Chronik | Oberösterreich
24.12.2011

Von Herzen gut zu den Menschen

Papst Johannes XXIII: Hubert Gaisbauer hat ein bemerkenswertes Buch über den Menschen Angelo Roncalli verfasst.

Hubert Gaisbauer (72) stammt aus Hagenberg bei Linz und war unter anderem Leiter der Abteilung Religion des ORF-Hörfunks. Kurz vor Weihnachten ist sein Buch „Ruhig und froh lebe ich weiter – Älter werden mit Johannes XXIII“ im Wiener Domverlag erschienen. Angelo Roncalli wurde    1958 zum Papst gewählt und nannte sich  Johannes XXIII. Er berief das II. Vatikanische Konzil ein und starb 1963 an Magenkrebs. Das Buch schließt mit einem 38-seitigen Essay von Ewald Volgger, dem Rektor der katholischen Privatuniversität Linz,  über Loris Francesco Capovilla, den heute 97-jährigen Sekretär von Johannes XXIII., der in  Sotto il Monte lebt. 

KURIER: Warum haben Sie das Buch geschrieben?Hubert Gaisbauer: Der wichtigste Grund ist, dass ich selbst von dieser Arbeit sehr viel gewonnen  habe. Ich habe Papst Johannes XXIII immer sehr geschätzt. 1991 habe ich in Rom den Jesuitenpater Ludwig Kaufmann getroffen, der mir die Augen für Johannes geöffnet hat.  Ich persönlich glaube nicht, dass er ein Reformpapst war.  Denn er war ein Stockkonservativer. Er war jedoch ein Mann, der einen  neuen  Geist in die Kirche gebracht hat. In der Folge  habe ich begonnen, sein geistliches   Tagebuch, von dem auch Hannah Arendt so schwärmt,  und seine Briefe an die Familie zu lesen.  Dann bin ich auch noch draufgekommen, dass die Mutter von Johannes und meine Mutter am gleichen Kalenderdatumstag (20. Februar) gestorben sind.Es hat sich für mich eine unglaubliche Welt aufgetan.  Die Welt einer Bauernfamilie in Norditalien, arm, fast noch Leibeigene, eine Großfamilie, mit 20, 30 Leuten in einem Raum beisammen. Obwohl er dann viele Jahre in Bulgarien, Istanbul und Paris war, hat er sich unglaublich  um die Familie gesorgt, materiell, geistig und geistlich.    Ab seinem 50. Lebensjahr  findet man zu jedem Geburtstag eine Überlegung von Johannes: Ich werde älter, wie geht es mir dabei und was habe ich noch zu erwarten. Als er 57 wurde,  schrieb er, ich muss jetzt auch an mein Sterben denken. Aber nicht zu meiner Betrübnis, sondern zur Erhöhung  meiner Lebensqualität. Er sagte, ruhig und froh lebe ich weiter, was auch der Titel des Buches ist.

Johannes XXIII gilt als Reformpapst, obwohl er sehr konservativ war.Er war ein Mensch, der von seiner geistlich-gläubigen Überzeugung zutiefst erfüllt war.  Sein Glaube war, Dein (Gottes, Anm. d. Red.) Wille geschehe. Das war seine Richtschnur. Er hat erkannt, dass etwas Neues in die Kirche einkehren muss.  Das Bisherige war Erstarrung. Er sagte, Kirche ist kein Museum, sondern ein blühender Garten. Eines seiner schönsten Worte, das er bereits 1903 mit 22 Jahren in sein geistlichen Tagebuch geschrieben hat, lautet, man müsse erkennen,  was an einer Tradition il succo vitale, der lebendige Saft, ist.  Er verkörpert für mich die Treue und gleichzeitig die Erneuerung der Kirche. Er stellt das dar,  was Nietzsche von den Christen gefordert hat:     Jene, die immer von der Erlösung reden, sollten etwas erlöster aussehen. Er war kein Populist, sondern von Herzen gut zu den Menschen.

Seine Wahl zum Papst 1958 war eine  Überraschung. Die gängige Lehrmeinung ist, dass er als  Übergangspapst gesehen wurde.  Alle dachten bereits an Giovanni Battista Montini, den späteren Papst Paul VI. (1963–1978). Aber der war damals noch kein Kardinal. Montini war der erste, den Johannes XXIII zum Kardinal berufen hat.

Johannes XXIII hat bereits drei Monate nach seiner Wahl 1958 das II. Vatikanische Konzil angekündigt. Ich habe lange mit seinem Privatsekretär Loris Francesco Capovilla gesprochen. Er betont, es war eine spontane Eingebung. Johannes hat später einmal gesagt, man darf Ideen haben, auch wenn man alt ist und sie möglicherweise nicht mehr zu Ende bringen kann. Und wenn man eine Idee hat, stellt man sich in die Kette dessen, was man als Willen Gottes bezeichnen kann. Er sieht sich als Instrument Gottes. Mit der Kurie, mit den Beamten im Vatikan, hat er überhaupt nicht können. Da gab es den berühmten Kardinal Stefano Ottaviani, der gesagt hat, hoffentlich holt mich der Herr bald zu sich, denn ich möchte noch als Katholik sterben. Die Kurie war äußerst skeptisch. Da hat Johannes eingegriffen, er hat die Richtung vorgegeben und es ist daher rechtens, ihn als Konzilspapst zu bezeichnen. Er war der Kollegialität der Bischöfe  verpflichtet. Er hat sich nicht als Papst aufgespielt. Deshalb hat er auch bei der Konzileröffnung nicht die Tiara getragen, sondern nur die Bischöfsmütze.

Inwiefern kann er ein Vorbild sein?Er war ein Mensch, der sich ständig seiner Fehler bewusst war.  Nicht im Sinne   katholischer Selbstverleugnung und Selbsterniedrigung.  Er schreibt zum Beispiel in seinem Tagebuch, dass er sich sehr geschwätzig gefühlt hat. Er redete sehr gern und er hatte das Gefühl, er redet zu viel. Er hat gewusst, dass das die Kehrseite seines Charismas ist,  dass er auf die Menschen zugehen kann.  Er hat zuerst einmal das Gute in den Menschen gesehen. Er war offen und tolerant. Er hat ständig Leute zum Essen eingeladen.Er hat sich um die Familie gekümmert. In dem Sinn, wie es der Prophet Jesaia als richtiges Fasten definiert: Sich um die Armen kümmern und sich seinen Verwandten nicht entziehen.  Die Roncallis hatten alle schlechte Zähne. Er hat geschaut, dass    die Zähne der Brüder in Ordnung waren.Er wird immer als der Fröhliche und Lustige dargestellt. Er hatte aber auch seine Zweifel und Bedenken. Am Grab seiner Schwester sagte er einmal,  wehe uns, wenn das alles eine Illusion ist, was wir glauben.

Sie schreiben im Buch vom „Roncallischen Blick“. Er sieht das Gute im anderen, ohne alles zu beschönigen. Er hat nichts unter den Teppich gekehrt. Es ist der ehrliche, offene Blick eines Menschen, der sein Gegenüber liebt.   Er ist auf die Menschen ohne Vorurteil zugegangen.   Es ist der Blick der Liebe. Das hört sich zwar abgegriffen an,   aber bei ihm erlebt man es.  Wenn von diesem Blick etwas ins Buch eingeflossen ist, dann bin ich sehr glücklich.

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