Chronik | Oberösterreich
29.03.2014

„Für islamisches Reich mit Kalifen“

Die Journalistin und Autorin Petra Ramsauer über die Strategie und das Netzwerk der Muslimbrüder.

Petra Ramsauer hat ein höchst aktuelles Buch geschrieben. Muslimbrüder. Ihre geheime Strategie. Ihr globales Netzwerk (Molden-Verlag). Die 44-Jährige ist in Vöcklabruck geboren und am Attersee aufgewachsen. Sie hat in Wien Politikwissenschaften studiert und berichtet seit zwei Jahrzehnten regelmäßig aus dem Nahen Osten. Sie hat bereits mehrere Bücher verfasst: Mit Allah an die Macht. So verändern Arabiens Revolutionen unsere Welt (Verlag Ueberreuter). So wird Hunger gemacht. Wer warum am Elend verdient (Verlag Ueberreuter). Die Klimarevolution. So retten wir die Welt (Zsolnay-Verlag). Sie ist freie Journalistin für mehrere führende deutschsprachige Medien und die Lebenspartnerin des Grünen Landesrates Rudolf Anschober.

KURIER: In Ägypten wurden nun 529 Mitglieder der verbotenen Muslimbrüder zum Tod verurteilt. Wie ordnen Sie diese quasi Massenexekution ein?
Petra Ramsauer: Diese Urteile sind nicht rechtskräftig, sie werden beeinsprucht. Es wird nach allgemeiner Einschätzung vorerst zu keinen Exekutionen kommen. Auch weil der Großteil in Abwesenheit verurteilt wurde. Laut Anwälten sind von den 529 nur 22 deklarierte Muslimbrüder. Solche echten Mitglieder durchlaufen einen langen Aufnahmeprozess. Sie sind elitär, sie sind ein Geheimbund.

Was sind sie genau?
Sie sind vieles und sprengen jede Kategorie, die wir von unserer Vereins- und Parteienlandschaft kennen. Sie sind eine politische Schule, eine Ideologie. Sie wurden 1928 in Ägypten vom Volksschullehrer Hasan al-Bannā gegründet mit dem Ziel, die arabische Welt zu reformieren. Das Ziel ist eine islamische Ordnung zu gründen. Damals ist die gesamte arabische Welt vom europäischen Imperialismus überrollt worden. Es ging darum, den Minderwertigkeitskomplex abzulegen. Man hatte das Gefühl, man bringt im arabischen Raum nichts zusammen, während in Europa die Industrialisierung vor sich ging und Großbritannien ein Weltreich war. Man hatte das Gefühl Europa ist überlegen. Man fragte sich, was können wir Muslime dem entgegenhalten? Man hat sich an die islamische Hochkultur erinnert und gefragt, was daraus geworden ist? Ihre Antwort war, zu den islamischen Werten und Wurzeln zurückzufinden. Würde Hasan al-Bannā heute auftreten, würden wir ihn wahrscheinlich als Globalisierungskritiker bezeichnen. Es ist falsch, sich darunter radikale, fundamentalistische Muslime vorzustellen.

Sind die Salafisten Teil der Muslimbrüder?
Nein, sie sind etwas ganz anderes. Diese wollen die Probleme lösen, indem sie zur Ordnung zur Zeit des Propheten Mohammed zurückkehren. Die Muslimbrüder haben sich das angesehen und gesagt, im Grunde finden wir das schon interessant. Wir müssen aber die Ordnung modernisieren und an das 20., 21. Jahrhundert anpassen. Die Frage, die sie beschäftigt, ist, wie weit sie dabei gehen? Wie weit sind sie bereit, sich zu modernisieren und wie weit gilt das islamische Recht, die Scharia? Die Bewegung ist eine breite. In erster Linie geht es um die Ablehnung des Nationalstaates hin zum islamischen Reich. In den frühen 1920er-Jahren ist das Kalifat abgeschafft worden. Die Muslimbrüder sagen, diese vom Westen oktroyierte Ordnung der Nationalstaaten spaltet unsere Kraft.Wir müssen wieder zu einem Reich aller Muslime finden mit einem Kalifen an der Spitze. Um das zu ermöglichen, müssen wir Muslimbrüder zuerst einmal die perfekten Menschen sein. Wie ist ein perfekter Mensch?Er betet regelmäßig und er engagiert sich für Soziales und für Bildung. In Ägypten haben sie zuletzt zwei Millionen arme Ägypter in ihren Spitälern behandelt und sie haben Ausspeisungen organisiert.

