Jürgen Frick wurde in der Garage seiner Bank erschossen.

© APA/KEYSTONE/ARNO BALZARINI

Banker-Mord
04/10/2014

Banker-Mord: Die Psyche des "Staatsfeind Nr.1"

Heidi Kastner glaubt, dass Verdächtiger Suizid inszeniert hat. Querulanten seien gefährlich.

von Christian Willim

Der Liechtensteiner Landtag hat am Mittwoch unter Polizeischutz getagt. Der gilt auch für weitere Institutionen. Nach dem Mord an dem Bankier Jürgen Frick in Balzers am Montag gehen die Ermittler zwar weiterhin von einem Selbstmord des Tatverdächtigen Jürgen Hermann aus. Doch ein letztgültiger Beweis fehlt: die Leiche des 58-Jährigen, der sich im Rhein ertränkt haben soll. Daher wird weltweit nach ihm gefahndet. Auch im benachbarten Vorarlberg sind die Behörden alarmiert.

Hermann hatte in den vergangenen Jahren Banken, Politiker, Richter und das Fürstenhaus zu seinen Feinden erklärt. Sie alle machte der Fondsmanager für den Ruin seines Unternehmens verantwortlich. Für die bekannte österreichischer Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner zeichnet sich das Bild eines "äußerst selbstgerechten Querulanten". Und die seien besonders gefährlich. "Wer ins Visier von so jemandem gerät, muss sich warm anziehen." Solche Menschen würden glauben, dass ihnen ein himmelschreiendes Unrecht widerfahren sei und alles dieser Idee unterwerfen.

Kastner erinnert an den Amoklauf am Bezirksgericht von Urfahr (OÖ). 1995 richtete ein Pensionist im Verhandlungssaal ein Blutbad in Linz an, weil er den Prozess um einen Nachbarschaftsstreit verloren hatte. Die Entwicklung vom Querulanten zum Fanatiker, der sich schließlich im Wahn verliert, könne Jahre dauern. "Das ist wie beim Fall von Franz Fuchs", zieht die Expertin Parallelen zum österreichischen Briefbomber.

Hermann bezeichnete sich selbst als "Robin Hood von Liechtenstein" und "Staatsfeind Nr.1". "Er hat sich zu einer Überfigur hochstilisiert. Das kennt man von anderen Fanatikern. So jemand hält sich für über allen Werten stehend", sagt Kastner im KURIER-Gespräch.

In Liechtenstein wird seit dem Verschwinden des mutmaßlichen Todesschützen am Montag darüber spekuliert, ob Hermann vielleicht abgetaucht sein könnte. Der Österreicher Peter Kölbel, Moderator des Liechtensteiner Privatfernsehsenders 1 FLTV brachte in einer Sendung zu dem spektakulären Verbrechen auf den Punkt, was viele denken: Hermann sei entweder geflohen oder "er versucht einen großen Racheplan umzusetzen."

Vorgetäuschter Tod

Der studierte Elektrotechniker und Erfinder gilt als sehr intelligent. "Solche Leute können natürlich mehr Schaden anrichten, weil sie besser planen können", warnt Kastner, die nicht davon ausgeht, dass der Flüchtige sich das Leben genommen hat: "Ich glaube, dass das eine Inszenierung ist." In diesem Fall würde es Hermann eine enorme Befriedigung verschaffen, alle an der Nase herumzuführen. Das wäre auch beim Wilderer von Annaberg (NÖ) sicher so gewesen.

Wie Jürgen Hermann tickt, zeigt auch eine Chronologie der Ereignisse (siehe Artikel unten), die das Geldinstitut des getöteten Banker nach der Bluttat veröffentlicht hat. 2010 erhielt Jürgen Frick demnach eine "Osterbotschaft", in der es hieß: "Ihr werdet diesen Krieg verlieren, denn mich kann man nicht besiegen, mich muss man töten und das wird Euch nicht gelingen."

So clever Hermann vielleicht auch sein mag, für Kastner steht fest: "Solche Menschen überschätzen sich maßlos. Und das bringt sie in der Regel zu Fall."

Am Montag soll Jürgen Hermann zur Waffe gegriffen und den Liechtensteiner Banker Jürgen Hermann getötet haben. Verbale Attacken hat er zuvor in Rundumschlägen bereits etliche geritten:

– Auf seiner Homepage bezeichnete sich der 58-Jährige als Robin Hood von Liechtenstein und „Staatsfeind Nr.1“, der dem „Gauner- und Schmarotzerstaat Liechtenstein den Kampf angesagt“ hat.
– 2012 sah sich ein Richter von Hermann bedroht, weil dieser auf seiner Webseite geschrieben habe, dass die „Betreffenden“ – und damit auch der Richter – „Angst vor meiner unsichtbaren Hand“ haben müssten.

– Am 4. April, drei Tage vor der Tat, verschickte Hermann ein Rundschreiben, indem er meinte: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“

Kreuzzug eines Erfinders und gescheiterten Fondsmanagers

Der gebürtige Liechtensteiner Jürgen Hermann erfindet 1980 laut eigenen Angaben den ersten Tauchcomputer weltweit. Er wandert in die USA aus und macht ein Vermögen.

Im Jahr 2000 kehrt der dreifache Familienvater in seine Heimat zurück und versucht sich als Fondsmanager. 2003 wird sein Unternehmen unter die Beobachtung der Finanzmarktaufsicht gestellt, wie die das Geldinstitut des getöteten Bankers in einer Chronologie aufzeigt.

Der Rechtsstreit beginnt 2007. Nachdem Hermanns Unternehmen Pleite geht, verklagt er Liechtenstein auf 200 Millionen Schweizer Franken Schadenersatz, die Bank von Jürgen Frick auf 33 Millionen Franken und seine Ex-Verwaltungsräte auf 10 Millionen Franken. 2010 verliert Hermann und verschickt daraufhin in einer „Osterbotschaft“ eine Kampfansage (siehe Artikel oben).

Ab 2011 versucht Hermann, die Frick Bank zu erpressen. 2012 leitet die Staatsanwaltschaft deshalb ein Verfahren ein. Ein Gerichtspsychiater attestiert dem gescheiterten Fondsmanager eine wahnhafte Störung. Die Polizei nimmt ihm seine Waffen ab.

Am 4. April 2014 verschickt der 58-Jährige erneut ein Pamphlet. Drei Tage später wird Banker Jürgen Frick erschossen. Die Tatwaffe soll Hermann laut Polizei bereits 2012 von einem Verwandten illegal beschafft worden sein.

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