Chronik | Oberösterreich
10.12.2017

"Wir müssen in die Höhe bauen"

Der Linzer Bürgermeister über die Staus, das Wachstum und seinen Stadtentwicklungsplan.

Klaus Luger (57) ist seit 2013 Bürgermeister der Landeshauptstadt Linz.

KURIER: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Staus in Linz sehen? Klaus Luger: Das ist nicht gut für Linz. Es ist vertane Zeit für alle, die im Stau stecken. Es ist ein wirtschaftlicher Schaden. Linz wird dadurch als Stadt des Staus gesehen und weniger als Stadt der Industrie, der Innovation und der Moderne, die sie in Wirklichkeit ist.

Welche Maßnahmen setzen Sie gegen die Staus?

Es gibt in der Stadt selbst einen Grund für die vielen Staus, das ist der Wegfall der Eisenbahnbrücke. Sie wird bis August 2020 nicht kompensierbar sein. Dann wird sich die Situation im Norden der Stadt stark verbessern. Auch durch die Bypass-Brücken an der Voestbrücke.

Wann sind diese fertig?

Bis 2021. Jetzt beginnen die Arbeiten. Mit diesen beiden Brücke wird die Situation merklich verbessert. Nochmals verbessert wird sie, wenn die Westring-Brücke in Linz-St.Margarethen gebaut ist. Das ist nur eine Seite der Medaille. Die zweite ist, dass wir dringend die zweite Schienenachse brauchten. Wir haben heuer bei den Linz-Linien 112 Millionen Fahrgäste. Wir sind bei den Straßenbahnen am Ende der Kapazitäten angelangt.

Sollte nicht sofort eine U-Bahn gebaut werden?

Die zweite Schienenachse ist de facto eine U-Bahn, weil sie von der Grünen Mitte bis zum Parkbad komplett unterirdisch geführt wird.

Ist das bereits entschieden?

Das ist die Planung und das Basisübereinkommen, das ich noch mit Landeshauptmann Josef Pühringer unterzeichnet habe. Das steht. Es gibt deswegen Verzögerungen, weil wir vereinbart haben, dass das Land, so es will, mit der Mühlkreisbahn denselben Schienenstrang und die Tunnels benutzt.

Zum Hauptbahnhof?

Zum Hauptbahnhof. Sie koppelt sich beim Design-Center aus, wir fahren unter der Frankstraße unterirdisch bis zur Grünen Mitte weiter. Das Land Oberösterreich hat die technischen Fragen noch nicht entschieden, mit welcher Art der Regiotram sie dieselben Stränge benützen wie wir. Das hat Auswirkungen auf die Tunnenquerschnitte, auf die Haltestellen, etc. Deswegen die Verzögerung und mein Appell, rasch eine Entscheidung zu treffen. Das Land hat mehrere Möglichkeiten. Sie macht eine Mühlkreisbahn neu, sinnvollerweise unterirdisch, denn das Areal wird von den ÖBB verbaut werden.

Sie plädieren für eine unterirdische Lösung?

Es ist völlig klar, dass die Streckenführung vom Parkbad bis zur Grünen Mitte nur unteriridisch einen Sinn macht. Alles andere ist Huschpfusch, bringt keine schnelleren Fahrzeiten und blockiert den Autoverkehr. Wer die Stadt ein wenig kennt, weiss, dass eine oberirdische Führung unrealisierbar ist. Wir haben Nadelöhre wie die Kreuzung Donaulände-Gruberstraße bei der Eissporthalle. Wenn hier noch zusätzlich eine Straßenbahn durchfahren würde, stehen die Autos nur mehr. Ähnlich ist es bei der Gruberstraße oder bei der Raiffeisen-Landesbank/Südbahnhofmarkt.

Sollte nicht auch die Straßenbahn durch die Landstraße, die Linie 1, unteriridisch geführt werden? Die derzeitigen Kapazitäten sind ausgeschöpft, die Stadt wächst einwohnermäßig starkr und es kommen immer mehr Pendler herein.

Bevor wir uns für die zweite Schienenachse entschieden haben, haben wir das geprüft. Es wäre technisch möglich. Die Stadtentwicklung hat sich aber dorthin verlegt, wo wir die zweite Schienenachse führen wollen. Die Tabakfabrik, die Pädagogische Hochschule, das Spitalsviertel, das Designcenter, das Wohngebiet der Grünen Mitte. Dieses Gebiet ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln relativ schlecht erschlossen. Wir haben dort 30.000 Arbeitsplätze und 30.000 Menschen, die dort wohnen. Sie fahren mit den Bussen zur Straßenbahn ins Zentrum, die knackevoll ist. Durch die zweite Schienenachse entlasten wir die Straßenbahn im Zentrum. Und die Wege werden kürzer. Wenn zum Beispiel ein Urfahraner ins AKH fährt. In Zukunft steigt er in die zweite Schienenachse und steigt unter dem AKH aus.

Wir bekommen dann auch einen Straßenbahnring. Unter der Erde sind wir völlig unabhängig, wenn oberirdisch Unfälle passieren. Wir können dieFahrzeigen einhalten.

