„Sie reden von Autonomie und meinen Zentralismus“

Präsident Fritz Enzenhofer auf der Terrasse des Landeschulrates mit seiner ersten Schultasche © Bild: Harald Dostal

Fritz Enzenhofer. Der 62-Jährige war 17 Jahre lang Präsident des Landesschulrats. Viele Reformen sieht er kritisch. Sie führen nur zu mehr Zentralismus.

Der Sohn eines Trauner Fleischhauers wurde in jungen Jahren Lehrer. Er engagierte sich in der ÖVP, wurde Personalvertreter und stieg bis zum Landesschulratspräsidenten auf. Nun darf er sich am 31. Juli in den vorzeitigen Ruhe begeben, weil ein neuer Bildungsdirektor bestellt wird.

KURIER: Wie geht es Ihnen? Beschissen?

Fritz Enzenhofer: Schon spannend. Jeder, der einen neuen Lebensabschnitt beginnt, hat Wünsche und Sorgen. Ich lege ein Amt zurück, das vollkommen neu konzipiert wird.

Man weiß heute noch nicht genau, wie es aussehen wird.

So ist es. Es gibt verschiedene Konstrukteure, die da herumgearbeitet haben und die verschiedene Weltsichten vertreten. Sie reden zwar von Autonomie, sie meinen aber totalen Zentralismus. Ich vertrete das Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre. Die kleinere Einheit regelt ihre Aufgaben so lange, bis sie überfordert ist und es eine übergeordnete Verantwortung gibt.

Meine zweite Erfahrung. Je weniger sich jemand mit Schule und Bildung auskennt, umso mehr kümmert er sich um die Organisation. Alle Organisationsdebatten, ob das ideologische sind wie die über die Ganztags- oder Gesamtschule, sind nicht das Thema für das Gelingen der Schule. Sie sind nicht der Kern. Schule braucht die Gestaltungsfreiheit und Gestaltungsmöglichkeit der Lehrer in ihrem täglichen Wirken. Man braucht sicherlich ein gutes Monitoring, das heißt Rückmeldungen. Es braucht ein hohes Selbstbewusstsein der Lehrer. Hier geht es mehr als um das Rechthaben. Sie müssen eine Perspektive entwickeln können, wo es hingehen kann. Nicht nur für die Gesellschaft, sondern für das einzelne Kind.

Die Schulautonomie bringt also das Gegenteil dessen, wie sie anstrebt, nämlich mehr Zentralismus.

Sie wird den Ruf nach mehr Ordnung bringen. Jeder sucht nach Regelungen und Strukturen. Sie wird daher das Gegenteil bringen.

Der neue Bildungsdirektor ist kastriert, weil er keine Organisation mehr wie den CLV hinter sich hat und er braucht die Zustimmung des Landeshauptmanns und des Bildungsministers.

Diese Freiheit, wie sie der Landesschulratspräsident gehabt hat, wird nicht mehr so gegeben sein. Das Land hat sehr viel Macht an den Bund abgegeben. Die Ausgewogenheit zwischen Bund und Ländern ist nicht mehr gegeben. Es wird zentralistischer.

Oberösterreich schneidet bei allen Schultests immer sehr gut ab. Warum?

Man hat mir einmal den Vorhalt gemacht, ihr Oberösterreicher seid die Preußen Österreichs. Ich habe immer geglaubt, wir sind die Bayern. Die Oberösterreicher sind immer bemüht, ihre Aufgaben ordentlich zu erfüllen.

Was sicherlich geholfen hat, war, dass ich hinter meinen Lehrern stehe. Es können bei einem Betrieb mit 20.000 Mitarbeitern und einem Budget von 1,3 Milliarden Euro Fehler passieren. Das Wesentliche aber ist, dass die Lehrer mit dem Gefühl in die Arbeit gehen, dass sie die Möglichkeit haben etwas Positives umzusetzen.

Wie schauen Ihre Wünsche und Ihre Sorgen aus?

Ich wünsche mir, dass das, was man erarbeitet hat, noch besser weitergeht. Viele kritisieren, dass Schule so stark in der politischen Diskussion ist. Ich halte das für gut. Denn Schule ist ein Kristallisationspunkt der Gesellschaft. Schule ist eine der wesentlichen Aufgaben, die ein Staat hat. Deshalb habe ich zu den Lehrern immer gesagt, ärgert euch nicht, wenn die Leute sagen, das und das soll die Schule auch noch machen. Das ist ein Zeichen, dass man uns zutraut, dass wir etwas verändern können. Ob wir alle Wünsche erfüllen können und wollen, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Warum wird hier ständig nach Reformen gerufen?

