Chronik | Österreich
08.11.2018

Als der Sommerurlaub noch Luxus war

Die Sommerfrische des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts war ein Vergnügen des Wiener Großbürgertums

Wenn heute mit dem Wiederbeleben der Sommerfrische auch auf die Masse abgezielt wird, hat das mit dem ursprünglichen Phänomen nur wenig zu tun. Denn die Sommerfrische des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts war ein Elitenphänomen. „Es war ein Vergnügen der sozialen Oberschicht, das man sich nur leisten konnte, wenn man ein entsprechendes Einkommen hatte“, erklärt Robert Kriechbaumer, emeritierter Historiker an der Universität Salzburg.

Auch mit heutigen Kurzurlauben hatte die Sommerfrische wenig zu tun. „Das Wiener Großbürgertum ist mit Kind, Kegel und Hausrat in die Sommerfrische gefahren und dort für den ganzen Sommer oder zumindest mehrere Wochen geblieben“, sagt Kriechbaumer. Das Ende markierte oft der Geburtstag von Kaiser Franz Joseph am 18. August. „Da hat man langsam wieder zusammengepackt“, so der Historiker.

Je näher am Kaiser, desto wichtiger

Die Zentren der Sommerfrische waren das Salzkammergut sowie die Gebiete um Semmering und Rax. Dabei gab es besonders im Salzkammergut eine klare hierarchische Aufteilung mit dem Sommerfrische-Ort von Kaiser Franz Josef, Bad Ischl, als Zentrum. „Je näher man am Kaiser und Bad Ischl war, desto bedeutender war man“, sagt Kriechbaumer.

So wurde das gesamte Salzkammergut ein Refugium für das Wiener Großbürgertum. Auch im Salzburger Seenland gab es noch Sommerfrischler, allerdings mit Abstrichen. „Dort waren die, die es sich auch gerade noch leisten konnten“, sagt Kriechbaumer.

Während im Salzkammergut Villen errichtet wurden, dominierten im südlichen Niederösterreich am Semmering und der Rax Nobelhotels. Das Publikum war laut dem Historiker ähnlich: „Das war kein Mittelschichtphänomen, da war das Großbürgertum.“ Auch vor der Erderwärmung gab es gute Gründe, einer Großstadt wie Wien in den Sommermonaten zu entfliehen. Die Hitze war noch nicht so groß wie heute, die Geruchsbelastung aufgrund zahlloser Pferdefuhrwerke allerdings ungleich höher. Die frische Landluft erschien dem Bürgertum da als Wohltat.

Kultur war ein Urlaubsaufputz

Mit dem Adel kamen zahlreiche Künstler auf Sommerfrische. Die Familie Hugo von Hofmannsthals war in Altaussee auf Sommerfrische. Gustav Klimt verbrachte die Sommer am Attersee, Arthur Schnitzler und Karl Kraus hatten an der Rax ihr Sommerdomizil. Wobei die Künstler meist weit vom heutigen Ruhm entfernt waren.

„Die Literatur und bildende Kunst ist ein Hungerleiderjob gewesen. Es gab Mäzene, die Künstler auf die Sommerfrische eingeladen haben“, erzählt Kriechbaumer. Das ist eine der wenigen Parallelen: Auch heute bekommt die Sommerfrische mit Kulturveranstaltungen oft einen Aufputz.