Chronik | Österreich
21.01.2018

Als ich einmal Berufssoldatin werden wollte

Seit zwanzig Jahren dürfen Frauen zum Bundesheer. Nun hat’s eine KURIER-Redakteurin probiert. Am Ende der Eignungsprüfung gab es weder Blut noch Tränen. Aber Schweiß und Ernüchterung.

Ob ich das hier ernst meine oder ob ich "nur" für den Artikel mit dabei bin, wurde ich in den vergangenen Tagen öfter gefragt. Abgesehen davon, dass manche Journalisten ziemlich viel für einen Artikel tun würden: Nein. Ich habe den Eignungstest für Berufssoldaten nicht nur aus journalistischem Interesse mitgemacht. Ich wollte auch etwas über mich selbst erfahren. Das habe ich. Außerdem ist mein Respekt vor dem Österreichischen Bundesheer deutlich gestiegen. Und ich habe beeindruckende Menschen kennengelernt. Kerstin, Anette, Lisa, Dani, Jessie: Ihr seid coole Frauen. Unteroffizier Grünmann: Ich werde Ihre Liegestütze nie vergessen.

Die Vorgeschichte

Im Oktober 2017 traf ich im Zuge einer Reportage Stefan Chavanne, Leiter des Heerespersonalamtes. Der honorige Hofrat nahm mich beim Wort, als ich vollmundig behauptete: "Die Eignungsprüfung schaff’ ich auch!"

Seiner Einladung "Na, dann machen Sie sie doch" wollte ich nach meiner großspurigen Ankündigung nicht widersprechen.

Auf meine Freiwilligenmeldung zum Ausbildungsdienst im Sinne des § 37 des Wehrdienstgesetzes 2001 folgt Anfang Dezember die Einladung zur Eignungsprüfung in der Hessen Kaserne in Wels. Zuvor werde ich ins Heerespersonalamt in Wien-Stammersdorf geladen, wo mir dringend ein Vorbereitungswochenende empfohlen wird. Dieses Vorbereitungswochenende informiert über den Verlauf der Prüfung und die Verwendung in einer Unteroffiziers- oder Offiziersfunktion. Idealerweise bereitet man sich mehrere Wochen auf die Eignungsprüfung vor. Das Bundesheer bietet eigene Trainingspläne, erstellt von einem Personaltrainer, an, der einem unter anderem zeigt, wie man Liegestütze sachgemäß ausführt.

Auf die Liegestütze, erklärt man mir beim Amt, wird großer Wert gelegt. Mein Terminplan erlaubt mir die Teilnahme an diesem Wochenende nicht. Ich werde die Eignungsprüfung unvorbereitet absolvieren. Wie sich noch herausstellen wird, werde ich das bereuen. "Wir raten zur Vorbereitung", hat die Beamtin beim Heerespersonalamt gesagt. "Die Leute überschätzen sich oft."

Keine Ausreden

Vorerst genügt, dass ich mit meinen 45 Jahren überhaupt hier antreten darf. Das Alterslimit wurde unlängst aufgehoben. Bis vor kurzem war die Suche nach Herausforderungen beim Bundesheer unter 34-Jährigen vorbehalten. Nun darf auch ich mich mit 18-Jährigen matchen. Die Prüfung ist für alle gleich. "Aufs Alter können Sie sich hier nicht herausreden", werde ich vorgewarnt.

Das Bundesheer scheint als Arbeitgeber attraktiver geworden zu sein. Die Freiwilligenmeldungen zum Dienst an der Waffe haben sich in zwei Jahren mehr als verdoppelt, Soldatinnen zählen beim Bundesheer allerdings immer noch zu einer eher seltenen Spezies, auch wenn ihr Anteil steigt. Derzeit liegt er bei 3,6 Prozent, die Politik wünscht sich zehn Prozent. Werde ich den Frauenanteil erhöhen? Ich bin groß genug (Mindestmaß ist 1,56 cm), weder über- noch untergewichtig, meine Kurzsichtigkeit geht gerade noch durch und mir fehlen keine lebenswichtigen Organe. Außerdem halte ich mich für sehr sportlich. Ob meine Liegestütz-Kenntnisse den strengen Regeln des Bundesheeres genügen, erscheint mir nebensächlich. Einzig die Vorstellung einer durchwachten Nacht macht mir Sorgen.