Ich darf hier Helmut Qualtinger zitieren. Wann i woas z’rden hätt’, i schaffat alles ab. Schule ist etwas sehr Zentrales, deshalb ist sie in der Aufmerksamkeit. Zweiter Punkt: Uns entgeht keiner. Jeder muss durch die Schule, ob er will oder nicht. Es werden sehr viele Perspektiven in die Schule hineingelegt. Und jeder sieht natürlich seine Position als die Wesentlichste. Der Firmenchef hat eine andere als der Vereinsobmann.

So dynamisch wie sich alles in der Gesellschaft bewegt, ist klar, dass sich auch die Schule dynamisch bewegen muss. Aber auf der anderen Seite hat die Schule auch etwas weiterzugeben, was nicht täglich austauschbar ist. Grund- und Werthaltungen, Einstellungen, Menschenrechte etc. Das sind alles Dinge, die wir tradieren und vermitteln. Und es gibt sehr rasche Kommunikationsformen wie das Handy und das Internet. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns.

Die Zusammensetzung der Klassen hat sich durch die Migration drastisch geändert. Funktioniert die Integration in den Schulen?

Die Frage ist, wer integriert wen? Dieses Thema haben wir nun bei den Deutschklassen, die der Minister einführen will. Man kann natürlich segregieren. Man kann jene, die in Deutsch schwach sind, in der Vorschule zusammenziehen. Wer geht dann in die Vorschule? Alle, die nicht Deutsch können. Sie sind dann ein Jahr älter, wenn sie ins Volksschulsystem einsteigen. Die anderen, die Deutschsprechenden, steigen dann normal ein, wohnen zum Beispiel in Traun und sind daher dann in einer fünfprozentigen Minderheit. Sie kommen dann in eine funktionierende Klasse aus der Vorschule mit Schülern, die alle ein Jahr älter sind und das Zentrum der Klasse bilden.

Das ist natürlich sehr schwierig.

Deshalb meine Frage, wer integriert wen? Es wird eine immense Aufgabe, die Verteilung von Bildung gerecht zu gestalten und sich nicht bestimmten Stärken zu unterwerfen.

Was heißt das konkret?

Stärke heißt, dass die einen sagen, wir sind die Mehrheit, deshalb sagen wir, in welche Richtung es läuft. Oder die anderen sagen, wir haben das meiste Geld, deshalb sagen wir, wie es geht.

Ich würde heute sofort wieder Lehrer werden, auch sofort wieder Landesschulpräsident und Personalvertreter, weil das eine der spannendsten Aufgaben ist, die es überhaupt gibt. Da wird Zukunft gestaltet.

Die ÖVP hat entschieden, dass der Obmann des 13.000 Mitglieder starken Christlichen Lehrervereins (CLV) nicht mehr Bildungsdirektor werden darf, weil er ein Gewerkschaftsvertreter ist. Wie beurteilen Sie als langjähriger CLV-Obmann diese Entscheidung, die eine Haltungsänderung ist?

Es hat dem CLV und der Bildung nicht geschadet, wenn die Kompetenz, Lehrer zu führen, mit einer hohen Solidarität verbunden ist. Ich muss hinter meinen Leuten stehen. Wer Menschen führen will, muss hinter ihnen stehen. Ich sehe da keinen Widerspruch. Ich sehe auch keinen Widerspruch darin, wenn ein Landeshauptmann zugleich Obmann einer Partei ist.

Es gab vor einigen Jahren einen heftigen Konflikt zwischen Ihnen und der Industriellenvereinigung. Wie sehen Sie das heute?

Ziemlich gelassen. Es ist das legitime Interesse einer Standesvertretung für Ihre Anliegen Position zu beziehen, die produktions- und outputorientiert sind . Es ist aber die Aufgabe eines Gesamtverantwortlichen, das gesamte Umfeld zu sehen. Ein entsprechendes Umweltgewissen gehört heute genauso zu einer guten Weiterentwicklung eines Betriebs dazu. Das Hinterfragen und Infragestellen machen eigentlich Bildung aus. Die Universitäten kämpfen geradezu darum die Dinge in Frage zu stellen.

Was werden Sie in Zukunft machen?

Ich habe bei der letzten Sitzung in Wien zu Unterrichtsminister Faßmann gesagt. Ich bin in dieser Runde als Landesschulratspräsident der letzte Mohikaner. Neben mir sitzen lauter Bildungsdirektoren. Und ich begrabe weder mein Herz noch mein Hirn an der Biegung des Flusses. Ich nehme mir die Freiheit, weiterhin mitzudenken. Ich hoffe, ich werde nicht allzu lästig fallen. Und ich hoffe, auch nicht zu bequem zu sein.

( kurier.at , josef.ertl ) Erstellt am 29.04.2018