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Café Engländer: Das Ende einer Ära

Christian Wukonigg gab seinen Gästen das Gefühl eines zweiten Zuhauses. Eine Erinnerung an den viel zu früh verstorbenen Chef des Café Engländer
Christian Wukonigg

Dass Christian Wukonigg nicht mehr da sein soll, ist eine absurde Vorstellung. Dass er nie wieder beim unteren Eingang des Café Engländer hereinkommen wird, den schweren Vorhang hinter der Tür zur Seite schiebend, umsichtig nach links und rechts schauend, die Tische nach Stammgästen und Freunden scannend, aber auch den Unbekannten wohlwollend zunickend.

Im Engländer mögen allerhand „Prominente“ herumgesessen sein, ein „Szene-Lokal“, wie immer wieder zu lesen ist, wollte es nie sein. Im Engländer konnte man ausufern. Absichtlich und noch lieber unabsichtlich Leute treffen. Allein unter Menschen sein, wie Alfred Polgar einst den Daseinszweck des Kaffeehauses als solches beschrieb. Es gab und gibt hier keine Tafel, wo stand, man möge warten, platziert zu werden.

Das Café Engländer (ob man „der“ oder „das“ Engländer sagt, darüber herrscht unter den Gästen Uneinigkeit) war stets ein solidarischer Ort. Zumindest keiner mit Gesichtskontrolle. Ein Ort, um mit der Mizzi-Tante auf einen Apfelstrudel zu gehen oder einem ehemaligen Chefredakteur beim Achterl-Waldschütz-Hinunterstürzen zuzuschauen. Ein Ort, um an schmalen schwarzen Tischerln, die an französische Bistros erinnern, Schulter an Schulter mit berühmten Philosophen oder jugendlichen Rucksacktouristen zu sitzen, die ihr Mittagsmenü verspeisten. Auskunft darüber, ob man das Einser oder das Zweier nehmen sollte, holte man sich bei einem der weißbeschürzten Ober, am liebsten dem Roland. Man aß, während man den Kurier, die Süddeutsche oder Le Monde las.

Auch darauf hat Christian Wukonigg geschaut. Internationale Tageszeitungen. Er war gelernter Buchhändler. Man konnte mit ihm über Literatur und Politik diskutieren (Letzteres hat ihn sehr aufgeregt!), gerne auch über seine späte Passion, die Jagd. Und über Fußball natürlich, aber bei Rapid hörte sich der Spaß auf. Rapid war Leidenschaft. Wichtige Matches schaute man oft gemeinsam im großen Fernseher über der Bar. Stoisch und elegant saß er da, wurde nie laut, aber man merkte, dass es ihn magerlte, wenn die Rapidler wieder danebenschossen. Seine Miene schien sich zu versteinern.

Ein später Filmstar

Mit altwienerischem „Servus“ oder „Grüß euch“ begrüßte er einen, hauchte ein gerade richtig angedeutetes Bussi links und rechts. Fast immer war er angetan mit Jackett und gestärktem Kragen, trug das Haar nach hinten gekämmt, wie Filmstars früher auszuschauen pflegten. War er ja auch in seinen letzten Jahren. In der Serie „Crooks“ seines Wahlneffen Marvin Kren, Sohn seines viel zu früh verstorbenen Kompagnons Wolfgang Jelinek, spielte Christian Wukonigg einen geschniegelten Anwalt. Er war stolz darauf, fast so stolz wie auf seine Buben, Paul und Vito, noch keine zehn Jahre alt. Dreimal war Christian verheiratet, er lebte von seiner letzten Frau getrennt.

Wenige wissen, was sich hinter der Fassade des tadellos adretten Gastgebers abspielte. Geredet wurde in der Wiener Innenstadt zwischen Engländer und Schwarzem Kameel allerhand. Es ist das Ende einer Ära, sagen manche, die von Anfang an dabei waren, als Attila Corbaci und Christian Wukonigg ihr Lokal 1990 zum ersten Mal aufsperrten, samt Fassaden-Gestaltung durch Künstler Walter Pichler.

Der Engländer wurde bald zur Lokallegende. Unvorstellbarerweise ging irgendetwas schief. Nach einigen üblen Pächterwechseln versuchten die ehemaligen Buchhändler-Kollegen Wukonigg und Jelinek 2002 einen Neuanfang. Das Lokal florierte.

Doch Jelineks Tod 2017 hinterließ Spuren.

Wolfi Jelineks Porträt hing bis zuletzt hinter der Bar. Jetzt ist es fort, wie auch sein Kompagnon. Stammgäste hatten noch vor wenigen Tagen mit Christian Wukonigg über Fußball geplaudert. Manche hatten von finanziellen Herausforderungen munkeln gehört, vor allem durch andere Lokalbeteiligungen.

Der Engländer war Vielen ein zweites Zuhause. Ein Ort, wo man immer hinkonnte, auf einen kleinen Braunen oder für eine halbe Nacht. Was aus ihm wird, ist ungewiss. Nur das nicht: Eine Ära ist vorbei.