Chronik | Österreich
03.07.2018

21 Minuten in brennender Gefängniszelle: Insassen klagen

Vier Männer überlebten den Brand in ihrer Zelle im Jahr 2016 nur knapp. Zwei von ihnen verlangen eine Entschädigung.

Am 16. Oktober 2016 brach in einer Zelle in der Justizanstalt Wien-Josefstadt ein Feuer aus. Einer der vier Insassen, ein 32-jähriger Algerier, hatte eine Matratze in Brand gesetzt. Die anderen Männer mussten zusehen, wie Flammen und giftiger Rauch den Raum erfüllten. Die Betriebsfeuerwehr konnte den Brand in letzter Minute löschen. Die vier Insassen überlebten mit schweren Verbrennungen. Insgesamt wurden einschließlich Justizwachebeamte 14 Personen verletzt.

Der Brand forderte keine Todesopfer. Doch eineinhalb Jahre später werden Details bekannt, die den Vorfall in ein schiefes Licht rücken. Die Wiener Wochenzeitung Falter hat am Dienstag bisher nicht bekannte Überwachungsvideos veröffentlicht, die den Einsatz dokumentieren.

Rettung nach 21 Minuten

Die Aufnahmen zeigen, dass die Betriebsfeuerwehr sieben Minuten brauchte, bis sie erstmals Wasser durch eine Tür-Öffnung in die Zelle spritzte. Eine Viertelstunde dauerte es, bis die Tür geöffnet und der erste Insasse aus der Zelle gezogen wurde. Der letzte der vier wurde erst 21 Minuten nach dem Ausbruch des Feuers gerettet.

Im Falter berichtet der damalige Strafgefangene Miragha Gholamazart von den qualvollen Minuten in der Feuersbrunst, von den Schreien der Männer und den zwölf Tagen, die er nach der Rettung auf der Intensivstation verbringen musste. Jetzt strengt er eine Amtshaftungsklage gegen die Republik an. Denn der 32-Jährige, der den Brand verursachte, hätte seiner Ansicht nach nicht in dieser Zelle untergebracht werden dürfen. „Sie haben uns mit diesem Verrückten eingesperrt, obwohl sie wussten, dass er gefährlich ist“, sagte Gholamazart dem Falter. Der Zeitung zufolge war der Mann zuvor bereits auffällig geworden, hatte getobt, Wachbeamte attackiert und angespruckt. Selbst in einer Gummizelle war er nicht zu beruhigen gewesen. Trotzdem brachten ihn die Beamten in der Viermannzelle unter, wo er weitertobte und seine Zellengenossen bedrohte. Ein zweiter Insasse fordert eine Entschädigung von der Republik. Bisher wurden die Ansprüche abgelehnt.

„Dieser Einsatz ist eigentlich vorbildlich gelaufen“, sagt eine Sprecherin des Justizministeriums. Es habe für die Einsatzkräfte zwei Bedrohungsszenarien gegeben – zum einen das Feuer, zum anderen die „sicherheitsrelevante Bedrohungslage“. „Das musste bei der Vorgehensweise während der Rettungsaktion berücksichtig werden.“ Man hätte den Einsatz danach mit Polizei, Berufsfeuerwehr und Berufsrettung evaluiert. Ergebnis: Der Einsatz sei als höchst professionell eingestuft worden.

Dass die Wachebeamten überfordert waren, legen jedoch die Videoaufnahmen nahe. Der Falter berichtet außerdem, dass an jenem Tag nur 36 Beamte ihren Dienst versahen — bei 1200 Häftlingen.

Zum Falter-Artikel