© Elisabeth Holzer

Interview
08/27/2020

"Als wären wir in einer Hochburg des Antisemitismus"

Was Präsident Elie Rosen an den Folgen der Angriffe auf die Grazer Synagoge zornig macht.

von Elisabeth Holzer

20 Jahre nach ihrer Wiedererrichtung wurde die Grazer Synagoge geschändet. Auch der Präsident der Jüdischen Gemeinde, Elie Rosen, wurde attackiert. Der Verdächtige, ein Asylwerber aus Syrien, gestand, aus "Hass auf Juden" gehandelt zu haben.

KURIER: Ist es für Juden in Österreich wieder gefährlicher geworden?

Elie Rosen: Es sind diesmal Grenzen überschritten worden, so etwas ist in den vergangenen Jahren nicht passiert. Aber wenn man Antisemitismus hört, redet man immer gleich vom rechten. Das stört mich. 90 Prozent von dem Antisemitismus, mit dem wir zu tun haben, ist auf Israel bezogen oder muslimischer Antisemitismus.

Der Verdächtige soll ein Islamist und Einzeltäter sein. Gerade in Graz ist die Islamistenszene eine große. Haben Sie schon früher Anschläge befürchtet?

Die Frage, ob das ein Einzeltäter ist oder nicht, stellt sich für mich nicht. Durch die sozialen Medien ist das unbedeutend geworden. Es genügt das virtuelle Umfeld, die Applaudierer findet man nicht mehr am Stammtisch, sondern im Netz. Und ja, es gibt in Graz eine Dschihadistenszene, aber die ist nicht gleichzusetzen mit den Muslimen. So gesehen wundert es mich, dass nicht schon früher etwas passiert ist, aber das nicht nur bezogen auf jüdische Einrichtungen.

Es gab nach den Übergriffen viele Solidaritätsbekunden.

Diese Bekundungen haben nach außen etwas furchtbar Plakatives. Es wäre nett, wenn man das direkt zu uns sagt. Blabla-Erklärungen, man ist gegen Antisemitismus, machen mich zornig. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der gesagt hat, er wäre dafür.

Wie geht die Gemeinde mit den Vorfällen um?

Die Ereignisse waren ein Rückschlag. Ich habe versucht, Graz international als eine Stadt darzulegen, in der jüdisches Leben Platz hat, versucht, Studenten nach Graz zu bekommen. Und dann kommt ein Einzelner und mach das alles zunichte. Das war in allen jüdischen Medien weltweit. Das Image ist kaputt: Wir stehen jetzt da, als wären wir in Graz mitten in einer Hochburg des Antisemitismus. Hier hat der Täter einen extremem Schaden angerichtet. Die Glasscheiben kann ich ersetzen, aber der Imageschaden bleibt.

Die jüdische Gemeinde in Graz zählt 150 bis 200 Mitglieder. Das ist nicht viel.

Man hätte schon viel früher Maßnahmen setzen müssen, um jüdisches Leben zu fördern. Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren. Ich würde mir eine Migration wünschen, wie sie die deutsche Bundesregierung Ende der 1980er-Jahre ermöglicht hat. Aber das wird dann keine aus der EU sein, sondern wahrscheinlich aus früheren Sowjetrepubliken. Wer jüdisches Leben will, der muss es fördern und schützen.

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