Chronik | Österreich
08.11.2018

Die Rückkehr der „Sommerfrische“

Hitzegeplagte Städter sehnen sich nach Abkühlung bei einem Kurzurlaub in der Nähe. Niederösterreich erstellt Angebote.

„Das ist doch ein total veraltetes Konzept.“ Die ersten Reaktionen der Tourismusexperten waren für ein Team der Universität für Bodenkultur (Boku) ernüchternd. Sie hatten eine Wiederbelebung der guten alten „ Sommerfrische“ als Antwort auf den Klimawandel angeboten. Mittlerweile hat sich die Expertenmeinung geändert. Vor allem, weil die Mehrzahl der im Sommer von der Hitze geplagten Wiener den Begriff „Sommerfrische“ positiv bewertet. Niederösterreich wird deswegen das Boku-Studienergebnis in seine Tourismusstrategie einarbeiten und spezielle „Abkühlungsangebote“ für die Wiener zusammenstellen.

Refresh! Revival der Sommerfrische“ ist der Titel der Studie, an der auch das Umweltbundesamt und die Hochschule Luzern mitgearbeitet haben. Wiebe Unbehaun, eine der Autorinnen: „Bislang ist es bei den Auswirkungen des Klimawandels immer nur um den Wintertourismus gegangen. Wir wollten wissen, wie es den Menschen in der heißen Stadt geht.“ Konkret in Wien.

Mehr als deutlich zeigt die Studie, dass zwei Drittel der 877 Befragten im Sommer unter der Hitze leiden. Rund 66 Prozent zogen auf Nachfrage auch in Erwägung, vor der Hitze in nahegelegene Orte zu fliehen. Mit dem Begriff „Sommerfrische“ verbinden sie Seen, Berge, Naturerlebnisse, Erholung und Entspannung. Und auch Abkühlung. Im Naturpark Ötscher-Tormäuer im niederösterreichischen Mostviertel war es zum Beispiel im Sommer vielfach um zwölf Grad weniger heiß als in Wien. Andreas Purt vom Mostviertel-Tourismus: „Da war allein schon der Schlaf erholsamer.“

Das Mostviertel mit Gemeinden wie Annaberg, Göstling oder Gaming wird das Testgebiet für die neue „Sommerfrische“. Dort passt seit der Landesausstellung 2015 auch das Bettenangebot. Gemeinsam mit den Studienautoren findet noch im November die „11. Mostviertler Nachhaltigkeitskonferenz“ unter dem Titel „Sommerfrische – quo vadis?“ statt.

Natur und Sport

Funktioniert das Konzept, wird es wohl auf ganz Niederösterreich ausgerollt. Beim Begriff „Sommerfrische“ waren von den Wienern neben dem Mostviertel auch noch die Wiener Voralpen mit dem Semmering, der Rax und dem Wechselgebiet sowie das Waldviertel genannt worden. Tourismuslandesrätin Petra Bohuslav (ÖVP): „Es gibt den Trend, wieder die Sommerfrische anzubieten. Die Sommerfrische hat Potenzial.“ Die Natur, die Vielfalt der Regionen und die Möglichkeit zu sportlichen Aktivitäten seien zentrale Motive, um die heiße Stadt für wenige Tage zu verlassen. Bohuslav: „Der Klimawandel findet statt, das ist ein Faktum. Wir haben uns damit zu beschäftigten, wie wir im Tourismus damit umgehen.“

 

Dass sich die Wiener nach solchen kühlen Erholungsplätzen sehnen, darauf hat der heurige Sommer bereits einen Vorgeschmack gegeben. Das Alpenhotel in Gösing an der Mariazellerbahn war in der Vergangenheit in erster Linie nur von Jägern und Anglern besucht worden. Jetzt mehren sich jene Gäste, die sich dort einfach von der Hitze der Stadt erholen wollen. Wiebe Unbehaun: „Es ist davon auszugehen, dass eine Nachfrage für die Sommerfrische generiert werden kann.“