Wie wird der Sex, Frau Kuhn?

Die Sex-Kolumnistin des KURIER erzählt, wie das Liebesleben im neuen Jahr aussehen kann.

Gabriele Kuhn ist die beste Sexkolumnistin Österreichs. Jeden Samstag verfasst sie im KURIER-Freizeitmagazin ihre Glosse „sex IN DER FREIZEIT“. Die 50-jährige Journalistin ist Leiterin des Ressorts  Leben.

KURIER: Wie wird der Sex 2012, Frau Kuhn?
Gabriele Kuhn: (lacht) Gute Frage.  Es wird so, wie es immer war.

Sollte es nicht besser werden?
War es so schlecht vorher?

Zu Jahresbeginn hat man Vorsätze und man erwartet sich, dass sich die Dinge zum Besseren wenden.
Ich würde es ausweiten auf die Frage, wie wird Beziehung im neuen Jahr? Es auf Sex zu reduzieren ist ein bisschen wenig. Ich habe ein Problem damit, wenn Sex und Beziehung getrennt werden.  Es wäre  ganz wichtig, wenn die Menschen mehr am Miteinander arbeiteten. Wenn man  mehr in die Tiefe geht und die Bedürfnisse des anderen Geschlechts kennt, könnte es besser werden.
Die Finanzkrise wird  sich  über das Jahr erstrecken. Sexualität  spielt in Krisensituationen eine stärkere Rolle. Der Mensch ist noch immer evolutionsbiologisch gesteuert.  Das belegen  Untersuchungen. Als das World Trade Center im September 2001 zerstört wurde,   gab es mehr diesen desperate sex, also dieses Einander-Nahesein.

Was macht guten Sex aus?
Es ist wichtig, zu definieren, was  guter Sex für mich ist.  Und dass man mit dem Partner darüber spricht. Was willst du, was will ich, wie können wir einen gemeinsamen Nenner finden? Ich rede hier von Sex in Langzeitbeziehungen. Der erste Sex, den man mit jemandem hat, ist ein eruptives Gesamtgeschehen. Das muss nicht gut ausgehen, das kann auch ein ziemlicher Flop sein.
Die Menschen neigen dazu, sich viel zu denken, aber nichts zu sagen. Das ist schlecht. Jeder hegt seine geheimen Wünsche   und denkt sich am anderen vorbei.
Sex ist Intimität im Sinn  von sich aufeinander einlassen. Wir sind alle extrem kopfgesteuert.   Dieses Sich-Aufeinander-Einlassen bedingt auch, loslassen zu können. Das Hirn ausschalten und was passiert, das passiert. Mehr Entspannung, sich fallen lassen. Das ist schwierig in Zeiten, wo ein jeder Leistung bringen muss.

Das bedeutet gleichzeitig erhöhte Verletzlichkeit.
Das geht einher, das ist sicher so. Sich dem anderen öffnen, bedeutet Verletzlichkeit, dazu gehört Vertrauen.  

Worum geht es beim Sex wirklich?
Sich aufeinander einlassen. Auf die Visionen und Wünsche des anderen, auf das Wesen Mensch, auf die eigenen Gedankenwelten. Das ist schon auch ein bisserl metaphysisch. Nicht nur bunga, bunga  (lacht).

Manche halten Sex für eine Triebbefriedigung wie Essen.
Es ist wahrscheinlich für viele Triebbefriedigung. Aber wenn man es höher dreht und es auf eine lange Zeit befriedigend erleben will, ist es mehr.

Meine Fitnesstrainerin interessiert, ob ein Seitensprung tatsächlich so amoralisch ist wie er hingestellt wird.
Moral ist immer etwas, was man für sich definiert. Ein Seitensprung ist schwierig in einer Beziehung und auch schwierig zu verarbeiten. Ich versuche hier immer, den einmaligen Ausrutscher und die  dauerhaften Außenbeziehung auseinanderzuhalten.
Ein Ausrutscher kann passieren, Fehler machen wir alle. Wenn aber jemand eine dreijährige Nebenbeziehung hat, wird das schwierig.  Da erfüllt ein Dritter etwas, was die bestehende Beziehung nicht erfüllt. Es werden Mankos aufgedeckt. Was kann ich nicht geben, was der andere in der Tiefe sucht?  Bei einem einmaligen Ausrutscher sollte man sich schon überlegen, ob das  Ende einer langjährigen Beziehung  sein soll.  Hier versuche ich, zur Toleranz anzuregen. Wichtig ist, dass man als Betroffener über die Verletzungen spricht, die auftreten.  Zu sagen, jetzt ist Schluss, ich will dich nie mehr wiedersehen,    ist nicht die richtige Lösung.
Anders ist es bei Langzeitaffären.  Da sollten  Nachdenkprozesse einsetzen. Das ist schon eine große Verletzung.


Genügt seelische Treue nicht?
Nein, die reicht nicht. Es stellt sich immer wieder die Frage, ob der Mensch überhaupt treu sein kann,  ob das Konzept der Monogamie  auf Dauer hält. Ich glaube nicht. Monogamie ist ein Konstrukt der Kirche, der Gesellschaft. Evolutionsbiologisch ist der Mensch nicht auf Treue ausgerichtet. Weil wir uns vermehren  und der Mann sich verstreuen möchte. Frauen sind eher treu, denn da geht es um Sicherheit. Sie tragen ein höheres Risiko.
Man sollte junge Paare, die heiraten wollen, darauf  aufmerksam machen, dass diese Frage auf sie zukommen wird. Wir haben heute die Wahl. Die Frau hat heute die Möglichkeit, sich zu trennen und eigenständig zu leben.  Junge  sollten sich keinen Illusionen hingeben.  Dass der Märchenprinz und die Märchenprinzessin bis ans Ende  ihrer Tage glücklich zusammen sind, das wird es nicht spielen. Es wird Situationen geben, wo es heikel wird.  Es ist ein wichtiges Thema, wie man  mit Untreue umgeht.  Der Reflex ist bei den meisten Männern und Frauen davonrennen. Solche Krisen sind aber auch eine Chance für eine Weiterentwicklung. Man sucht sich  immer den Partner aus, den man braucht, um sich  weiterentwickeln zu können. Das wissen die wenigsten.  Denn es wird sich beim nächsten neuerlich wiederholen.  

Was machen Paare, die schon jahrzehntelang zusammen sind? Es ist verständlich, dass sich hier nicht mehr so viel abspielt.
Jede zweite Ehe wird geschieden. Ich behaupte, sie werden geschieden, weil der Sex eine große Rolle spielt. Die Triebstruktur der Männer ist eine viel stärkere. Ihre  sexuelle Ausrichtung ist ähnlich der einer   Autobahn. Bei der Frau ist das ein Höhenstraßenphänomen. Da muss alles stimmen, da darf kein Stress sein. Es müssen optimierte Bedingungen herrschen.
Das Dilemma von Langzeitbeziehungen ist sehr schwierig zu lösen. Es kann dann funktionieren, wenn beide auf einer geistig-spirituellen Ebene eine Weiterentwicklung erleben. Eine Frau kann mit einem Mann nichts anfangen, der halt so einfach funktioniert. Das Experimentieren sollte nie aufhören. Wichtig ist auch die gegenseitige Wertschätzung.  
Es hilft auch, über eigene Fantasien zu sprechen. Die hat jeder. Hier gibt es ein Kommunikationsproblem. Belastend wirkt auch dieses Einrasten im Alltag.

( Kurier ) Erstellt am 31.12.2011