Bildergalerie: Der Weg zur Berufssoldatin

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Manche Outfits beim Bundesheer sind Geschmackssache.  

Ernste Mienen auf einigen Gesichtern –  kein Wunder, um 6.30 Uhr.  

Abstraktes, logisches Denkvermögen wird hier abgefragt.  

Zumindest das schaffe ich mit links: Ich bin groß  genug für den Test.  

Der Ergometertest war noch einfach ...

... bei den Liegestützen habe ich versagt – ich muss zur  Nachprüfung.

Den  2400-Meter-Lauf  bewältige ich in zwölf Minuten. Eine gute Zeit, aber lang nicht die beste. 

Schwimmen gehört auch zur Prüfung ...

... das kann ich deutlich besser als Klimmzüge.

Große Erwartungen

Tag eins – ich packe. Wanderausrüstung, Laufhose, Badeanzug, Hauspatschen. Bei der Ankunft in der Kaserne in Wels bekomme ich Trainingsanzug, Badeschlapfen und Sporttasche ausgehändigt, die mir für die Dauer der Prüfung geborgt werden. Die schlabbrigen Hosen stehen nicht einmal meinen jüngeren Mitbewerberinnen. Egal. Die Heldin dieser jungen Frauen ist nicht Heidi Klum. Beim Bundesheer gibt’s keine "Mädchen" oder "Girls", schon gar keine "Damen", sondern "Frauen".

Wir werden darüber informiert, wann wir schlafen, aufstehen und "Körperpflege durchführen" dürfen.

Ich schlafe bei den Frauen, Fotograf Jürg in einem anderen Pavillon. Ich verabschiede mich von ihm und fühle mich seltsam allein gelassen. Sind die anderen Kandidatinnen auch so nervös wie ich? Leises, unsicheres Kichern im Raum. Ein Hauch von Schulskikurs. Das Einschlafen fällt den meisten schwer. Zu groß sind die Erwartungen. Die Frauen hier – die jüngste ist 18, die älteste 27 – träumen von Pilotenausbildung und Gebirgsjägern. Es geht hier um viel, es geht um ihre Zukunft.

Jetzt wird es ernst

Tag zwei beginnt um fünf Uhr Früh, um sechs starten die medizinischen Voruntersuchungen, danach darf ich frühstücken. Um halb elf wird der Ergometertest darüber entscheiden, ob mir die Amtsärztin die sportlichen Herausforderungen überhaupt zutraut.

Ja, das tut sie. Erleichterung. Am Nachmittag die ersten psychologischen Tests. Im Vorteil ist, wer Computerspiel-Erfahrung hat. Für Menschen wie mich, die genau einmal, und zwar im Sommer 1985 "Pacman" gespielt haben, ist vieles gewöhnungsbedürftig.

Für einige von uns endet die Eignungsprüfung bereits heute. Es stellt sich heraus, dass der junge Mann, der sich so lange Zeit für die Harnabgabe gelassen hat, Grund dazu hatte. Sein Suchtmitteltest ist positiv, er kommt nicht weiter und wird außerdem bei der Behörde gemeldet.

Zapfenstreich ist heute eigentlich um 22 Uhr, wir drehen das Licht schon früher ab, jede Minute Schlaf zählt jetzt. Ich schlafe hier in meinem Stockbett im Zwölf-Personen-Zimmer wie ein Murmeltier.

