Immer mehr Druck für Pfarrer

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Viele Priester haben mehr Arbeit, aber zu wenig Zeit für sich. Das fördert eine Negativspirale.

Als Krankenhaus-Seelsorger und Rektor der prachtvollen Stiftskirche Melk ist Pater Adolf Marker, 52, gefordert: Sterbebegleitung, Krisenintervention zu Tages- und Nachtzeit; dazu Taufen, Hochzeiten und Gottesdienste koordinieren. „Oft wird an einem gezerrt wie an einer Melkkuh.“ Dass dabei zu wenig Zeit für ihn selbst blieb, merkte der Benediktinermönch erst, „als ich körperlich entgleiste“. Diagnose: Diabetes.

„Die Ärzte sagten, das sei in den Griff zu bekommen. Aber ich muss konsequent sein.“ Heute sind ihm ein wöchentlicher freier Tag sowie eine tägliche Stunde Rückzug heilig. „Früher hätte ich mich das aus Pflichtbewusstsein gar nicht getraut. Kurze Unterbrechungen sind sehr wichtig. Das sind Rituale, um sich selbst wiederzufinden.“

Pater Adolf hat, ähnlich Papst Benedikt XVI., die Notbremse gezogen. Aus gesundheitlichen Gründen. So paradox es klingen mag: Überlastung, Stress und Burn-out steigen auch in geistlichen Berufen an. Genaue Zahlen fehlen jedoch. Der evangelische Theologe und Stressforscher Andreas von Heyl stellte bereits im Jahr 2000 in einer Studie fest, dass zehn Prozent der bayrischen Pfarrer Burn-out-gefährdet sind. „Das war damals schon besorgniserregend. Seither hat die Überlastung erheblich zugenommen.“ Egal übrigens, ob es sich um evangelische Priester mit Familie, Klostermönche mit Mitbrüdern oder einzelkämpfende Weltpriester handelt.

Zu wenige Geistliche

Helmut Schüller: Verständnis der Vorgesetzten fehlt
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Grund für diese Entwicklungen sind für Helmut Schüller, Pfarrer in Probstdorf und Sprecher der kritischen Pfarrerinitiative, immer mehr Aufgaben für immer weniger Geistliche. „Der Termindruck steigt, überhaupt in den neuen, sogenannten Großraumpfarren (zusammengelegte Pfarren).“ Verwaltung und Besprechungen rauben Zeit. „Viele haben das auch gar nicht gelernt. Deswegen sind wir nicht Seelsorger geworden.“ Durch den Druck kommt der Kontakt mit den Menschen zu kurz. Dass großteils das Verständnis der Vorgesetzten fehle, ist für Schüller „erst recht Burn-out-treibend“. In der Erzdiözese Wien will man das nicht so stehen lassen. „Wir wissen, auch Priester brauchen Erneuerung“, sagt Andrea Dobrovits-Neussl von der Abteilung Priesterbegleitung. Man versuche, „helfende Maßnahmen“ anzubieten, etwa Supervision oder geistige Auszeiten.

Vor allem die „innere Veränderung“ sieht Stressexperte von Heyl als Ausweg. Helfen könne Meditation oder ein Hobby, das nichts mit dem Pfarrerberuf zu tun hat. „Etwas, das man gern tut, setzt einen regenerierenden Fluss in Gang.“

Allen Kollegen legt er ein Bibelwort ans Herz, nämlich: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Denn: „Gerade bei sehr engagierten Pfarrern bleibt ein notwendiges Maß an Selbstliebe häufig auf der Strecke.“

Erstellt am 02.03.2013