Sie sind ähnlich der Hamas?
Die Hamas sind ein Teil der Muslimbruderschaft. Es gibt die Muslimbrüder in allen muslimischen Ländern. Sie sind derzeit in Libyen de facto an der Macht. Aus der palästinensischen Muslimbruderschaft wurde in den späten 1980er-Jahren die Hamas.

In Ägypten hat das Militär gegen den gewählten Präsidenten Mursi geputscht. Hatte Mursi eine autoritäre Ordnung installiert, die in Richtung Diktatur ging?
Nein. Das stimmt nicht.

Sind die Muslimbrüder Demokraten?
Sie sind viele und vieles. Aus der Muslimbruderschaft ist 2011 die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit entstanden. Sie hat sich an den Wahlen beteiligt und an die Spielregeln gehalten. Man kann sagen, dass ein Demokratisierungsprozess begonnen hat. Als Mursi an der Macht war, gab es von den säkularen Teilen Ägyptens den Vorwurf, Mursi wolle Ägypten nur re-islamisieren. Das, was er umgesetzt hat, hat sich ganz stark auf die islamische Gesetzgebung konzentriert. Tatsächlich steht seit 1970 der Grundsatz in der Verfassung, dass die Scharia, das islamische Recht, die Quelle jeden ägyptischen Rechtes ist. Neu war, dass der Großmufti jedes Gesetz überprüfen sollte, ob es der Scharia entspricht. Weiters hat sich Mursi selbst per Dekret außerhalb der Gerichtsbarkeit gestellt. Es gab dann immer mehr liberale Kreise, die gesagt haben, wir wollen das nicht. Es entstand eine Bürgerbewegung. 30 Millionen Menschen demonstrierten für seinen Rücktritt. Das Militär hat sich auf diese Bewegung draufgesetzt und Mursi gestürzt. Kaum war er verhaftet, ist das Militär nicht nur gegen die Muslimbruderschaft, sondern auch gegen die liberalen und säkularen Träger der Revolution vorgegangen. Aus heutiger Sicht ist Ägypten ein Polizeistaat. Dieses rigide Vorgehen stärkt jetzt jene unter den Muslimbrüdern, die schon immer gesagt haben, wenn wir uns auf die Demokratie einlassen, werden wir am Ende verlieren. Man darf auch nicht vergessen, das unter Präsident Nasser in den 1950er-Jahren Tausende Muslimbrüder exekutiert wurden.

Es tagt derzeit die Arabische Liga. Katar, das 2022 die Fußballweltmeisterschaft ausrichtet, wurde dafür kritisiert, dass es die Muslimbrüder unterstützt.
Nicht nur Katar, sondern auch die Türkei unterstützt massiv die Muslimbrüder. Auch Saudi-Arabien hat ihnen früher geholfen. Aber die Saudis und die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützen nun den Militärputsch. Saudi-Arabien hat die Bruderschaft nun als Terrororganisation deklariert.

Ist sie eine Terrororganisation?
Nein, das würde ich so nicht behaupten. Entscheidend ist jetzt, in welches Eck diese Gruppe gedrängt wird und welche Kräfte innerhalb der Gruppe gestärkt werden. Man kann das mit dem Christentum vergleichen. Da gibt es auch sehr viele verschiedene Fraktionen.

Es gibt immer wieder Berichte von sexuellen Übergriffen auf Frauen.
Ägypten hat 82 Millionen Einwohner. Man geht davon aus, dass etwa eine Million mit der Muslimbruderschaft sympathisiert.
Ich sehe die sexuelle Gewalt nicht im Kontext der Glaubensfrage. Ägypten ist ein sehr armes Land, es gelten strikte soziale Normen. Ein normaler Umgang zwischen den Geschlechtern ist nicht möglich. Es ist sehr viel unterdrückt. Es gibt wenig Aufklärung. Zudem wird von den Sicherheitskräften sexuelle Gewalt gegen Frauen als Einschüchterung verwendet. Man hat das Gefühl, Frauen haben auf der Straße nichts zu suchen. Es ist ein Versuch, die Frauen von Demonstrationen abzuhalten. Dazu kommt der traditionell schlechte Umgang mit Frauen. Weiters gibt es Millionen von frustrierten Jugendlichen, die keine Arbeit haben und überhaupt keine Möglichkeit sehen, eine Partnerschaft einzugehen. Sie können es sich finanziell nicht leisten zu heiraten.