"Verdienen kommt von dienen"

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Julius-Raab-Stiftung: Christoph Leitl, Präsident der Stiftung, über den Staatsvertragskanzler und die Notwendigkeit des Sparens.

Am kommenden Donnerstag übergibt die Julius-Raab-Stiftung  in der Wirtschaftskammer Linz  223 Inlandsstipendien, 24 Lehrlingspreise und 151 Auslandsstipendien mit einer Gesamtsumme von 142.740   Euro.  Seit der Gründung der Stiftung vor 50 Jahren zum 70. Geburtstag  des Staatsvertragskanzlers Julius Raab wurden rund 57.000 Preise und Stipendien im Wert von rund zehn Millionen  vergeben.  Aus Anlass des heurigen 120. Geburtstages von Raab werden 120 hoch dotierte Sonderstipendien für Auslandsstipendien außerhalb Europas gewährt (office@raabstiftung.at). Stiftungsgeschäftsführer ist der Linzer Peter Müller,  Präsident ist Wirtschaftskammerchef  Christoph Leitl.

KURIER: Welche Bedeutung hat Julius Raab heute noch?
Christoph Leitl:
Es sind sein  Charakter und seine  Tugenden wie Fleiß, Einsatzbereitschaft, Geradlinigkeit und Fairness.  Es ist seine Werteorientierung, ob  das nun christliche oder humanistische Werte sind. Gerade die heutige Zeit benötigt wieder Werte und eine Besinnung auf die Realwirtschaft. Die internationale Spekulation, die   über uns herrscht, wäre ihm eine Gräuel gewesen.

Was kann man von Raab lernen?
Bescheidenheit, Einfühlsamkeit in andere,  die Bedeutung der Sozialpartnerschaft und die Heimatliebe zu Österreich. Er vermittelte Begeisterung für die Menschen, für die man verantwortlich ist.

Sie bezeichnen  Raab als „Großvater“. Wie darf man das verstehen?
In der Generationenreihe  ist er es.  Raab als Kammerpräsidenten folgten  Rudolf Sallinger, Leo Maderthaner und dann ich. Ich fühle mich auch in seiner geistigen Nachfolge. Seine Prinzipien wie das der Sozialpartnerschaft sind heute noch gültig. Eines seiner Prinzipien war das Miteinander anstatt des Gegeneinanders. Das ist heute noch gültig, unsere Zeit braucht das besonders. Weiters  seine Aussage, dass verdienen vom Wort dienen kommt.

Julius Raab war ein sparsamer Mann. Er liebte seine „Beamtenforelle“, die Knackwurst, und er bevorzugte bodenständige Küche wie den Schweinsbraten. Sparen ist auch heute wieder angesagt.
Wir müssen erneuern statt besteuern. Ich haben diesen Grundsatz seit Jahren vertreten. Jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Es wird entweder mit den notwendigen Reformen begonnen  oder es beginnt ein Raubzug auf die Geldtaschen der Bürger.

Die Schuldenbremse ist umstritten. Die Landes-SPÖ ist gegen sie, die Regierung hat die angestrebte Verankerung in der Verfassung verfehlt, weil sie von den Oppositionsparteien  abgelehnt wird.
Die Schuldenbremse ist ein Signal nach außen, dass wir es mit dem Sparen ernst meinen. Sie soll die steigende Zinslast einbremsen, denn wir werden mit  steigenden Zinsen für unsere Staatsanleihen bestraft. Das ist teuer, das müssen wir alle bezahlen.

Die von Ihnen angekündigte Einsparung von mehreren Milliarden Euro durch die Verwaltungsreform  wird von so manchen angezweifelt.
Wer das nicht glaubt, soll mit der ersten Milliarde beginnen. Es ist fahrlässig, nicht in die Grube zu graben, weil der Goldschatz möglicherweise nicht so groß ist wie vermutet.

Kann man die verschuldeten öffentlichen Haushalte tatsächlich ohne zusätzliche Steuern sanieren?
Das ist ohne Weiteres möglich. Der Bund, die Länder und die Gemeinden bräuchten nur jeweils fünf Prozent ihrer Ausgaben einsparen. Wenn das in jedem privaten Haushalt und in jedem Betrieb möglich ist, müsste das  auch bei der öffentlichen Hand funktionieren.  Dann muss man den Bürgern nicht in die Tasche greifen. 

Julius Raab: "Ich bin kein Freund von langen Reden"

Julius Raab (29. 12. 1891–8. 1. 1964) war bekannt für seine trockene Art und seinen  Humor. Beim Landesparteitag der ÖVP Niederösterreich am 6. November 1955 sagte er in einem Anflug von Selbsterkenntnis: „Ich bin kein Freund von langen Reden. Man hat mir einmal nachgesagt, ich sei mit meinem Sekretär nach Salzburg gefahren. In St. Pölten hat er gesagt: Die Gerste steht heuer aber schön. Und ich habe in Wels geantwortet: Und das Troad auch.“


Der gestorbene Nationalratsabgeordnete Leopold Helbich (1926–2004) erinnert sich an den Neubau der Donaubrücke in Mauthausen. Sie kostete 15 Millionen Schilling, Erwin Wenzl (Landregierung OÖ) und Finanzminister Reinhard Kamitz hatten bereits jeweils  fünf Millionen zugesagt, es fehlte noch das dritte Drittel.  Der Industrielle Helbich schrieb in seinen Erinnerungen: „Als Letztes marschierte ich zum niederösterreichischen Landeshauptmann Johann Steinböck. Der massige Politiker hörte mir jungem Spund ruhig zu und sagte mir in liebevollem Ton: Lieber Freund, von mir kannst alles haben, nur kein Geld. Servus!“ Und zum Beweis seiner Freigiebigkeit in allen anderen Dingen leerte er mit mir   um acht Uhr Früh eine Flasche Grüner Veltliner, den er aus der Schublade gezogen hatte. Ich war wütend, rannte ohne Zögern ins Büro von Bundeskanzler Raab.  Ich erklärte in flammenden Worten mein Anliegen und Raab entließ mich nach drei Minuten mit einem trockenen „I werd’ schau’n.“  Raab marschierte mit seinem Sekretär spontan in die niederösterreichische Landesregierung, die damals  noch schräg hinter dem Bundeskanzleramt lag.

 Er führte mit Steinböck eines seiner berühmten Kurzgspräche. „Gibt’s was Neu’s?“ – „Na.“ – „Was mach ma mit der Mauthausner Bruck’n?“ – „Nix-“ – „I glaub’,  da miass’n ma was machen.“ –  „Na.“ – „Aber i wär’ dafür. Bist du net  a dafür?“ – „Is des dein Wunsch?“ – „Ja.“ – „Dann geht’s in Ordnung.“  So wurden damals politische Beschlüsse gefasst. Jetzt ging der Neubau der Mauthausner Brücke in Ordnung.“ Das war 1961.

Erstellt am 10.12.2011