Chronik | Oberösterreich
26.11.2017

"Zwang zur Zusammenarbeit steigt"

Der scheidende Kulturmanager sieht keine Alternative zur Zusammenarbeit von Linz und dem Land Oberösterreich

Der deutsche Kulturmanager Hans-Joachim Frey war fünf Jahre lang künstlerischer Leiter der LIVA, zu der auch das Brucknerhaus gehört. Morgen, Montag, findet zu seinen Ehren ein Abschiedskonzert statt. Mit Beginn des neuen Jahres wird der 52-Jährige Leiter des neuen Kultur- und Festivalzentrums im russischen Sotschi, das am Schwarzen Meer liegt.

KURIER: Wie sehen Sie Ihre fünf Jahre in Linz?Hans-Jochachim Frey: Ich gehe sehr versöhnlich. Es war eine sehr wellenförmige Zeit. Das neue Musiktheater, die neue Standortbestimmung für das Brucknerhaus, zwischendurch ein neuer Finanzdirektor, Kontrollamtsbericht. Es gab immer wieder politische Unruhe, auch durch Konflikte zwischen Stadt und Land. Wir hatten nun ein sehr erfolgreiches Jahr, ein tolles Brucknerfest. Jetzt gehe ich sogar mit einer Träne im Knopfloch. Ich gehe, wo es am Schönsten ist. Aber so ist das Leben.

Hat das Musiktheater dem Brucknerhaus geschadet?

Heute würde ich sogar sagen, es hat es motiviert und gezwungen, Änderungen vorzunehmen. Das Brucknerhaus hatte vorher eine Monopolstellung in der Stadt. Durch das Musiktheater war man gezwungen, dieses Monopol aufzugeben, innovativ zu sein und sich neue Strategien zu überlegen. Es hat im ersten Augenblick dazu geführt, dass die Zuschauer gesagt haben, sie wollen in den Neubau gehen. Sie waren neugierig. Andere sind wieder zurückgekommen. Das war eine aufregende Zeit.

Hat das Brucknerhaus einen Schaden davongetragen?

Nein, gar nicht, das würde ich nicht sagen. Wir wurden positiv motiviert zu zeigen, wer wir eigentlich sind. Und wir mussten eine Standortbestimmung vornehmen.

Wo steht das Brucknerhaus heute?

Das Ziel war das größte Konzerthaus außerhalb Wiens. Und gleichzeitig die kulturell-gesellschaftliche Mitte für diese Stadt zu bilden. Wir haben viele Gastveranstaltungen, wir haben ein buntes Spektrum, von den Bällen bis zu einem großarigen Klassikprogramm mit internationalen Künstlern.

Das Musiktheater steht für Oper, Theater, Ballet, wir stehen für alle Formen des Konzerts, von Jazz bis Weltmusik und bis zur Unterhaltungsmusik.

Sowohl die Stadt Linz als auch das Land Oberösterreich müssen sparen. Die Kulturbudgets werden reduziert.

Das Brucknerhaus und das Musiktheater sind wichtig für Oberösterreich, aber überregional relativ bedeutungslos.

Salzburg verfügt mit den Festspielen über den zehnfachen Etat. Wenn wir unser Budget ansehen, ist das, was wir geleistet haben, erstaunlich. Wir haben in der verangenen Jahren mit den Länderschwerpunkt China, Rußland und Südkorea eine Internationalisierung versucht. Das hat uns eine große Medialität gebracht.

Linz ist nicht Salzburg, es ist nicht Wien, sondern es ist in der Mitte und es ist eine Stahlstadt. Es hat die Ars Electronica, es ist eine heterogene und damit auch eine moderne Stadt. Wir wollten mit einem ungewöhnlichen Programm in der Mitte etwas schaffen, was die anderen nicht hatten.

Haben Linz und Oberösterreich überhaupt die Chance, kulturell aus der Regionalität herauszukommen? Dem Ars Electronica Festival ist es gelungen, vielleicht auch dem Brucknerfest. Dem Musiktheater noch nicht.

