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Chronik Oberösterreich
11/15/2020

„Wir betreiben neosozialistischen Kapitalismus“

Die Corona-Krise wird den Staat 40 bis 50 Mrd. Euro kosten. Die Krisenbekämpfung sei eine enorme zivilisatorische Leistung, es bleibe aber ein großer Schuldenberg, sagt der Linzer Finanzwissenschafter Teodoro Cocca.

von Josef Ertl

Teodoro Cocca (48) ist Finanz- und Wirtschaftswissenschafter an der Universität Linz. Der gebürtige Schweizer berät unter anderem die oberösterreichische Landesregierung.

KURIER: Die Börsen haben sowohl auf die Wahl von US-Präsident Joe Biden als auch auf die Ankündigung eines Anti-corona-Impfstoffs positiv reagiert. Eine bemerkenswerte Entwicklung angesichts der durch die Pandemie ausgelösten Weltwirtschaftskrise. Teodoro Cocca: Es gibt zwei Aspekte, mit denen man diese Entwicklung erklären kann. Die Auswirkungen der Pandemie sind außergewöhnlich, aber genauso außergewöhnlich sind die Maßnahmen, die man ergriffen hat. Die massiven geldpolitischen und fiskalischen Eingriffe haben die Krise deutlich abgefedert. Das Zweite ist die Dominanz des Technologiesektors. Er hat bereits in den Jahren vor der Krise stark an Wert zugenommen und einen immer größeren Teil der Aktienindizes ausgemacht. Der Sektor hat aus der Krise einen Nutzen gezogen, da die pandemiebedingen Einschränkungen die Gewinne aus der Digitalisierung extrem erhöht haben. Das hat die Indizes weiter nach oben getrieben. Die Kurse der Unternehmen der klassischen Wirtschaft sind hingegen weit abgeschlagen. Der totale Absturz blieb aber aus. Dazu kommt noch die erstaunlich optimistische Stimmungslage der Börsen. Ich bin auch der Meinung, dass die Börse zu selbstsicher durch die Krise, durch den Winter und den Frühling schaut. Sie sieht auch schon den breit verteilten Impfstoff. Jegliche Unsicherheit wird ausgeblendet. Dieser Winter wird aber ein sehr harter, auch wenn die Aussicht auf einen baldigen Impfstoff besteht.

Namhafte Experten halten die Börsen für überbewertet, insbesondere den Technologiesektor. Würde man das Shiller-KGV anlegen, sind sie deutlich überbewertet.

Selbst wenn sich die Gewinne der Unternehmen nicht so schlecht entwickelt haben, wird das Risikoszenario fast gänzlich ausgeblendet. Das ist erstaunlich, weil wir nicht genau wissen, wie es weitergehen wird. Es ist unklar, wie breit der Impfstoff im Frühling tatsächlich zur Verfügung stehen wird, es ist unklar, wie sich der Arbeitsmarkt präsentieren wird, es ist unklar, ob es zu einer Konkurswelle kommt. Ich wäre vorsichtiger und nicht ganz so optimistisch.

In unserem Gespräch vor sieben Monaten erwarteten Sie eine Wirtschaftsentwicklung in Form eines W. Börsenexperten sprechen von einem K, die Technologietitel profitieren, und die anderen verlieren.

Das W hat sich bestätigt, wir erleben gerade den zweiten konjunkturellen Einbruch. Die Börsenentwicklung gleicht einem Paradoxon. Die Technologietitel haben auf die Meldung des Impfstoffs korrigiert, da bei einer Normalisierung die digitalen Aktivitäten abnehmen würden. Die Aussicht auf einen Impfstoff ist prinzipiell eine positive Sache, aber weil die Technologietitel inzwischen einen großen Teil der Indizes ausmachen, kann der gesamte Markt trotz guter Nachricht korrigieren. Das zweite Paradoxon ist, dass die Aussicht auf einen Impfstoff die Bereitschaft der Notenbanken und der Staaten reduziert zu helfen. Das ist natürlich für die Börse alles andere als gut.

Staatsanleihen sind wegen der niedrigen Zinsen für den Anleger derzeit wenig interessant.

