Chronik | Österreich
19.01.2016

Baustelle: Wertekurse für Flüchtlinge

Hilfsorganisationen kritisieren uneinheitliche Angebote und fordern "Professionalisierung".

"Jeder macht irgendetwas. Es funktioniert nicht systematisiert", sagt Reinhard Hundsmüller, Geschäftsführer des Arbeitersamariterbundes.

Die Rede ist von der viel zitierten Werte-Vermittlung an die Asylwerber in Österreich. Seit der Vorfälle in Köln fragen sich viele: Wissen die Asylwerber, wie sie sich in Österreich benehmen sollen? Und wird ihnen das überhaupt erklärt?

Auch der Samariterbund berichtet von mehreren Vorfällen: Im November etwa soll ein Syrer in einem Transit-Quartier seine Frau geschlagen haben. Vor der Polizei dürfte er angegeben haben, nicht gewusst zu haben, dass Gewalt gegen Frauen in Österreich ein Verbrechen ist. Ein anderer Syrer soll mit zwei Frauen und neun Kindern nach Österreich gekommen sein. Draufgekommen sei man nur zufällig. Und immer wieder komme es vor, dass junge geflüchtete Mädchen Angst vor österreichischen Männern haben, weil sie sexuelle Übergriffe oder – im schlimmsten Fall – eine Zwangsheirat fürchten.

Fleckerlteppich

Mittlerweile herrscht zwar weitgehend Einigkeit darüber, dass Asylwerbern gewisse Regeln für ein gelungenes Miteinander vermittelt werden sollen. Doch die Lage gleicht derzeit eher einem Fleckerlteppich. Es ist unklar, wer dafür zuständig ist und welche Angebote es überhaupt gibt.

Das Innenministerium etwa erstellte eine Broschüre mit sogenannten "Grundregeln", die seit Jahresbeginn in allen Bundesbetreuungsstellen an Asylwerber ausgegeben werden. Laut Innenministerium wurden bereits 8000 dieser Folder verteilt.

Die Stadt Wien bietet Info-Module zu den Themen Bildung, Gesundheit, Zusammenleben, Wohnen und Soziales. Im Kurs sei die Rolle der Frau ein großes Thema, heißt es aus dem Büro der für Integration zuständigen Stadträtin Sandra Frauenberger ( SPÖ). Die Kurse stehen allen Flüchtlingen offen – auch jenen, die sich noch im Asylverfahren befinden, und zwar kostenlos. Indes: Das Modul Zusammenleben etwa findet im Jänner drei Mal statt, und in jedem Kurs haben bloß 25 bis 30 Teilnehmer Platz.

Planlos

Nun kritisieren die Hilfsorganisationen den fehlenden Plan: "Jeder macht das irgendwie. Die NGOs werden in dieser Sache im Stich gelassen", sagt Reinhard Hundsmüller vom Samariterbund. Er würde einen Wertekurs, gekoppelt an Deutschkurse während des Asylverfahrens als sinnvoll erachten.

Auch Bernd Wachter, Generalsekretär der Caritas, würde solche Orientierungskurse – wie er sie nennt – begrüßen. Das beginne bei den Dingen des täglichen Lebens und gehe bis zu der Frage, welche Sitten in unserem Land gepflogen werden. "Das muss systematisiert und professionalisiert werden." Er kann sich eine verpflichtende Teilnahme an den Kursen vorstellen, auch wenn er Sanktionen für nicht notwendig erachtet: Erfahrungsgemäß würden die meisten Asylwerber Integrationsangebote vorbildlich wahrnehmen.

Christoph Riedl von der Diakonie würde eine "kulturelle Orientierung" im Sinne einer "Bedienungsanleitung für Österreich" befürworten. Eine, in der erklärt wird, wie Österreich funktioniert. Vom Gesundheitssystem bis zu gesellschaftlichen Werten. Ein Handbuch zum Nachschlagen inklusive.

Das Rote Kreuz hat nun selbst einen Taschen-Guide für Asylwerber entworfen und dem Integrationsministerium vorgelegt. Darin wird erklärt, wie das Leben in Österreich funktioniert: „Wir brauchen so etwas für unsere Betreuung“, sagt Generalsekretär Werner Kerschbaum. "Österreich für mich / Ich für Österreich" lautet der Titel der Broschüre, ab März sollen 60.000 Exemplare an alle Hilfsorganisationen verteilt werden.

Die NGOs nehmen vor allem das Integrationsministerium in die Pflicht: Dort sollte man die Kurse organisieren. Von dort wiederum heißt es: Verpflichtende Wertekurse seien in Planung. Man brauche nur noch die Zustimmung der SPÖ.