Chronik | Oberösterreich
12.01.2018

"Was habe ich falsch gemacht?"

Der Grüne Integrationslandesrat Rudi Anschober will Druck auf Bundesregierung erhöhen. Solange sich Asylwerber in Lehrstellen postiv bewähren, sollen sie vor negativen Ayslbescheiden geschützt werden. 23.500 haben Petition schon unterschrieben.

„Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe?“ Als Kind afghanischer Flüchtlinge im Iran geboren, soll der heute 25-jährige Amir laut Asylbescheid zurück ins „sichere“ Afghanistan. In ein Land, in dem er noch nie war und wo er niemanden kennt. Der fleißige Malerlehrling ist einer der vielen hinterfragungswürdigen Fälle, die Oberösterreichs Integrationslandesrat Rudi Anschober (Grüne) an die Spitze der österreichweiten Kampagne „Ausbilden statt Abschieben“ stellt. Über 23.500 Bürger haben die Petition bereits unterschrieben. "Wir werden den Druck erhöhen“, kündigt Anschober, der in dieser Angelegenheit die Integrationslanderäte der Bundesländer hinter sich weiß, in Richtung der ÖVP/FPÖ-Bundesregierung an.

„Es ist so widersinnig. Von allen Seiten, von Industriekapitänen bis zu Kleinunternehmern, hören wir, wie wertvoll lernwillige Asylwerber in Lehrberufen sind. Es gibt mittlerweile 3000 leer stehende Lehrplätze allein in Oberösterreich. Dazu finden sich schon 38 Berufe auf der Liste der Mangelberufe“, schildert Anschober. Die „Mangelliste“ erlaubt es Asylwerbern, die grundsätzlich solange sie keinen gültigen Asylbescheid ausgestellt bekommen haben und in Österreich nicht arbeiten dürfen, Lehrberufe zu ergreifen. In OÖ sind das mittlerweile 299 und damit rund 50 Prozent aller Asyl-Lehrlinge in ganz Österreich.

Personalmangel „Eine Win-win-Situation, von der die Wirtschaft profitiert und auch die Gesellschaft. Asylwerber fassen durch die Lehre rascher Fuß und sind in der Wirtschaft dringend gesuchte Mitarbeiter, deren Aufenthalt dem Staat nichts mehr kostet“, argumentiert der besorgte Anschober. Wie im Fall von Amir, der in einem Malerbetrieb im Bezirk Rohrbach seit dem Herbst des Vorjahres arbeitet und lernt, erhalten immer mehr der Asyl-Lehrlinge negative Asylbescheide in erster Instanz. In OÖ seien es mittlerweile 40, berichtet Anschober. In der zweiten Instanz würden integrationsförderne Aspekte meist korrekter gewürdigt, meint Anschober. Ein Betroffener wurde in OÖ jedoch bereits abgeschoben, „das wollen wir nicht mehr erleben“, erklärt er. Mehrere Fälle von bedrohlichen Negativbescheiden für junge Lehrlinge, vor allem aus der besonders vom Personalmangel betroffenen Gastronomie, sorgten zuletzt für Aufregung.

Den Bezirk Rohrbach, wo Amir in der Malerei Hauser einer von 15 Lehrlingen ist, nennt Anschober als plakatives Beispiel für den Konflikt. 25 junge Asylwerber haben hier einen Lehrplatz gefunden, 13 von ihnen sind mit negativen Asylbescheiden in erster Instanz belastet. Dabei gibt es derzeit 246 offene Lehrplätze im Bezirk. Dem jungen Afghanen Amir stellt seine Chefin Martina Gusenbauer von der Malerei Hauser beste Zeugnisse aus. „Es war für ihn sicher nicht leicht im ruppigen Baugewerbe Fuß zu fassen. Er ist fleißig und lernwillig. Wir wollen, dass er die Lehre beendet und später bei uns arbeitet. Die Ausbildung kostet uns auch Geld, es wäre unlogisch und ein Schaden, wenn er plötzlich weg müsste“, sagt Gusenbauer.

Angst „Ich will Österreich etwas zurückgeben, ich will diese Arbeit“, versichert der junge Flüchtling, der im Mai 2015 nach Österreich gekommen ist. Er habe sich um alle für ihn erreichbaren Deutschkurse bemüht, für die Polizei als Dolmetscher gearbeitet und für seine geleisteten 1070 ehrenamtlichen Stunden sogar eine Urkunde des Bürgermeisters bekommen, schildert Amir. Letztendlich sei ihm seine Agilität und sein Einsatz von der Asylkommission aber sogar als Abschiebegrund ausgelegt geworden. Er sei jung und gesund, habe sich schon in der Türkei drei Jahre lang erfolgreich durchgeschlagen und Kabul, die afghanische Hauptstadt sei derzeit leicht und ohne Gefahren zu erreichen, wurde im Negativbescheid ausgeführt. Amir: „Ich kenne dort niemanden und ich habe keine Verwandten. Ich weiß, dass es dort für mich nicht sicher ist“. Vom Außenministerium gelte eine offizielle Reisewarnung für Afghanistan, ergänzt Anschober. Amir berichtet vom Druck und der Angst, unter der er nun auch in Österreich leidet. „Wenn ich auf der Straße gehe, habe ich Angst, dass die Polizei kommt und mich abschiebt“, schildert er.

Ähnliche Schicksale, wie jenes von Amir, werden ab dem heutigen Freitag in OÖ in einem Kinospot geschildert. Bald auch bundesweit, soll mit dem Film weiter für die Anschober-Petition (www.anschober.at/petition) geworben werden. Bis Ende Jänner möchte der grüne Landesrat noch Unterschriften sammeln und dann mit den zuständigen Ministern für Integration und Inneres verhandeln. Anschober will dabei auf die pragmatische gesetzliche Regelung in Deutschland verweisen und diese auch für Österreich umgesetzt wissen. Dort gelte die Regel „Drei plus zwei“, erklärt er. Für Asylwerber in einer Lehre werden die Asylverfahren für die dreijährige Lehrzeit und zwei weitere Jahre im Arbeitsprozess ausgesetzt.

Schauspieler Die Kampagne für Flüchtlinge in Ausbildung sei mittlerweile Thema quer durch alle Gesellschaftsschichten, meint Anschober. Neben zahlenreichen NGO’s aus dem Sozialbereich gibt es Rückenwind aus der Wirtschaftskammer. Politiker, mit Ex-Sozialminister Alois Stöger an der Spitze haben ebenso unterschrieben wie die Flüchtlingskoordinatoren Christian Konrad und Ferdinand Maier. Ebenfalls mit dabei eine ganze Reihe prominenter Schauspieler, darunter Josef Hader, Katharina Stemberger und Adele Neuhauser.

Anschober, der derzeit auch das Ansinnen des FPÖ-Innenministers Herbert Kickl zur Schaffung von „konzentrierten“ Großasylquartieren als für die Integration kontraproduktiv und viel zu teuer kritisiert, hofft nur eines: „Integrationspolitik darf nicht an der Realität vorbei gemacht und keinesfalls ideologisch ausgelegt werden.“