„Vereinigte Staaten von Europa“

Wolfgang Eder: Der Vorstandsvorsitzende der voestalpine ist überzeugt, dass an der Einigung Europas kein Weg vorbeiführen wird.

Die voestalpine beschäftigt weltweit 47.000 Mitarbeiter, davon 10.000 am Standort Linz. Vorstandsvorsitzender  Wolfgang Eder nimmt im Interview zu den internationalen  Herausforderungen des Stahlspezialisten Stellung.

KURIER: Die Klimapolitik der EU belastet die Unternehmen. Gefährdet sie den Industriestandort Europa?

Wolfgang Eder: Es ist nicht nur  die Klimapolitik. Die politische und gesellschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre macht es der Industrie zunehmend schwerer, uneingeschränkt konkurrenzfähig zu bleiben.  Das europäische Gesellschaftsmodell, das weltweit das beste ist, kommt an die Grenzen der Finanzierbarkeit. Wir haben eine Steuerbelastung der Einzelnen genau so wie der Unternehmen, die an die Grenzen der Motivierbarkeit stoßen. Wir müssen schauen, wie wir das Modell effizienter gestalten. Wir müssen hier mit dem eisernen Rechen durchgehen. Wenn wir diesen Weg so fortsetzen, wird die Substanz fehlen,   dieses  europäische Modell weiterführen zu können.
Die Konsequenz ist, dass tendenziell  die Gefahr einer schleichenden Abwanderung besteht. In England haben wir das ja erlebt. Das spielt sich ja nicht so ab, dass 20 Prozent der Unternehmen aufzeigen und sagen, wir gehen.
So passiert das nicht. Vielmehr wird man erst nach Jahren feststellen,  dass die Unternehmen unwiederbringlich weg sind. Wir müssen unser Gesellschaftsmodell nachjustieren. Das wird mit gewissen Härten verbunden sein, aber diese lassen sich nicht vermeiden. Wir sind in gewissen Bereichen von einer zu großen Saturiertheit geprägt.

Die voestalpine will  ab dem Jahr 2020 die Hälfte ihrer Produktion außerhalb  Europas herstellen.

Das ist ein strategisches  Ziel. Wir sind derzeit  bei rund 25 Prozent des außereuropäischen Umsatzes. Wir wollen diesen Anteil  sukzessive steigern. In drei bis vier Jahren werden wir bereits bei 35 bis 40 Prozent sein.  Nach 2020 werden wir die Hälfte des Umsatzes außerhalb Europas machen. Europa ist als Markt, was die Qualität und die Technologie betrifft, ein zentrales Element, weil es die anspruchsvollsten Kunden hat.  Eine europäische Automobilindustrie,   die europäischen Bahnen, die Luftfahrtindustrie, die europäischen Maschinenbauer, die Landmaschinenbauer, alle diese Unternehmen  haben die höchsten Anforderungen an Qualität und Technologie im weltweiten Vergleich. Sie treiben uns permanent an. Schon deswegen werden wir auf eine Produktion in Europa nicht verzichten. Außer die Umweltvorschriften werden so verschärft, dass wir hier nicht mehr produzieren können. Spezialprodukte wie Tiefsee-Pipelines oder Hochgeschwindigkeitsweichen werden wir weiter hier produzieren, aber nur im obersten Segment, wo auch die Preissensibilität entsprechend geringer ist.  Faktum ist, dass das Volumenswachstum nicht mehr in Europa stattfinden wird. Dieses erfolgt  in Schwellenländern, wo die Menschen großen Nachholbedarf haben. Bei   sich rasch entwickelnden und großen Ländern  geht es darum, dass wir das aus Europa nicht machen können. Das ist der Grund, warum wir ein Edelstahlwerk in Brasilien haben, warum wir  rund um die Welt 50 Weichenwerke haben.  So wird sich das Schritt für Schritt fortsetzen.

Europa präsentiert sich als offener Markt. Schwellenländer hingegen schließen ihre Märkte gegenüber unseren Produkten ab.

