Ein Embraer-Jet der AUA war betroffen

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Chronik Österreich
04/15/2019

Flugunfallbericht: AUA-Jet stürzte beinahe auf Salzburg

Flugzeug mit 102 Insassen startete durch, kämpfte aber 73 Sekunden mit der zu niedrigen Geschwindigkeit

von Dominik Schreiber, Kid Möchel

Ende Oktober 2017 wütete rund um Salzburg ein Sturm. Mehrere Maschinen konnten nicht landen, sondern mussten am Flughafen wieder durchstarten. Ein Video zeigt etwa den Landeversuch einer Boeing 737-800 der „Enter Air“, die Flügel streifen beinahe über den Boden. Der Pilot wird in Medienberichten als Held gefeiert.

Was bisher niemand wusste: Nur zwei Tage zuvor hatte es einen weit schwereren Zwischenfall mit einem Embraer-Jet der Austrian Airlines mit 102 Insassen (davon 98 Passagiere) gegeben. Wäre er nur fünf km/h  langsamer gewesen, wäre er über dem Salzburger Stadtgebiet abgestürzt. Mehrere Sekunden lang war die allerletzte Warnung aktiv – der sogenannte Stick Shaker.

Der Vorfall mit der "Enter Air":

Dieser ist die Überziehwarnung und zeigt an, wenn es zu einem Strömungsabriss („Stall“) kommt und ein Flugzeug abstürzt. Beim Absturz der Boeing 737-MAX8 in Ethopian war das etwa der Fall – nachdem der Stick Shaker über eine Minute aktiv war.

Scherwinde

Laut einem Zwischenbericht der Untersuchungsstelle des Verkehrsministeriums (SUB) wollte der Pilot nach Instrumenten-Flugregeln auf der Piste landen. Rund vier Kilometer vor der Landung wurde das Flugzeug von sogenannten Scherwinden erfasst. Das sind starke Fallwinde und sehr gefährlich.

Es gibt zahlreiche Vorfälle: Im Dezember 1992 verunglückte etwa eine DC-10 in Portugal deswegen, damals starben 54 Menschen.

Im August 1985 wurde eine Lockheed so zu Boden gedrückt, dass sie über einen Highway radierte und am Flughafen Dallas explodierte. Es gab 134 Tote.
Zurück nach Salzburg. Der Flugkapitän leitete umgehend ein Durchstartmanöver ein und schob beide Leistungshebel nach vorne, heißt es im Bericht. Er drückte jedoch nicht den  TOGA-Knopf (Take-Off/Go Around), mit dem der Schub reguliert wird.

Deshalb passierte folgendes: Die Flugzeugnase ging in die Höhe, allerdings wurde die Geschwindigkeit nicht erhöht. Ähnliches passierte bei den Boeing-MAX-Maschinen – doch dort war die Geschwindigkeit zu hoch.

Durch die Erhöhung des Anstellwinkels auf 13 Grad und die gleichzeitige Geschwindigkeitsreduktion auf 113 Knoten (209 km/h) wurde eine Überziehwarnung mit Stick Shaker für ein bis drei Sekunden bei einer Flughöhe von 740 Fuß (225 Meter) über Grund ausgelöst.

73 Sekunden

Doch damit nicht genug. Der Pilot wusste offenbar nicht, was zu tun ist. Mehr als eine Minute lang dürfte er gerätselt haben, warum das Flugzeug zwar auf Steigen programmiert, aber zu langsam unterwegs war. Deshalb wurde auch keine normale Steigrate erreicht. Erst 73 Sekunden nach der erstmaligen Aktivierung der Überziehwarnung wurde TOGA gedrückt und eine normale Steigrate des Luftfahrzeugs erzielt, wird im Bericht dargelegt. Nach dem Fehlanflugverfahren wurden zwei Warteschleifen (Holdings) geflogen bevor das Luftfahrzeug (...) ohne weitere Vorkommnisse aufsetzte.

Die AUA erklärt dem KURIER in einer Stellungnahme, dass „unsere Crew als Sicherheitsmaßnahme den Anflug abgebrochen hat. Während des Durchstartevorgangs aktivierte sich eine Überziehwarnung. Der Modus der Triebwerke, der für das Durchstartmanöver notwendig ist, stand nicht unmittelbar zur Verfügung. Unsere Piloten haben dies dann korrigiert. Wie in solchen Fällen üblich, kooperieren wir mit der Sicherheitsuntersuchungsstelle. Unser Ziel ist es, die Sicherheit auf einem höchstmöglichen Niveau zu halten. Eine Untersuchung solcher Szenarien ist dazu da, um ähnlich gelagerte Vorfälle in Zukunft zu vermeiden.“