© Willim Christian

Chronik Österreich
08/19/2021

Hitzige Diskussion um autofreie Innenstadt in Innsbruck

Die Grünen haben ihre Verkehrsvision erstmals mit Bürgern diskutiert. Der Erklärbedarf ist groß: Vor allem dazu, was „autofrei“ heißt

von Christian Willim

Die Luft, sie war am Mittwochabend im Fotoforum hinter dem Innsbrucker Rathaus zum Schneiden. Das war dem großen Andrang und den hohen Außentemperaturen geschuldet. Aber auch die Emotionen kochten bei dieser Informationsveranstaltung der Grünen, bei der sie ihr Konzept einer „autofreien Innenstadt“ erstmals Anrainern präsentierten, rasch hoch.

Eine ältere Dame wollte wissen, wie sie künftig ihren pflegebedürftigen Mann versorgen oder wie irgendwann das Essen auf Rädern kommen solle, wenn man nicht mehr zufahren könne. Sie lebt in einem der Bürger-Wohnhäuser in jener Kernzone der Innenstadt, in der laut Vorstellungen der Grünen alle öffentlichen Kurzpark- und Anwohnerparkplätze von der Oberfläche verschwinden sollen.

Missverständnis

Davon, dass in diesem Gebiet kein Zu- und Abfahren mehr möglich sein soll, ist in dem Konzept, das auf einer Machbarkeitsstudie fußt, aber keine Rede.

Für Taxis, Lieferanten oder Behinderte soll es zudem weitere Parkplätze geben.

Mit der „autofreien Innenstadt“ haben die Grünen zwar Aufmerksamkeit erregt und so die Debatte angezündet. Aber nun ist der Erklärbedarf umso größer. Letztlich hieße die Realisierung, dass Bewohner des Kerngebiets in einer benachbarten Zone sehr wohl weiter Stellplätze finden.

Für die soll wiederum Platz geschaffen werden, indem dort Kurzparkplätze in Stellplätze für Anrainer umgewandelt werden.

„Etwas zugespitzt“

Der Titel des Konzepts sei „etwas zugespitzt“ formuliert, musste Verkehrsstadträtin Uschi Schwarzl (Grüne) dem Publikum eingestehen. Die Partei, die zwar den Bürgermeister stellt, aber nur auf 10 von 40 Mandaten kommt, schien fast verwundert, dass über ihre Idee ernsthaft diskutiert wurde.

Ein paar Sessel neben der besorgten älteren Dame saß eine etwas jüngere, die einen gutbürgerlichen Eindruck machte. „Ich sehe das komplett anders“, sagte die Anrainerin zu den Bedenken ihrer Vorrednerin. Sie habe ihr Auto verkauft, fahre nun mit Rad und Bus. „Um das Geld, das ich mir spare, kann ich jeden Tag Taxi fahren.“

Die großen politischen Mitbewerber haben die in der Vorwoche von den Grünen präsentierten Vorstellungen sofort abgelehnt oder erst gar nicht kommentiert. Wie Hannes Reinstaller, Autor der Machbarkeitsstudie, den Anrainern erklärt, geht es gerade einmal um rund 450 Parkplätze weniger in der Kernzone. Dem stehen, etwa für Besucher von außerhalb, die nach wie vor einfahren könnten, rund 5.400 Stellplätze in den zahlreichen Tiefgaragen im Zentrum gegenüber.

0,8 Quadratkilometer

Die von den Maßnahmen berührte Kernzone und der Außenbereich machen 0,8 km² des Innsbrucker Stadtgebiets aus – ein großer Teil davon ist bereits Fußgängerzone. Zum Vergleich:

Der erste Bezirk von Wien mit dem historischen Kern hat eine Fläche von 2,88 km². Wer die „autofreie“ Innsbrucker Innenstadt der Länge nach durchschreiten will – so sie jemals Realität werden sollte –, hat von der Triumpfpforte bis zum Hofgarten derade einmal einen guten Kilometer Fußmarsch vor sich. Die Strecke entspricht jener vom Wiener Stephansdom zum Karlsplatz.

So provokant die Idee der Grünen klingt: Bei allen Problemen, die bei der Umsetzung mitbedacht werden müssten, erscheint sie nicht unrealistisch. Eine Mehrheit dafür zu finden, dürfte derzeit aber kaum möglich sein.

Der grüne Bürgermeister Georg Willi und seine ehemaligen Koalitionäre (ÖVP, SPÖ, Für Innsbruck) sind zutiefst zerstritten. Und grüne Verkehrsideen waren einer der Hauptgründe für das Zerplatzen dieses Vierer-Bündnisses.

Aber wie sagte Willi bereits in der Vorwoche: „Am Ende braucht es eine politische Mehrheit.“

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