Chronik | Oberösterreich
10.12.2017

"Unser Ziel ist ein College der Besten der Besten"

Der Rektor der Linzer Kepler Universität über seine massiven Ausbaupläne

Meinhard Lukas (47) ist Professor für Zivilrecht und seit Oktober 2015 Rektor der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz.

KURIER: Wie ist Ihre Erwartungshaltung gegenüber der neuen Regierung?

Meinhard Lukas: Ich habe eine enorme Erwartungshaltung. Die neue Regierung ist für Veränderung angetreten, die sie jetzt auch einlösen muss. Insbesondere in den wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit, das sind die Digitalisierung und der Bildungsstandort. Da geht es nicht ums Sparen, sondern um kräftige Investitionen.

Was erwarten Sie für Ihre Universität?

Dass wir endlich eine gerechte Budgetzuteilung bekommen, die dem Standort angemessenist.

Derzeit erhält Linz lediglich fünf Prozent des gesamtöserreichischen Universitätsbudgets.

Das ist für einen Industrie-, Wirtschafts- und Forschungsstandort zu wenig. Wenn sich das nicht massiv steigert, wird die Forschungsquote, die die Landesregierung anstrebt, nicht darstellbar sein.

Das bedeutet eine Verdoppelung der Mittel?

Eine Verdoppelung ist sportlich, aber es gibt jetzt 1,35 Milliarden mehr für die Universitäten. Da erwarte ich, dass die JKU überproportional beteiligt wird. Wir rechnen mit 40 bis 50 Millionen Euro für zusätzliche Initiativen in Linz. Das wäre ein echter Zuwachs.

Das ist nicht so viel.

Das ist schon viel. Das wären 40 zusätzliche Lehrstühle.

Die weltweit führenden Universitäten wie Berkeley oder Stanford verfügen über mindestens 55 Lehrstühle in den Computerwissenschaften, das Massachusetts Institute of Technology (MIT) sogar über 80. Linz ist davon weit weg.

Davon sind wir noch weit weg. Wobei ich überzeugt bin, dass wir in der Software und in der Hardware gleichermaßen wachsen müssen.

Unsere Kernkompetenz ist seit den 1990-er Jahren die Mechatronik. Sie ist die Integration von Hard- und Software. Das ist die Mechanik und die Hydraulik der Maschinen etc. Die Chancen, die die Digitalisierung bringt, müssen auch auf die Hardware übertragen werden. Wir wollen gleichmaßen in der Hardware und im IT-Bereich wachsen. Das ist unser Ziel. Denn die Integration von beidem ist die Zukunft. Nur auf die virtuelle Welt zu setzen ist aus Linzer Sicht sicher der falsche Weg. Wir wollen den Weg der Verschränkung weiter gehen. Die Mechatronik ist die Schiene, auf der wir unser Wachstum entwickeln wollen.

Wieviele der 40 Lehrstühle, die Sie sich zusätzlich vorstellen, sollen in diesem Bereich installiert werden?

Mehr als die Hälfte, rund 25, sollen im Bereich der technologischen Forschung sein. Das sind die IT und die Hardware.

Wir verstehen Technologie aber breiter als die reine Technik. Das ist das Besondere der Kepleruniversität. Wir sprechen auch nicht von Digitalisierung, sondern von digitaler Transformation. Weil sich die Gesellschaft insgesamt in diesem Bereich weiter entwickeln muss. Die soziale Entwicklung muss mit der technischen Entwicklung mithalten. Die Digitalisierung wird den Gesundheitsbereich dramatisch durchdringen. Sie wird die Arbeitswelt total verändern. Es muß sich das Management in den Unternehmen verändern. Keine andere Universität, zumindest in Österreich, ist so prädestiniert das voran zu treiben. Denn wir haben nicht nur eine technisch-naturwissenschaftliche Fakultät und mit dem LIT (Linz Institute of Technology) ein Leuchtturmprojekt, wir haben auch die Sozialwissenschaften und die Rechtswissenschaften. Allein wenn ich daran denke, welche Rechtsfragen und welche ethischen Fragen das autonome Fahren aufwirft. Wir stehen für etwas, das ich responsible technology nenne. Also ein Technologiezugang, der mit einem entsprechenden Verantwortungsbewußtsein gepaart ist. Das ist ungaublich wichtig, um junge Menschen für die Technologie zu gewinnen. Sie darf nicht mehr so kalt daherkommen, wie das in den vergangenen Jahrzehnten der Fall war.