Das würde ich auch so sehen, außer jemand geht von schlimmsten Szenarien aus und ist bereit für sehr sichere Anlagen sogar draufzuzahlen. Dann muss er aber auch noch daran glauben, dass Staaten nicht in Konkurs gehen können und zahlungsfähig bleiben. Für einen Privatanleger ist die Aussicht in eine Anlage zu investieren, die eine negative Rendite liefert, wenig interessant. Eine Staatsanleihe mit einer negativen Verzinsung kann aus heutiger Sicht nur dann sinnvoll sein, wenn man davon ausgeht, dass die Zinsen noch weiter fallen. Dann könnte man vom Kursgewinn dieser Anleihe profitieren.

Halten Sie ein weiteres Sinken der Zinsen für möglich?

Der Druck auf die Zinsen wird weiter anhalten, davon bin ich überzeugt. Die Corona-Krise wird sicher auch noch in den kommenden Jahren eine dämpfende Wirkung auf den Konjunkturzyklus haben. Es ist nicht absehbar, dass die Inflation massiv steigt und es deshalb zu einer echten Trendwende kommen wird.

Es bestehen eher deflationäre Tendenzen (sinkende Preise, Anm.).

Ganz genau. Wir haben zur Zeit paradoxe Phänomen, dass zum Beispiel die Sparquote enorm zugenommen hat. Es häuft sich nun ein großer Berg an Geld an, der auf Sparkonten liegt und es wäre nicht überraschend, wenn die eine oder andere Idee auftaucht, dieses Volumen in den Wirtschaftskreislauf bringen zu wollen. Die Idee negativer Sparzinsen würde auf der Hand liegen.

Die weltweite Verschuldung nimmt rasant zu, sie übersteigt bereits dreimal die globale Wirtschaftsleistung. Können die Schulden jemals zurückgezahlt werden?

Das ist die wohl schwierigste Frage, die sich diese Generation gerade aufbürdet. Wir haben unseren Kindern zu danken, dass wir uns einen Teil ihrer Zukunft leihen. Wir geben Geld, das wir in der Zukunft gehabt hätten, bereits heute aus, um die Folge der Corona-Krise zu dämpfen. Ich sehe vier Möglichkeiten, diese Schulden zurückzuführen. Wenn die Wachstumsraten der Wirtschaft wieder nachhaltig steigen, wird der Schuldenberg in Prozenten automatisch kleiner werden, und es wird auch möglich sein, einen Teil Jahr für Jahr zurückzuzahlen.

Der zweite Teil werden Sparanstrengungen sein. Der Staat wird in Zukunft weniger zur Verfügung haben. Das können konkrete Sparmaßnahmen im Gesundheits- und Sozialbereich oder im Förderbereich sein, das können aber auch echte Systemreformen sind. Hier liegt zum Beispiel die Frage des Pensionsantrittsalters auf der Hand. Das wäre mit der Personengruppe, welche vor allem die Jüngeren solidarisch und mehrheitlich diszipliniert in der Corona-Krise geschützt haben: die ältere Generation. Das Pensionsalter maßvoll zu erhöhen wäre auch schon ohne Corona unausweichlich gewesen. Der dritte Punkt ist die Weginflationierung. Man wird versuchen, die Inflation mit allen Mitteln nach oben zu drücken. Durch Inflation wird automatisch ein Teil der Schulden reduziert. Die vierte Variante, die auch ein Politikum ist, sind zusätzliche Einnahmen des Staates. Also Steuererhöhungen.

Ich vermute, dass es am Schluss eine Mischung aus allen vier Elementen sein wird, die hoffentlich reichen wird. Wir spielen zur Zeit schon ein gefährliches Spiel. Diese Idee der Staatsfinanzierung durch die Geldpresse, sofern sie in einem moderaten Ausmaß umgesetzt wird, erscheint zumindest heute gangbar und sinnvoll. Diese Strategie beinhaltet aber auch enorme Gefahren, wenn das Vertrauen in den  Geldmechanismus zusammenbrechen würde.  Wir müssen uns im Klaren sein, dass die Denkhaltung, dass wir alle in der Krise unterstützen sollen  und der Gedanke, koste es was es wolle, dass das  kurzzeitig geht, aber langfristig nicht haltbar ist. Es wäre höchst gefährlich, wenn diese Art des Denken, ich würde sie als  neosozialistischen Kapitalismus bezeichnen, die Krise überstehen würde.  Denn dann  würden wir Gefahr laufen, die Kontrolle über diesen Mechanismus zu verlieren.

