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Chronik Oberösterreich
01/20/2020

Wochenbett: Zeit der Ruhe und des Kuschelns

Wer nach der Geburt zu schnell wieder in den Alltag einsteigt, riskiert auch Langzeitschäden, warnen Experten.

von Claudia Stelzel-Pröll

Die Geburt war ganz anders als gedacht, die ersten Stillversuche sind ein Kampf, der ganze Körper schmerzt und die Hormone spielen verrückt. Im Krankenzimmer finden sich bereits 12 Stunden nach der Entbindung uneingeladen jede Menge Freunde und Verwandte ein, alle mit besten Tipps und Ideen, wie denn die ersten Wochen mit dem Neugeborenen verlaufen könnten. Zu Hause geht es nahtlos weiter: Besuch bewirten, den Haushalt schmeißen, daneben stillen und das Baby versorgen. Alles soll so laufen wie gewohnt – mit dem Unterschied, dass es einen kleinen Menschen mehr im Familienverband gibt, der die volle Aufmerksamkeit und Kraft der Eltern braucht und einfordert.

Zeit nehmen

„Mit dem Wochenbett sind nicht die ersten zwei, drei Tage nach der Geburt gemeint. Da geht es, wie der Name schon verrät, um Wochen, nämlich bestenfalls um sechs“, erklärt eine, die es wissen muss. Constanze Hanner arbeitet als selbstständige Hebamme in Linz und Umgebung, betreute 2019 rund 300 Frauen und absolvierte 1366 Hausbesuche.

„Im Kopf der Frauen gibt es oft diesen Leistungsdruck: Ich muss funktionieren. Das können manche auch nach einer Geburt nicht abschalten. Dabei ist es so entscheidend, sich Ruhe zu gönnen, Pausen einzulegen, zu liegen, mit dem Baby zu kuscheln, viel zu stillen und sich Zeit für diese neue Familienkonstellation zu nehmen“, sagt Constanze Hanner. Denn Schwangerschaft und Geburt seien für den Körper belastend, danach brauche es entsprechende Phasen der Regeneration.

Zu viel Stress

Nicht selten kommt es vor, dass Frauen nach einer Geburt wieder viel zu rasch und heftig in den Alltag einsteigen. Das kann Folgen für Körper und Seele haben. „Aus medizinischer Sicht kann zu viel Stress im Wochenbett etwa Brustentzündungen oder einen Milchstau auslösen, es kann zu Infektionen kommen, die sogar in stationären Aufenthalten enden können. Auf den Babyblues kann die Wochenbettdepression oder im seltenen Fall sogar die Wochenbettpsychose folgen, wenn sich Frauen in dieser sensiblen Zeit nicht schonen“, erklärt Dr. Gerald Bräutigam, Gynäkologe am Kepleruniklinikum und Wahlarzt in Linz.

Auch an Langzeitfolgen sei zu denken: „Der Körper, und speziell der Beckenboden, braucht nach einer Schwangerschaft Zeit, sich zu regenerieren. Sonst kann es später zu einer Gebärmuttersenkung oder sogar zu Inkontinenz kommen.“ Auch Bräutigams Appell lautet: „Das Wochenbett ist die Zeit der Ruhe, des gegenseitigen Kennenlernens. Da darf man als Familie ruhig egoistisch sein und etwa Besuchszeiten begrenzen. Und es darf zu Hause auch mal was liegen bleiben.“

Schöne Scheinwelt

Wer auf Social-Media-Plattformen wie facebook oder Instagram unterwegs ist, bekommt dort oft Jung-Mamas präsentiert, die wenige Tage nach der Geburt in ihr normales Gewand passen, wieder ihren Hobbys nachgehen und das Neugeborene scheinbar mühelos nebenbei schaukeln. Eine Scheinwelt, vermutet Gynäkologe Bräutigam: „Solche Postings sorgen bei vielen Frauen für Verunsicherung. Sie fragen sich, warum denn bei ihnen selbst alles anders und zum Teil gar nicht rund läuft. Dazu sage ich nur: Niemand zeigt in der virtuellen Welt, wenn etwas schlecht läuft. Jeder und jede postet doch nur die Sonnenseiten.“

Auch die Väter sind im Wochenbett gefragt: „Die Rolle des Papas ist eine essenzielle. Er soll die Frau unterstützen, sie versorgen und Besuche reglementieren,“ weiß Constanze Hanner aus Erfahrung: „Wichtig ist, dass die frisch gebackenen Mamas nicht alleine gelassen werden mit ihren Sorgen und Fragen.“

Wer sich schon vor der Geburt Gedanken über die Zeit des Wochenbetts macht, vielleicht Freunde oder Familienmitglieder aktiviert, die Essen vorbeibringen oder Geschwisterkinder abnehmen, erlebt seltener böse Überraschungen. Hanners Fazit: „Niemand muss 40 Tage im Bett herumkugeln, aber Pausen, Kuschel- und Ruhezeiten sind unerlässlich.“

 

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