht standesamtlich statt. Corona machte alles noch schwieriger“, so Duzdar.

Orient Express
Der Verein Orient Express  bietet  kostenlose und  anonyme Beratung und Betreuung für Frauen mit Migrationshintergrund. Die Beratungen  werden auch auf Türkisch und Arabisch angeboten.

Kontakt
Telefon: 
01 728 97 25
eMail: 
office@orientexpress-wien.com
Website:
www.orientexpress-wien.com  
 

Schule als Vertrauensort

Aufgrund der Corona-Krise hatten über das Jahr 2020 Schulen und Ausbildungseinrichtungen größtenteils geschlossen. „Gerade diese Einrichtungen sind hier aber ein wichtiger Multiplikator. Durch die Schließung von Schulen und Ausbildungsangeboten oder auch fehlende soziale Arbeit konnten Betroffene nicht identifiziert werden“, so Duzdar. Betroffene hätten wenig bis keine Möglichkeiten mehr gehabt, ihre Vertrauenspersonen zu kontaktieren oder bei einer Stelle anzudocken, erklärt sie.

Die fehlende Instanz einer Schule und der damit einhergehenden Pflicht zur Anwesenheit hatte laut Jahresbericht des Orient Express auch die gestiegene Anzahl von Verschleppungen ins Ausland im Jahr 2020 zur Folge. „Die dadurch entstandene Lücke haben die Täter für die Ausübung einer geplanten Verschleppung ausgenutzt“, sagt Duzdar.

Orient Express, welcher seit 2017 auch als Koordinationsstelle für Verschleppungen agiert, organisierte in diesem Zusammenhang 15 Rückholungen aus dem Ausland, 2019 waren es noch zehn. Die jungen Frauen wurden unteranderem in die Länder Tschechien, Iran, Algerien, Serbien, Tschetschenien, Libanon oder die Türkei verschleppt. „Unsere Klientinnen haben meist sehr unterschiedliche Herkunftsländer, Kulturen und Religion. Was sie aber immer gemeinsam haben, sind die konservativen und patriarchalen familiären Strukturen, in den sie leben“, betont Duzdar.

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