Es gibt hier beunruhigende Tendenzen. Denn die Ansicht, dass Schuldenberge keine Gefahr darstellen und der Staat nie bankrott gehen kann,  ist eine sehr gefährliche Idee. Sie ist jetzt richtig, weil man helfen muss, sie wird aber morgen sehr schnell zu begraben sein.
In diesen düsteren Tagen dürfen wir jedoch nicht  vergessen, dass das zur Zeit die größte  kollektive Solidaritätsaktion  der neueren Zeitgeschichte ist.  Diese Pandemie, die wirklich tragisch und dramatisch ist,  wird durch eine immense Unterstützung des Staates begleitet. In Österreich wird er schlussendlich  40 bis 50 Milliarden Euro in die Hand nehmen,  um die Krise  zu bewältigen. Das ist unfassbar viel.  Es ist eine bemerkenswerte zivilisatorische Leistung, dass wir kollektiv imstande sind, eine  solche Krise so zu bewältigen. Ich will mir nicht vorstellen, wie eine solche Pandemie vor 50 oder 100 Jahren wirtschaftlich und zivilisatorisch gewütet hätte.  Das System zeigt sich  trotz allen Leids als relativ widerstandsfähig. Wir sehen zum Glück keinen sozialen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Zerfall. Das ist höchst bemerkens- und lobenswert. Eigentlich leisten wir als Gesellschaft wahnsinnig viel.
 
Joe Biden ist zum neuen US-Präsidenten gewählt worden.  Wie wird sich der Handelskonflikt USA-China weiter entwickeln? Dahinter steht die Auseinandersetzung um die Vorherrschaft in der Welt, bei der die USA in der Defensive und China in der Offensive ist.
Ja, das ist besorgniserregend. Die USA haben ihre Strahlkraft verloren. Das Land ist verunsichert, angeschlagen und ermattet. Das ist im geopolitischen Konflikt mit China für die gesamte westliche Welt ein großes Problem. Es zeichnet sich ab,  dass die USA und Europa deutlich geschwächt und China  gestärkt aus der Pandemie heraus kommen. Das ist für unsere westliche Welt eine Katastrophe. Es ist ganz, ganz wichtig, dass es beiden gelingt, sehr schnell dem chinesischen Staatskapitalismus-Modell etwas entgegenzusetzen. Schlussendlich bleiben die USA die Leitkultur der westlichen Welt, ob wir das wollen oder nicht. Es muss der Anspruch der  USA sein, das marktwirtschaftliche System, basierend auf individuellen Freiheitsrechten, hochzuhalten und für die kommenden Jahre eine Zukunftsvision zu entwickeln. Die westliche  Welt nimmt man  als in Konflikten verstrickt  und uneinig war. Es ist der Wunsch  und die Hoffnung, dass es Biden gelingt, sie wieder zu vereinen und eine Vision zu entwickeln. Es ist immens wichtig, dass die Führungsrolle,  auch die intellektuelle,  von den USA wahrgenommen wird.  Das hat in den vergangenen vier  Jahren gefehlt.
Ich hoffe sehr, dass das gelingt, bin mir aber nicht sicher, ob Biden der richtige Mann dafür ist. Er hat sich als Anti-Trump wählen lassen. Das genügt aber nicht, es braucht jemanden, der den Weg in die Zukunft zeigen kann. Vielleicht ist er nur eine  Übergangslösung.
Viel Zeit bleibt nicht, denn China legt ein massives Tempo an den Tag.

Wir Europäer reden stets klug über die Probleme der USA, nehmen aber unsere Rolle als wichtiger Faktor in der Welt nicht wahr. Weder beim Krieg in Syrien noch im Krieg Aserbaidschan gegen Armenien. Und wir jammern gleichzeitig über die Flüchtlinge, die zu uns  wollen.
  Europa ist selber unter Druck, die eigene Rolle zu überdenken. Es wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, dass Europa auf die USA zu geht und sagt, wir  möchten mit euch zum Beispiel ein Freihandelsabkommen abschließen. Aus  geopolitischen Gründen. Um die transatlantische Achse Europa-USA zu stärken. Um China etwas entgegenzusetzen  und es damit unter Druck zu setzen,  selber ihren Heimmarkt zu öffnen.  Das wäre die Trump-Politik, aber in konzilianter und positiver Weise umgesetzt. Man fordert China nicht direkt heraus, sondern macht China klar, dass dem Land der Freihandel nützt. Solange die transatlantische Achse bröckelt, ist das eine Einladung an China, seinen Weg  weiter zu gehen. Das Einstehen für freie und faire Handelsbeziehungen wäre die konsequentere Art Haltung gegen Trumppolitik der vergangenen Jahr einzunehmen, als nur plump gegen ihn zu wettern.

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