Unter Beobachtung

Der Prüfungstag beginnt kurz vor sieben mit dem Deutschtest. Sollte ich hier patzen, wird es peinlich. Lückentext, Bildbeschreibung und schriftliche Meinungsäußerung bewältige ich problemlos. Eine andere Peinlichkeit lauert bereits. Das, was ich für Liegestütze gehalten habe, ist nicht, was man hier von mir erwartet. Nämlich Liegestütze, wie Unteroffizier Grünmann sie macht: Den Körper parallel zum Boden, und zwar so weit unten, dass die Nasenspitze beinahe den Boden berührt. Ich grinse tapfer, bin aber richtig sauer auf mich. Und erinnere mich an die Frau vom Amt: "Viele überschätzen sich."

Um acht Uhr folgt der 2400 Meter-Lauf. Ich bewältige ihn in zwölf Minuten, eine gute Zeit. Hier sammle ich Punkte. Weiter geht’s zum Psychotest. Einer von vielen. Die Behörde hat mich gebeten, nicht über die Details dieser Prüfungen zu berichten. Nur so viel: Die Test sind für 20-Jährige, nicht für 45-Jährige gemacht. Es geht um Konzentration, Ausdauer, Merkfähigkeit.

Jetzt kommen Gruppenarbeiten. Wir sollen unter Beobachtung Probleme lösen. Wie verhalten sich die Kandidaten in Belastungssituationen? Teamfähigkeit, aber auch Entscheidungs- und Führungskompetenz werden getestet. Einzelkämpfer sind nicht gefragt.

Nach dem Abendessen geht’s weiter mit Englisch-Test (der leider nicht viel zählt) und Schwimmprüfung. Die ist einfach. Eine Viertelstunde irgendetwas im Wasser machen, das nach Schwimmen aussieht. Von manchen, die diesen Teil der Prüfung überraschenderweise bestehen, möchte ich im Ernstfall nicht gerettet werden. Eine halbe Stunde nach Mitternacht wieder Sport: Hochspringen und Klimmzüge. Auch hier brilliere ich nicht. Vielleicht, weil ich das selten um diese Zeit mache. Danach, es ist mittlerweile drei Uhr Früh, sollen wir Schrauben, Muttern und Verbindungsblättchen ordnen. Und immer wieder gilt es, sich Zahlen- , Buchstaben- und Symbolreihen zu merken, zu korrigieren oder zu unterstreichen.

Im Bunker

Dann kommt der sagenumwobene Bunkertest, von dem in vielen Internetforen die Rede ist. Nur so viel: Es ist finster, voll Rauch und man muss auch hier wieder Zahlen, Wörter und Gesichter erkennen. Zwischen 6.15 und 9.30 Uhr dürfen wir uns ausruhen. Danach folgt das "Psychologisch-diagnostische Interview". Hier soll ich erfahren, wer ich bin. Ich erfahre zumindest, dass ich die Eignungsprüfung geschafft habe. Allerdings muss ich Liegestütze und Klimmzüge wiederholen.

Was ich in diesen dreieinhalb Tagen dazugelernt habe: Dass ich Schlaf brauche. Dass ich nicht so fit bin, wie ich gedacht habe. Und dass die Berufssoldaten des Österreichischen Bundesheeres einiges draufhaben.

Will ich sie selbst, die Karriere beim Heer?

Das muss ich mir noch überlegen.

So geht’s zum Test

Die Kriterien: Der Eignungstest des Heerespersonalamtes im Prüfzentrum in Wels dauert drei Tage und besteht aus einem medizinischen, einem sportlichen und einem psychologischen Teil. Beim psychologischen Test geht es um kognitive Leistungsfähigkeit, Regelorientierung, Psychische Belastbarkeit, soziale Kompetenz und Motivation. Auch Deutsch- und Englischkenntnisse werden abgeprüft. Beim sportlichen Teil sind Liegestütze, 2400-m-Lauf, Standhochsprung, Klimmzüge im Schräghang sowie 15 Minuten Schwimmen in erkennbarem Brust- oder Kraulstil zu absolvieren.