Man muss sehen, was der Kulturauftrag ist. Überregionale Bedeutung zu gewinnen kann man nur durch die Bildung von Alleinstellungsmerkmalen. Salzburg wird immer Salzburg bleiben, es hat sich das über viele Jahre aufgebaut. Es ist internationaler Kulturtourismus, wo die Leute aus der ganzen Welt zu den Festspielen kommen. In dieser wunderbaren Sommerzeit, in dieser wunderbaren Landschaft.

Wien ist Wien. Über die Wiener Staatsoper braucht nicht zu reden, dazu kommen die Wiener Philharmonikern und das Konzerthaus. Wien ist vielleicht die attrativste Kunst- und Kulturstadt der Welt.

Da in der Mitte ein Profil zu schaffen, das internationale Ausstrahlung hat, geht nur, wenn man etwas bieten kann, das keiner hat. Dem Ars Electronica Center ist das gelungen. Wir haben Bruckner. Alles, was mit und um Bruckner zu tun hat, wird in den nächsten Jahren noch gestärkt.

Linz hat diese wunderbare Donaulage. Das hat international kein Haus. DieKlangwolke hat sicherlich eine internationale Ausstrahlung. Das sind die singulären Elemente, die wir herausarbeiten können. Mit den finanziellen Vorgaben kann man nicht mehr erwarten. Ansonsten braucht es eine deutliche Erhöhung des Budgets, damit man die großen Stars hier regelmäßig einladen kann.

Würde es helfen, wenn sich Stadt und Land zusammentun und einzelne Projekte verstärken, um internationale Aufmerksamkeit zu bekommen?

Das würde in jedem Fall helfen.

Wird nicht zu viel klein, klein gemacht, jeder in seinem Schrebergarten?

Man muss wissen, was die Politik will. Das Land und die Stadt und die Politiker haben das Interesse, die eigene Klientel zufrieden zu stellen. Man sagt Ja zur Internationalität, aber sie wird immer von den Politikern hinterfragt, welchen eigenen Nutzen sie haben.

Es gibt nur den Weg, dass sich Land und Stadt zusammensetzen, um langfristig weitere Leuchtturmprojekte für diese Region zu schaffen. In diese Richtung wird es eines Tages hingehen. Das wünsche ich Linz sehr.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Das Brucknerfest hat mit 700.000 Euro ein sehr reduziertes Budget. Alle anderen wie die Styriate in Graz oder die Innsbrucker Festwochen haben wesentlich mehr Geld. Hier sollte man ein eigenes, starkes, autarkes Brucknerfest schaffen und Synergien nutzen. Das wurde seit Jahren diskutiert, ist aber nicht umgesetzt worden. Eine Art Kunstfestival. Das ist das einzige Projekt, das liegengeblieben ist. Die Stadt Linz hatte mich vor eineinhalb Jahren gebeten, hier mit dem Team der LIVA einneues Konzept zu erarbeiten. Wir haben das 2016 vorgestellt. Es ging um ein weltoffenes Festival analog zu den Wiener Festwochen. Alle großen Kulturinstitutionen wie das Landes- und Musiktheater, das Ars Eletronica, das Kulturquartier etc. sollten sich hier einbringen. Analog der Kulturhauptstadt 2009 sollte Ende Mai, Anfang Juni für fünf bis sechs Wochen ein großes internationales Kunstfest mit klassischer Musik, mit weltweit interessanten Installationsprojekten etc. stattfinden. Das wäre etwas ganz Besonderes gewesen. Man hätte das Budget gemeinsam mit den anderen Kulturinstitutionen hochfahren müssen. Es hätte ein Zwei-Millionen-Projekt sein müssen. Ich hatte vorgeschlagen, sogar ein europäisches Kulturfestival in Vereinigung mit Passau und Budweis zu machen und es Donaufestival zu nennen. Manhätte sogar europäische Fördergelder lukrieren können. Da hätte man ein Statement setzen können.

Es ist nicht umgesetzt worden, es fehlte der letzte politische Wille. Das sollte jetzt gar keine Kritik sein. Aber man sollte schauen, wann ist die Zeit gekommen, wann ist sie reif?

Durch die Kürzungen wird die Zeit reif?

Der Zwang zur Zusammenarbeit wird größer. Wenn man nicht mehr die Mittel hat, muss man neue Ideen und Strukturen entwickeln. Das rege ich an.