Sollte nicht dennoch die Straßenbahn durch die Landstraße unterirdisch geführt werden?

Für die Fußgänger wäre es besser, auch im Sinne einer Fußgängerzone. Es wäre auch für den einen oder anderen Gastronomiebetrieb mehr Platz. Die Geschäftsleute sind massiv dagegen. Und die Kosten wären enorm. DieLinie 1 und die zweite Schienenachse unterirdisch ist für niemanden finanzierbar.

Als zunehmendes Problem stellt sich das Fehlen einer Parkgarage an der Donaulände heraus. Vor allem wenn die Black Wings in der Eissporthalle spielen, zeitgleich vielleicht ein Konzert im Brucknerhaus oder eine Großveranstaltung in der Oberbank ist.

Es wird eine Lösung kommen. Beim Neubau der Tabakfabrik, beim Bau 3, wo jetzt die Ausstellungen sind, wird im ersten Quartal 2018 eine Entscheidung über eine Neuerrichtung fallen. Der Bau ist derzeit ausgeschrieben. Es sind nicht nur Räumlichkeiten für Firmen geplant, sondern auch eine Tiefgarage mit 600 Stellplätzen.

Wann wird die Garage fertig sein?

Bis Ende 2019 sollte Baubeginn sein. Ich rechne mit der Fertigstellungfür 2022.

Linz ist in kurzer Zeit von 180.000 auf 205.000 Einwohner gewachsen. Die Experten sprechen von 230.000 Bewohnern in absehbarer Zeit.

2027, also in zehn Jahren, sollen es 225.000 Bewohner sein.

Das erfordert zusätzlichen Wohnraum und bedeutet mehr Verkehr und Infrastruktur. Wie wollen Sie das bewältigen?

Wir können die Zuwächse nur mit öffentlichem Verkehr bewältigen.Wir haben einen Wohnraumbedarf von 800 geförderten Wohnungen im Minimum. Wir schaffen das derzeit gemeinsam mit dem Land OÖ. Tatsächlich entstehen jährlich 1400 Wohnungen, weil Gott sei Dank auch viel privat gebaut wird.

Die Ansprüche an unsere Sozialinfrastruktur verändert sich dramatisch. Die Stadt erricht derzeit 800 zusätzliche Plätze in Krabbel stuben und Kindergärten. Inzwei Jahren haben wir dasselbe im Ausbau der Horte. Wir arbeiten derzeit an den Schulstandorten, denn wir haben die Kinder dann in den Schulen. Der Druck auf die Freizeitinfrastruktur wird immer höher.

Der Zuwachs hat auch Auswirkungen auf Dinge, die man nicht sieht, zum Beispiel auf die elektrische Versorgung mit zusätzlichen Umspannwerken und auf die Kanalisation. Zum Teil müssen die Sammelstränge neu gemacht werden. Das Glasfasernetz muss ausgebaut werden. Das sind alles Ausgaben, die direkt bei der Kommune landen.

Wir haben durch das Wachstum eine zentrale Frage zu beantworten. Wie wird das Antlitz von Linz in 20 Jahren aussehen?

Die Stadt wächst zunehmend in die Höhe.

Das ist ein Weg, der teilweise umstritten ist und in der Bevölkerung polarisiert. Hier gibt es unterschiedliche Meinungen.

Aber man wird das Wachstum nicht mit einstöckigen Häusern bewältigen können.

Deswegen starten wir im nächsten Jahr mit einer Stadt entwicklungsplanung. Ich orte hier eine sehr sensible und kritische Stimmung in der Stadt. Es geht uns wirtschaftlich gut, wir sind in der Innovation die Nummer eins, wir bündeln die Kräfte zwischen Land, Stadt und Universität. Gleichzeitig gibt es einen Teil in der Bevölkerung, die sagt, das ist nicht mehr mein Linz, der die Entwicklung zu schnell geht. Das manifestiert sich zum Teil in der Diskussion um Hochhäuser. Nach dem Motto, in einem Hochhaus kann man nicht leben. Das ist eine Verkürzung und geht in eine falsche Richtung.

Dieser Stadtentwicklungsplan soll ein Bild von Linz entwerfen, wo wir hin wollen. Unter Einbindung der Bevölkerung und mit Experten. Ich habe für die Stadt eine klare Vision. Wir brauchen Wohnraum, den man sich leisten kann. Deswegen wird man in die Höhe bauen müssen. Wir brauchen eine Lebensqualität, die Linz in den vergangenen 40 Jahren ausgezeichnet hat. Nämlich sauber und für eine Industriestadt sehr grün zu sein. Also Schutz der Grünräume. Die dritte Vision: Eine Stadt, die klare Regeln hat, aber nicht bevormundet.Viertens:Eine soziale Infrastruktur, die den Bedarf von Jungfamilien deckt. Auch jene, die nicht so viele fianzielle Mittel haben, sollen ihre Kinder ganztätig betreuen lassenkönnen.