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Chronik Österreich
10/11/2020

550 Morde in Österreich durch DNA-Spuren geklärt

Seit 23 Jahren setzt das Kriminalamt auf die DNA-Datenbank. Begonnen hat es mit Jack Unterweger.

von Markus Strohmayer, Konstantin Auer

Es war 2011, der Tag vor Silvester, als zwei verkleidete Männer das Schmuckgeschäft von F. Çal betraten. Sie trugen Perücken und Frauenkleider. Danach ging es schnell, einer sprühte dem Juwelier Reizgas in die Augen. Es entwickelte sich ein Handgemenge, der andere Täter plünderte die Vitrinen.

Der junge Schmuckverkäufer riss einem der Männer die Perücke vom Kopf, doch das Räuberduo entkam samt Beute. Çal hoffte auf die Überwachungsvideos. „Als auch diese keinen Erfolg brachten und immer mehr Zeit verging, gab ich die Hoffnung auf Gerechtigkeit irgendwann auf“, erinnert sich der heute 34-Jährige.

Doch Gerechtigkeit kam diesen Jänner in Form eines Treffers in der DNA-Datenbank. Weil an der im Kampf zurückgelassenen Perücke Spuren hafteten, konnte Jahre später ein Täter ausgeforscht werden, der auch seinen Komplizen preisgab.

Häfenliterat

Dass solch späte Ermittlungserfolge möglich sind, ist in Österreich Herbert Beuchert, dem ehemaligen Chef der Interpol-Wien und Mitbegründer der DNA-Datenbank, zu verdanken. Österreich betreibt seit 1997 so eine Datenbank und sammelt darin Spuren aus Blut, Sperma, Speichel oder Haaren.

Österreich war Vorreiter bei der DNA-Analyse, doch die Einführung der Datenbank war damals nicht unumstritten.

Herbert Beuchert | Mitbegründer DNA-Datenbank

„Initialzündung war der Fall Unterweger“, erinnert sich der 76-Jährige. Der „Häfenliterat“ wurde damals hofiert, sagt er. Um einen unbefangenen Sachverständigen zu garantieren, suchte man in der Schweiz und wurde mit Dr. Dirnhofer fündig. Er erstellte ein DNA-Gutachten, das Unterweger belastete.

Die damalige Methode war jedoch nicht massentauglich, da man Blut der Verdächtigen brauchte. Den Durchbruch brachte die DNA-Entnahme via Mundabstrich. „Österreich avancierte zum Vorreiter in der kriminalistischen DNA-Analyse, wenngleich die Einführung der Datenbank nicht unumstritten war“, erzählt Beuchert. 

Groß war damals die Angst in der Bevölkerung, die Polizei könnte dieses Werkzeug missbrauchen. Eine Angst, die laut Bundeskriminalamt aufgrund weitgehender Anonymisierung unbegründet war.

Nun gibt es die nationale DNA-Datenbank schon seit 23 Jahren. Am 1. Oktober waren darin 244.000 Personenprofile gespeichert. 26.400 Verdächtige wurden dadurch identifiziert und 550 Mordfälle geklärt. „Die DNA-Analyse ist zum wichtigsten Werkzeug der Kriminalisten geworden“, sagt Reinhard Schmid, Leiter des zentralen Erkennungsdienstes im Bundeskriminalamt (BK).

Eingespeist werden in die Datenbank übrigens nur Spuren von Taten, auf die eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr steht. „Oft konnten wir Mörder finden, weil sie bei Einbrüchen oder Raufhandlungen beteiligt waren“, sagt Schmid.

Heute brauchen die Ermittler kein Blut und keine Zigaretten mehr. Kleine Hautpartikel reichen. „In Zukunft könnten die Analysen noch sensitiver werden“, sagt Schmid. Viel wichtiger sei es aber, dass die internationale Vernetzung ausgebaut und die Datenbanken größer werden.

1997 Gründung
Seit diesem Jahr betreibt Österreich eine operative DNA-Datenbank 

26.400 Verdächtige
wurden seither durch DNA-Abgleiche identifiziert und 550 Mordfälle geklärt

200 Delikte
werden im Schnitt pro Monat durch Treffer in der nationalen DNA-Datenbank geklärt. Durch internationale Abgleiche kommen 2.000 geklärte Delikte im Jahr dazu

Österreich ist im Prümer Datenverbundsystem, in welchem DNA-Identitäten und Fingerabdrücke online ausgetauscht werden. 13 EU-Staaten sind Mitglied, 2.000 Fälle können dadurch jährlich geklärt werden. Österreich unterstützt derzeit vier Staaten am Westbalkan dabei, eine Datenbank aufzusetzen.

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