Walter Aichinger, Präsident des oberösterreichischen Roten Kreuzes

© Hermann Wakolbinger

Chronik Oberösterreich
09/06/2020

„Wir sollten das Händeschütteln grundsätzlich überdenken“

Mit Masken im Winter und dem Verzicht auf das Händeschütteln würde sich auch die Zahl der 2.500 Influenza-Toten deutlich reduzieren, sagt Walter Aichinger, Präsident des Roten Kreuzes in Oberösterreich.

von Josef Ertl

Walter Aichinger ist seit 2011 Präsident des Roten Kreuzes OÖ. Der 67-Jährige war ÖVP-Politiker: Landesrat (1993–2003), Landtagsabgeordneter (2003– 2018), Gemeindevorstand (1985) und Vizebürgermeister (1991) seiner Heimatgemeinde Krenglbach. Beruflich war der Mediziner Primar des Instituts für Hygiene und Mikrobiologie und Geschäftsführer des Klinikums Wels-Grieskirchen.

KURIER: Wie haben Sie die Corona-Krise erlebt?

Walter Aichinger: Wir haben uns beim Roten Kreuz mit dem 26. Februar auf die Corona-Krise vorbereitet. Ich habe 40 Jahre Mikrobiologe gemacht und kenne mich da aus. Es dauert in unseren Stäben drei bis vier Stunden, bis die Dinge stehen. Das Virus hat uns nicht überrascht. Was uns aber immer wieder überrascht, sind An- und Verordnungen des Bundes, die schwer administrierbar sind.

Zum Beispiel?

Wenn das Ministerium verkündet, Kroatien-Heimkehrer sollen über die Hotline 1450 ihre Corona-Tests machen lassen. 1450 ist eine Beratungsnummer für Menschen, die ein gesundheitliches Problem haben. Dieses Telefon wird untertags von drei Mitarbeitern bedient, in der Nacht von einer Person. Normalerweise haben wir in 24 Stunden zwischen 150 und 300 Anrufer. Durch den Ministeriumsaufruf hatten wir plötzlich Tage mit 11.000 Anrufen. Das war organisatorisch nicht bewältigbar.

Sind wir am Beginn oder mitten in der zweiten Coronawelle?

Es wird wieder ein bisschen mehr werden, wenn die Schulen anfangen. Ich glaube aber nicht, dass es eine zweite Welle in dem Ausmaß gibt, wie das im März gewesen ist. Das Ampel-System ist prinzipiell ein gutes Modell, um die Dinge regional zu halten. Auch wenn man noch nicht genau weiß, wie es ablaufen wird.

Die Viren mutieren ständig. Der Erreger, der jetzt zirkuliert, ist nicht derselbe wie Anfang Februar. Das beschäftigt uns auch bei den grippalen Infekten. Sie kommen meist im Dezember und sind im Mai, Juni wieder weg. Weil die Umweltbedingungen für die Erreger nicht mehr passen. Diese Erreger mutieren ebenfalls, aber üblicherweise zu eher schwächeren Varianten. Das kann bei Corona auch sein, wir wissen es nicht. Wir merken jetzt aber, dass trotz der relativ hohen Infektionszahlen nur ganz wenige daran versterben.

Es fühlen sich jetzt jene bestätigt, die die Meinung vertreten, dass Corona einer Grippe ähnlich ist.

Wissenschaftlich betrachtet hat niemand gewusst, wie die Situation tatsächlich ist. Wir haben anfänglich von hohen Sterberaten gehört. Das war die gängige Information aus Wuhan und Italien. Wir haben damals nicht gecheckt, dass Italien und Frankreich ganz andere Gesundheitssysteme haben. In Italien gibt es wenig niedergelassene Ärzte. Die Menschen gehen in die Ambulanzen der Spitäler, weshalb dort eine so hohe Infektionsrate geherrscht hat. Italien hat im Vergleich zu Oberösterreich nur die Hälfte der Intensivbetten. Der Lockdown war grundsätzlich richtig.