Europa  ist eine sehr offene Volkswirtschaft. Leider ist das in vielen anderen Regionen nicht der Fall. Wie zum Beispiel in Brasilien oder China, wo teilweise durch offene oder versteckte Protektion oder Subvention gewisse Barrieren für Wettbewerber aufgerichtet wurden.   Europa sieht sich hingegen  als Vorreiter des freien Marktes. Aber wenn  Europa tatsächlich die einzige Region der Welt ist, wo das freie Spiel der Marktkräfte wirkt, und alle anderen sich abzuschotten beginnen, dann sind wir der Drittlandsmarkt, wo sich alles abspielt, aber nicht zugunsten Europas.  Europa wird schauen müssen, dass es zu gleichen Wettbewerbsbedingungen in den anderen Regionen kommt.
Europa scheint mir hier manchmal etwas naiv. Es entsteht hier  Druck, weil sich andere abschotten. Wir wissen, wie in China Einfuhren behindert und wie die Ausfuhren gesteuert werden.  Das ist die eine Seite der Medaille.
Wir wissen nicht, wie chinesische Produkte  subventioniert werden.   Das ist völlig intransparent, obwohl China Mitglied der Welthandelsorganisation WTO ist. Gerade wenn ich an die Stahlindustrie denke.
Es ist wirtschaftlich der größte Unsinn,  Stahl von China nach Europa zu transportieren, weil die Transportkosten jeden Gewinn vernichten. Der Transport kostet pro Tonne zwischen 60 und 80 Euro. Bei einem Produkt, das 500 Euro kostet und bei dem die Marge in den vergangenen Jahren rund fünf Prozent betrug.
Hier werden Gewinne und Werte vernichtet. Hier können nicht normale Kostenkalkulationen dahinterstehen, da gibt es auch politische Überlegungen.

Welche Chancen sehen Sie für Ihr Unternehmen  bei der Energiewende?

Ich bin hier  sehr vorsichtig.  Es wird heute inflationär mit Begriffen wie  grün oder Energieeffizienz umgegangen. Man soll hier am Boden bleiben. Es ist eine Illusion zu glauben, mit der Energiewende alles zu ersetzen, was konventionelle Energie heißt. Es rechnet sich ja in vielen Fällen nicht. Wenn Deutschland allein die Solarenergie mit 100 Milliarden Euro pro Jahr subventioniert hat, dann ist das ein Betrag, der auf Dauer nicht leistbar ist. Es ist richtig, dass jetzt die Förderungen zurückgenommen werden.
Es ist notwendig, dass in diesen Bereichen ein neuer Realismus einkehrt. Was nützt es uns, wenn wir aufgrund der Förderungen lauter bankrotte Staaten haben, aber eine intakte Umwelt? Wir müssen die Balance zwischen betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten und ökologischen Erfordernissen  wesentlich besser schaffen. Wir haben vielfach ein zu ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken.  Wir werden auf Dauer nicht völlig ohne Kohle und Öl auskommen. Es gibt gerade in diesen Bereichen Effizienzsteigerungsmöglichkeiten mit relativ wenig Aufwand. Wir entwickeln zum Beispiel neue Konzepte für Gas- und Dampfturbinen, mit denen man den Wirkungsgrad um bis zu 40 Prozent erhöhen kann.

Wie wichtig sind die  Autobauer, insbesondere die deutchen,  für die voestalpine?

Die drei Premiumhersteller Mercedes, Audi und BMW sind das Maß aller Dinge in der weltweiten Automobilindustrie. Daran wird sich in den nächsten Jahrzehnten nichts ändern. In zwei Dritteln der klassischen Industrie ist Europa führend.
Wenn wir es schaffen, das kleinkarierte nationale Denken aufzugeben und Europa eine Einheit wird, haben wir auch in Zukunft alle Chancen.  Am Ende des Tages müsste  es die Vereinigten Staaten von Europa geben. Alles andere wird den Standort Europa gefährden.

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( Kurier ) Erstellt am 21.04.2012