Wir werden in einem Jahr das Studium Medical Engineering anbieten, also ein Studium, das Medizintechnik in den Mittelpunkt stellt, bei dem es um Heilen durch Technik geht. Also ein ganz anderer Bezug als bei der Technik der Vergangenheit.

Wie profiliert sich die Linzer Universtität im Wettbewerb mit den anderen Universitäten?

Genau damit. Wir denken Technologie viel breiter. Wie reagiert der Mensch auf Systeme wie Roboter und Künstliche Intelligenz? Wir haben bereits einen Lehrstuhl für Roboterpsychologie ausgeschrieben. Das ist für die Produktentwicklung von entscheidender Bedeutung. Linz ist hier anderen technischen Universitäten überlegen, eine menschlichere, eine breitere und eine ökologischere Technologie zu denken. Auch durch die Verbindung mit der medizinischen Fakultät.

Seit dem Abgang von Landeshauptmann Josef Pühringer hört man nur mehr vom Ausbau der Technologie, aber kaum mehr etwas von der neuen medizinischen Fakulät.

Das ist genau der Punkt. Als die Medizinfakultät kam, gab es Proponenten, die gesagt haben, wir sind dafür, dass die Technik anstelle der Medizin ausgebaut wird.

Das war vor allem die Industriellenvereinigung.

Genau. Dann hat es andere gegeben, die gesagt haben, sie sind für die Medizin, weil ein Ärztemangel droht. Sie haben gedanklich vielleicht ein bisschen die Technik vernachlässigt. Zwischenzeitlich zeigt sich, dass die Kombination aus beidem eine unglaubliche Chance für den Standort ist. Ein Beispiel. Unser Wittgenstein-Preisträger Niyazi Serdar Sariçiftçi und unser Matthias Bolz, Professor für Augenheilkunde am Keplerklinikum, forschen an künstlicher Netzhaut.Die beiden sind bereits so weit, dass das in Israel im Versuchsstadium ist. Das zeigt, welche Chancen diese Schnittstelle zwischen Medizin und Technik bringt. Da sind wir in Österreich ganz allein. Axel Kühner, der Vorstandsvorsitzende der Greiner-Holding, hat für den Medizin-Cluster unglaublich innovative Ideen.

Dann wird aus dem versprochenen Medical Valley vielleicht doch einmal etwas.

Vielleicht ist der Begriff nicht so glücklich.Wir werden darüber nachdenken, wie wir das neu nennen, aber die Chancen sind enorm. Man muss sich bewußt sein, dass das anders funktioniert als im reinen IT-Bereich. In der Medizintechnik ist alles wesentlich investitionsintensiver. Ein paar Computer und ein paar Leute, die gute Ideen haben, reichen hier nicht. Man muss das, was hier entwickelt wird, zu Zulassungen bringen. Man braucht zum Teil zuerst die Zulassung in den USA. Dafür ist bei Investitionen ein anderen Atem nötig. Das hat man vielleicht zu wenig berücksichtigt.

An der Medizinfakultät läuft alles nach Plan?

Es ist alles im Laufen. Wir verhandeln derzeit die zweite Riege der Professoren. Es geht um Orthopädie,um Kinderheilkunde und um Onkologie.Wir reden derzeit mit absoluten europäischen Spitzenforschern.

Sie plädieren zu Studienbeginn generell für eine Studieneingangsphase, weil das Niveau der Maturanten sehr unterschiedlich ist.

Wir gehen sogar noch weiter. Wir sind derzeit im Gespräch mit dem Landesschulrat. Wir wollen für die Chancen der MINT-Studien (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, Anm.d.Red.) sensibilisieren. Wenn die Maturanten sich bei der Matura für MINT-Fächer entscheiden, wollen wir das im Studium bereits als Vorleistung berücksichtigen. Wir sind dabei ein naturwissenschaftliches Studium, das Nawitec heisst, einzuführen, das schiefsemestrig beginnt. Denn das Semester wird idealerweisebereits über die Schulvorbildung und über Sommerkurse abgedeckt. Wenn die Studenten also im Wintersemester zu studieren beginnen, sind sie bereits im zweiten Semester.Wir wollen damit bereits in den siebten und achten Klassen der Mittelschulen einen Anreiz setzen, damit sie sich für die MINT-Fächer interessieren.

Auch bei den HTL-Absolventen geht nur ein Bruchteil an die Universitäten. Es wäre unglaublich wichtig, dass hier ein berufsbegleitendes Studium möglich ist. Dazu brauchen wir aber auch die Unterstützung der Betriebe. Wir wollen hier mit der Industrie und Wirtschaft Konzepte entwickeln. Wir haben viele berufsbegleitende Studenten, die aber zu früh in die Wirtschaft gehen und das Studium nicht abschließen.

