Streit um Hitlers Geburtshaus zieht ein paar Häuser weiter

Ein Projekt, das fürs Geburtshaus gedacht war, soll jetzt ins alte Stadttheater ziehen. Dahinter steht ein und dieselbe Person.
Seit Jahrzehnten wird um das Haus, in dem Adolf Hitler 1889 geboren wurde, gestritten.

In ein paar Wochen soll die Polizei ins Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau einziehen – und das Gebäude endgültig sein Stigma verlieren. Los ist die Innviertler Stadtgemeinde die Debatte um ihr historisch belastetes Erbe aber noch lange nicht. Mit einem Gemeinderatsbeschluss ist der nächste Streit vorprogrammiert.

In seinem Beschluss vom 18. März befürwortet der Gemeinderat einstimmig das Projekt „Haus der Verantwortung“ und verpflichtet sich, das alte Stadttheater freizuhalten. Dort soll das Projekt angesiedelt werden, die Betreiber haben jetzt zwei Jahre Zeit, um die Finanzierung aufzustellen.

„Haus der Verantwortung“? Es gibt wohl niemanden im Politik- und Medienbetrieb, der dieses Stichwort nicht schon einmal gehört oder gelesen hat: Politologe Andreas Maislinger wirbt seit mehr als 20 Jahren recht intensiv – in persönlichen eMails und auf sozialen Medien – für sein Projekt, das er ursprünglich im Hitler-Geburtshaus einrichten wollte.

Ohne Erfolg. Nach jahrelangem Streit um die Nutzung wurde das Gebäude im Auftrag des Innenministeriums generalsaniert und die Fassade umgestaltet, um Neonazis, die seit Jahrzehnten nach Braunau pilgern, das Fotomotiv zu entziehen.

Rücktritt nach schweren Vorwürfen

Maislinger trommelte weiter, da waren die Bagger längst aufgefahren. Im Frühjahr 2023 wurde es still um ihn, als er wegen Vorwürfen beim „Auslandsdienst“ – ein Verein, der sich weltweit für die Aufarbeitung der NS-Zeit engagiert – als Vorsitzender zurücktreten musste.

Gedenktafel vor einer Baustelle

Die Gedenktafel bleibt auch während der Bauarbeiten vor Ort.

Die Rede war von „mehreren Fällen von Machtmissbrauch und Grenzüberschreitungen“ gegenüber Mitarbeitern und Freiwilligen. Gegen ihn ermittelt wurde nie. Jetzt tritt Maislinger in Braunau wieder in Erscheinung. Über seine Rolle scheint man sich aber nicht so recht einig zu sein.

Rätsel um künftige Rolle des Politologe

Florian Kotanko, Obmann des Vereins für Zeitgeschichte in Braunau, sagt auf KURIER-Anfrage klar: „Andreas Maislinger wird bei diesem Projekt keine führende Rolle spielen.“ Das sei seinem Verständnis nach für alle Beteiligten eine fixe Bedingung und bei den bisherigen Gesprächsrunden so zugesichert worden. Es sei jetzt ein „völlig anderes Projekt“.

Fragt man beim Verein „Haus der Verantwortung“ nach, klingt das anders: Zwar wird Maislinger, der den Verein einst gegründet hat, als Obmann-Stellvertreter von Erich Marschall abgelöst. Beim Projekt hat er dennoch eine verantwortungsvolle Rolle. „Er wird das inhaltliche Konzept erarbeiten und als wissenschaftlicher Begleiter tätig sein“, sagt Marschall. Sponsorensuche und Kommunikation sollen aber nicht mehr über den umtriebigen Innsbrucker Politologen laufen.

Maislinger bestätigt auf KURIER-Anfrage, dass er nicht mehr im Vorstand, aber für das wissenschaftliche Konzept zuständig ist.

Projekt muss Millionen auftreiben

Im Mittelpunkt des Projekts soll ohnehin ein anderer stehen: Cary Lowe, Sohn von Holocaust-Überlebenden, der in Ranshofen bei Braunau aufgewachsen ist. Seiner Vorstellung nach sollen Studenten – vor allem aus den USA – nach Braunau geholt werden, um sich mit dem Thema „Verantwortung“ zu beschäftigen. Aber nicht, wie Marschall betont, mit dem Blick zurück auf den Nationalsozialismus, sondern nach vorne.

Zwei Jahre hat der Verein nun Zeit, das nötige Geld aufzustellen: 400.000 Euro für den Kauf des Gebäudes, fünf Millionen für die Sanierung, eine Million pro Jahr für den laufenden Betrieb – alles aus privater Hand. Die Stadtgemeinde Braunau hat mit ihrem Beschluss nämlich auch fixiert, dass „keine finanziellen Belastungen entstehen dürfen“.

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