Josef Werndl

© Museum Arbeitswelt

Chronik Oberösterreich
11/02/2020

Vermächtnis und Schatten eines Waffenfabrikanten

Das Selbstverständnis der Industriestadt Steyr ist wesentlich vom Großindustriellen Josef Werndl geprägt. Von Gerhard Marschall.

„Das hat Steyr nicht verdient!“ So lautete am 15. Oktober bei der Großdemonstration der Belegschaft die zentrale Botschaft an die Volkswagen-Bosse in Deutschland. Die sollen die geplante Schließung des MAN-Werks rückgängig machen. 2023 soll Schluss sein, sollen große Teile der Produktion nach Polen und in die Türkei verlegt werden. 2.300 Beschäftigte sind direkt betroffen, rund 5.000 direkt und indirekt. Die einseitige Aufkündigung des Standortsicherungsvertrages durch das MAN-Management in München hat die Stadt und die gesamte Region in Empörung und Aufruhr versetzt.

Schlag gegen die Identität

Hier geht es um mehr als um ökonomische Rationalität, Kosten und Profit, Verlust von Arbeit. Die Ankündigung zielt auf die tief verankerte Identität einer Region. Steyrs Bürgermeister Gerald Hackl kennt seine Stadt, deren Menschen und Eigenheiten. Seinem Gefühl und seiner langen Wahrnehmung nach, sagt er, „gibt es in Österreich, vielleicht sogar in Europa, keine Stadt, in der Industriegesinnung so ausgeprägt ist wie hier“. Das äußere sich in einer extrem starken Identifizierung mit den Industriebetrieben, nicht nur bei den Steyrern, sondern auch bei den Menschen in der Großregion. „Diesen Stolz auf die Arbeit gibt es in dieser Ausprägung nirgendwo“, ist Hackl überzeugt. „Da geht es um Selbstverständnis und Selbstvertrauen.“ Der Bürgermeister sieht dafür einen wesentlichen Grund: Während anderswo Massenfertigung großteils mit angelernten Kräften erfolge, seien in Steyr vorwiegend Facharbeiter tätig.

Industriegeschichte

Das ist auch Ausfluss der langen Industriegeschichte dieser Stadt. Am Zusammenfluss von Steyr und Enns gelegen, ist sie früh Standort für Schmiedehandwerk und wichtiger Umschlagplatz für Eisenhandel. Das Wasser, der Forst im Hinterland und das Erz aus der Steiermark liefern Rohstoffe und Betriebsmittel. Die Nähe zur Donau erschließt leistungsfähige Transportwege. Die Industrialisierung im großen Stil setzt Mitte des 19. Jahrhunderts ein und ist eng mit dem Namen Werndl verbunden. Ab 1830 erzeugt Leopold Werndl hier Gewehrteile. Nach seinem Tod übernimmt Sohn Josef den Betrieb und gründet 1869 die Österreichische Waffenfabriksgesellschaft (OEWG).

Neun Millionen Waffen

Er unternimmt Studienreisen nach England, Thüringen und in die USA, holt sich Know-how zu Waffenfabrikation und arbeitsteiliger Massenfertigung. Danach richtet er die Fabrik mit anfangs 500 Mitarbeitern aus. Revolutionär ist der von ihm und Werkmeister Karl Holub entwickelte Hinterlader, den er in enormer Menge an das k. u. k Kriegsministerium liefert. Zusammen mit dem Eisenbahningenieur Ferdinand Mannlicher baut er das Unternehmen zu einer der weltweit größten Waffenfabriken mit zeitweise mehr als 15.000 Beschäftigten aus. Zwischen 1869 und 1911 werden in Steyr mehr als neun Millionen Waffen produziert. 1914 beträgt der Ausstoß 4.000 Stück pro Tag, nebenher werden Militärfahrräder produziert.

Der Niedergang erfolgt zwangsläufig zum Ende des Ersten Weltkriegs, mit einem Heer an Arbeitslosen. Ab 1920 werden in Steyr Autos gebaut. 1935 erfolgt die Fusion mit der Steyr Daimler Puch AG, die während der NS-Zeit in die Reichswerke Hermann Göring in Linz eingegliedert und zum Rüstungskonzern wird. Nach dem Krieg erfolgt die Spezialisierung auf Traktoren, Lastwagen, Automobile. Die Tradition der Waffenproduktion setzt Steyr Mannlicher fort.