MINT-Fächer gehören zu den anspruchsvollsten Studien. Werden die Studenten hier mit Studium und Arbeit nicht überfordert?

Das ist genau der Punkt, warum wir schauen müssen, dass das besser aufeinander abgestimmt ist. Dass nicht von beiden Seiten zu viel verlangt wird.Wir müssen mehr Distance-learning-Angebote machen und die Wirtschaft muss Zeitrahmen vorgeben, die mit einem Studium vereinbar sind.

Die Kepleruniversität wird baulich in Richtung eines Colleges ausgebaut, damit sie für die Studenten attraktiver wird. Wird es tatsächlich einmal ein College geben, sodass die Studenten tatsächlich auf der Universität wohnen?

Ichglaube,dass es sehr zeitnah eines geben wird. Wir sind in intensiven Gesprächen mit Land und Stadt. Ich rechne damit, dass wir schon in den nächsten Wochen ein Ergebnis präsentieren.

Es ist realistisch?

Sehr realistisch. Das Ziel ist ein College der Besten der Besten.Wir wollen international Menschen mit besonderer Neigung für die MINT-Fächer anziehen. Das Ziel ist auch eine finanzielle Unterstützung.

Die ETH Zürich verfügt über ein Budget von 1,7 Milliaren Schweizer Franken. Die Ludwig- Maximilian-Universität München über 1,7 Milliarden Euro. Wird Linz jemals in solche Dimensionen vorstoßen?

Das werden wir wohl nicht. Aber wir müssen zweierlei schaffen. Erstens brauchen wir noch viel mehr Geld und wir müssen zweitens noch viel effizienter werden.Beim LIT haben wir in den zwei Jahren seit Beginn gezeigt, dass es geht.Wir haben nun mit Prof. Müllegger den zweiten Preisträger für einen "Consolidator Grant", das ist der höchste europäische Förderpreis. Martin Kaltenbrunner hat den "Starting Grant" gewonnen.

Ohne Förderung über das Linz Institute of Technology (LIT) gäbe es das nicht. In zwei Jahren zwei ERC-Grants plus Publikationen in Science und Nature , den Topjournalen der Welt, ist das Ergebnis. Das haben wir geschafft mit vier Millionen Euro pro Jahr. Drei Millionen vom Bund, eine Million vom Land.

Das ist der Grund, warum wir mit LandeshauptmannstellvertreterMichael Strugl vereinbart haben, das LIT fokussiert auszubauen. Es wird nun weitere Millionen des Landes geben, um beim Bund wieder einen entsprechenden Multiplikator zu bekommen.

Das LIT ist die Antwort auf die Forschungsherausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Das LIT hat das Problem, dass es nicht sichtbar ist.

Deswegen wird es im nächsten Jahr die Gebäudeerrichtung geben. Wir bauen am Campus neben dem TNF-Turm das LIT-Open-Innovation-Center. Dort entsteht die LIT-Pilotfabrik mit Open-Space-Büros, wo Forscher der Unternehmen mit unseren Leuten gemeinsam Forschungsgruppen bilden. Da wird das LIT auch im wahrsten Sinn des Wortes greifbar. Es ist unglaublich wichtig, dass man das auch spürt.

Der Softwarepark Hagenberg war eine wichtige Initiative von Professor Bruno Buchberger. Wie soll es hier weitergehen?

Land, JKU und Fachhochschulen sind sich einig,dass wir dort einen neuen Schub brauchen. So wie jede Initiative nach einer gewissen Zeit eine neue Initiative braucht. Hagenberg muss in der IT wieder der Forschungsleuchtturm werden, der es in der Vergangenheit war. Wir brauchen einen Impuls an Spitzenforschung. Wir sind uns mit dem Land einig, dass wir das in der IT-Security sein wollen. Das heisst, die Universität wird eine Forschungsinitiative Richtung IT-Security in Hagenberg mit Landesunterstützung machen.

Diese muss breit aufgestellt sein. Wir brauchen einerseits Nachwuchsförderung und irgendeine Form von Doktoratsstudium, für das wir weltweit Leute holen wollen.

Warum? Die Etablierten zieht es alle an die Westküste der USA. Deshalb brauchen wir hier ein, zwei Leuchtturmprofessuren, damit Hagenberg das Innovationszentrum in Österreich für den Bereich Computersicherheit ist.