Was hätte man in der Rückschau anders machen sollen bzw. welche Konsequenzen sollte man ziehen?

Die ersten Wochen bis Ostern waren völlig okay. Dann hätte man sicher stärker aufmachen können, wenn man gleichzeitig Maßnahmen wie die Maskenpflicht, Abstandhalten und Händehygiene vorgeschrieben hätte.

Die Maskenpflicht ist wirksam, weil sich das Verhalten der Menschen ändert. Das ist das Entscheidende. Wir sind seit Jahrhunderten eine Gesellschaft, die sich beim Grüßen die Hände gibt. Andere Gesellschaften haben andere Rituale, die Japaner zum Beispiel verbeugen sich. Das Händeschütteln sollte man überdenken. Wir akzeptieren, dass wir jedes Jahr 2.500 Influenza-Tote haben.

Würde dadurch die Zahl der Toten verringert?

Ja, deutlich.

Händeschütteln ist die falsche Verhaltensweise?

Es ist jedenfalls eine Verhaltensweise, die die Übertragung von Krankheitserregern begünstigt. Während andere Dinge in unserer Gesellschaft nicht mehr stattfinden. Wenn die Menschen früher von der Arbeit oder vom Feld nach Hause gekommen sind oder sie sich zu Tisch gesetzt haben, haben sie sich die Hände gewaschen. Heute sind diese Dinge nicht mehr so allgegenwärtig. Die Hände sind bei den Viren ein wesentlicher Übertragungsmechanismus. Mit den Händen reiben sich die Menschen die Nase und fahren sich in die Augen.

Aus der Erfahrung, die wir bisher gemacht haben, wäre es infektiologisch sinnvoll zu sagen, wir beginnen Anfang Dezember wieder die Maske zu tragen, bis in den Mai hinein. Damit könnten wir auch mehr als die Hälfte der 2.500 Influenza-Toten verhindern.

Corona sollte der Anlass sein, unser Verhalten grundsätzlich zu überdenken?

Es wäre eine gute Möglichkeit. Ich bin aber fast der Überzeugung, dass das nicht stattfinden wird.

Sondern die Menschen zu ihren gewohnten Verhaltensweisen zurückkehren. Wenn man die Hand nicht schüttelt, gilt das als unfreundlicher Akt.

Genau.

Hat sich das österreichische Spitalssystem in der Krise bewährt?

Es hat sich in Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten bewährt. Dieses abgestufte System, dass die Menschen zuerst zum Hausarzt, zum Facharzt und erst dann ins Spital gehen, ist ein gutes. Das Hausarztsystem wird nun durch Entwicklungen geschwächt und ausgehöhlt. Stellen können nicht mehr nachbesetzt werden, es gibt Probleme bei den Hausapotheken, die Servicequalität wird reduziert.

Die starke Zunahme an Wahlärzten weicht das System auf. Den Krankenkassen ist das recht, weil sie nicht mehr alles bezahlen müssen. Es findet eine stille Aushöhlung des Vertragsarztsystems statt. Ist diese Entwicklung nicht ein Problem?

Es ist ein Problem des solidarischen Versicherungsprinzips, es wird ausgehöhlt. Menschen, die es sich leisten können, erhalten eine bessere Versorgung: schneller, persönlicher, usw.

Der Trend läuft darauf hinaus, dass es eine gewisse Grundversorgung gibt und alles, was darüber hinausgeht, muss der Patient aus der eigenen Tasche begleichen.

Durch die starke Zunahme der Wahlärzte kommt es zu einer schleichenden Entsolidarisierung. In der Medizin ist Vertrauen zwischen Arzt und Patient das Grundprinzip, damit Heilung gelingen kann. In der Politik ist hingegen Misstrauen das Grundprinzip. Der Gegner will meine Position schwächen. Dieses Misstrauen gibt es nicht nur zwischen den Parteien, sondern auch innerhalb der Parteien. Ich habe beide Prinzipien kennengelernt.

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