Bis heute ist Josef Werndl in Steyr allgegenwärtig. Gedenktafeln, eine Gasse, ein Fenster in der Stadtpfarrkirche halten die Erinnerung an ihn hoch. 1889, zwei Tage nach seinem Tod am 29. April im Alter von 68 Jahren, beschließt der Gemeinderat die Errichtung eines „ehernen Standbildes an einem passenden Platz“. Die feierliche Enthüllung erfolgt fünf Jahre später. Der Bildhauer Viktor Tilgner orientiert sich am Maria-Theresien-Denkmal in Wien. Wie die Kaiserin bildet Werndl den überhöhten Mittelpunkt, die Generäle dort werden hier von vier Arbeitern ihm zu Füßen verkörpert – eine Allegorie auf Herrschaft und Untertänigkeit. Das in Österreich einmalige bürgerliche Monumentaldenkmal ist Ausdruck von Huldigung.

Werndl wird als Wohltäter und Gönner der Stadt verehrt. Er lässt im Wehrgraben Wohnhäuser und auf dem Eysenfeld eine Arbeitersiedlung bauen. Auch Europas erstes Arbeiterbad, die „Schwimmschule“, entsteht. Werndl fördert Bildungsvereine, kulturelle und sportliche Aktivitäten. Das schafft Zufriedenheit und Dankbarkeit.

Das Museum Arbeitswelt ist nicht zufällig im Wehrgraben angesiedelt. Dieser Stadtteil steht wie kein anderer für Steyrs Industriegeschichte, perfekter Ort für deren Aufarbeitung, Übersetzung in die Gegenwart und Transformation in die Zukunft. Die aktuelle, noch bis 15. November laufende Ausstellung „Arbeit ist unsichtbar“ setzt sich mit der Entwicklung von Arbeit in den vergangenen 150 Jahren anhand emotionaler Aspekte jenseits von Zahlen, Daten und Fakten auseinander: Zusammenhalt, Identität, Stolz, Motivation, aber auch Stress, Angst, Überforderung, Ohnmacht. Dabei werden aus dem konkreten Rückblick auf Steyr globale Perspektiven eröffnet.

"Arbeitervater"

„Steyr ist die kleine Welt, in der die große ihre Probe hält“, sagt Museumsleiter Stephan Rosinger. Naturgemäß beschäftigt sich die Ausstellung auch mit dem Großindustriellen Werndl und zeichnet ein differenziertes Bild. „Es gibt eine sichtbare Oberfläche, die immer erzählt wird“, erklärt Rosinger: „Der Arbeitervater, der gütig zu seinen Arbeitern war. Aber wenn es ums Eingemachte ging, um wirtschaftliche Interessen, war er Großbürger und Unternehmer.“ Rosinger ortet in Werndls Unternehmensphilosophie ein „sehr cleveres Anreizsystem“.

"Die Werndler"

Die Stammbelegschaft genieße viele, für die damalige Zeit außergewöhnliche Privilegien. Im Gegenzug werde von ihnen Dankbarkeit erwartet. Die „Werndler“, als die sich die Mitarbeiter – analog zu den späteren „Voestlern“ in Linz – selbstbewusst verstehen, sind nicht dafür bekannt, politisch aktiv zu sein. Ganz anders die aufgrund der steten Expansion des Unternehmens benötigten Zugezogenen. „Wenn sie sich gewerkschaftlich organisiert haben, haben sie ihren Job rasch wieder verloren.“ Rosinger spricht von einem „recht brutalen Hire and Fire“, das sich vor allem an der Auftragslage orientiert. Werndl gehöre gewiss zu den spannendsten Figuren seiner Zeit. „Er hatte sehr große Ideen für einen doch kleinen Ort, die er zielstrebig vorangetrieben hat.“

Unternehmenstreue

Überdauert hat vor allem das verklärte Image des großherzigen Förderers der Arbeiterschaft, die daraus Verpflichtung ableitet. Insofern ist der Protest, wonach sich Steyr „das nicht verdient“ habe, Ausdruck einer schwer enttäuschten, seinerzeit begründeten und von Generationen von Arbeitern gelebten Treue zum Unternehmen. Nicht zuletzt diese Besonderheit stimmt Bürgermeister Hackl zuversichtlich, dass es nicht zur Schließung des MAN-Werks kommen wird. Er sei diesbezüglich nicht nur zweckoptimistisch, sagt er: „Das wäre auch betriebswirtschaftlicher Blödsinn. Ich bin davon überzeugt, dass Steyr als Produktionsstandort sehr viel zu bieten hat.“

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