Abgesagt: Heuer kein Adventmarkt in Wien

© APA/HERBERT NEUBAUER

Chronik Österreich
12/13/2020

Lokale zu, keine Adventmärkte: Immer mehr treffen sich dennoch draußen

Die neue Freiluftkultur in Zeiten von Corona.

von Anna-Maria Bauer

Ganz haben es sich Monika* und Judith* einfach nicht nehmen lassen wollen. Der Christkindlmarkt am Rathausplatz wurde zwar abgesagt, doch die beiden Jugendfreundinnen Mitte 40 haben sich an diesem Abend im sanften Lockdown dennoch für Punsch und Kekse am Rathausplatz eingefunden.

Sie sitzen im Halbdunkeln auf einer Parkbank, ein paar Schritte hinter dem Herzerlbaum, der auch ohne Christkindlmarkt leuchtet. Dick eingepackt, auf einer Isodecke sitzend, trinken sie Glühwein aus der Thermosflasche.

Hätten sie einander zu Hause getroffen, wäre das gesetzeskonform gewesen. Doch hier im Freien ist das, was sie tun, streng genommen nicht erlaubt.

Mindestens ein Meter

Seit Montag befindet sich Österreich im sanften Lockdown, die Ausgangssperre ist zwischen 6 und 20 Uhr ausgesetzt, in dieser Zeit darf man Personen aus einem Haushalt wieder bei sich zu Hause begrüßen. Im Freien muss man jedoch zu jedem, mit dem man nicht wohnt, weiterhin einen Abstand von mindestens einem Meter halten.

Doch immer mehr Menschen scheinen sich ihre eigenen Regeln zurechtzulegen.

"Daheim würden wir uns noch nicht treffen", sagt eine 28-jährige Wahlwienerin, die mit ihren vier Freundinnen ein paar Bänke von Monika und Judith entfernt ebenfalls Glühwein aus der Thermosflasche trinkt: "Im Freien fühlen wir uns alle wohler."

Zum Wohlfühlen muss dem persönlichen Sicherheitsempfinden entsprochen werden – offenbar nicht so sehr den vorgegebene Regeln von oben.

Verlorene Freiheit

Professor Erich Kirchler vom Institut für Arbeit-, Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Universität Wien wundert das nicht: "Im ersten Lockdown war unser Verhalten von Unsicherheit, Unwissenheit und Angst geprägt. In solchen Situationen lassen wir uns meist widerspruchlos von Führungskräften leiten, verhalten uns diszipliniert, um das Ärgste von uns abzuwenden."

Doch die Pandemie dauert an. Wir haben einiges gelernt, aber wir sind auch ungeduldiger und gereizter geworden. "Wir versuchen, unsere verlorene Freiheit zurückzugewinnen und tendieren zur Illusion, unser Verhalten und die Konsequenzen kontrollieren zu können", sagt Kirchler. Dazu kommt, dass die "Regeln von oben" oft als widersprüchlich erlebt werden, nicht konsequent und nachvollziehbar erscheinen.

Art der Kommunikation

Hier hakt Psycho- und Sozialtherapeutin Rotraud Perner ein: "Regeln, die nicht eigenbestimmt (mit)gestaltet werden, bieten unzufriedenen Menschen Anlass zur Rebellion – oder stillem Frust." Je paternalistischer, also angeblich fürsorglich, Regeln erstellt werden, desto mehr würden sie zu einer Art "kindlichen Regression" verlocken.

Das Problem liegt weniger in den Regeln selbst als in der Kommunikation darüber. Und hier sieht Perner auch Handlungsbedarf seitens der Politik. "Solche Sozial-Regeln müssten im Stufenbau der Rechtsordnung vom Bund mit den Ländern, weiter zu den Bezirken, den Gemeinden und dort lokal aufgeteilt mit der Bevölkerung vereinbart werden."

Eigene Verantwortung

Im Allgemeinen sind die Besucherinnen im Park an dem Abend sehr achtsam, reflektiert. Sie erzählen, dass sie aus ihren eigen Flaschen oder Bechern trinken, sitzen nicht zu nahe.

Dass sie alle zu den Vanillekipferln aus der gleichen Dose greifen, lassen sie unerwähnt. Auch die selbst gemachten Regeln werden also nicht konsequent eingehalten.

Regeln einzuhalten bedarf Aufmerksamkeit und Konzentration, meint Perner. "Und die lässt bekanntlich nach wenigen Minuten nach. Man ärgert sich, wenn man darauf (in dem Fall: das Abstandhalten, Anm.) hingewiesen wird, dabei braucht es nachgewiesenermaßen mindestens 20 Wiederholungen bis man etwas Neues dauerhaft gespeichert hat." Man müsste eine Challenge daraus machen, meint Perner, analog vielleicht zur Ice-Bucket-Challenge. Beim Händeschüttel-Ersatz habe das ja genau so funktioniert.

Ganz ignoriert werden die rechtlichen Verordnungen aber doch nicht. Kurz vor 20 Uhr brechen Judith und Monika wieder auf. Die Ausgangssperre möchte man doch nicht verletzen.

* Namen geändert

Was darf man?

Im Freien
An öffentlichen Orten muss zu haushaltsfremden Personen ein Abstand von mindestens einem Meter eingehalten werden. Zwischen 20 und 6 Uhr gilt wie bereits vor dem  harten Lockdown eine Ausgangssperre. (Zum Spazieren, Arbeiten, bei Gefahr oder um anderen zu helfen, darf man nach draußen).

Zu Hause
In den eigenen vier Wänden darf man zwischen 6 und 20 Uhr einen Haushalt empfangen. Allerdings dürfen sich in einer Wohnung bzw. einem Haus maximal sechs Personen mit sechs Kindern aufhalten.

Zu Weihnachten
Vorgestellt, aber noch nicht in eine Verordnung gegossen: Am 24. und 25. Dezember dürfen einander zehn Personen aus unbegrenzt vielen Haushalten, an Silvester sechs Erwachsene und sechs Kinder aus zwei Haushalten treffen.

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