Anneliese und Josef Ratzenöck in ihrem Wohnzimmer

© Hermann Wakolbinger

Chronik Oberösterreich
04/07/2019

„Klimaschutz ist wichtiger als alles andere“

Oberösterreichs Altlandeshauptmann Josef Ratzenböck feiert seinen 90er. Für die Zukunft Europas ist er sehr optimistisch.

von Josef Ertl

Josef Ratzenböck feiert am 15. April seinen 90. Geburtstag. Die offizielle Geburtstagsfeier findet am 24. April im Landhaus statt. Ratzenböck war von 1973 bis 1977 Kulturlandesrat und von 1977 bis 1995 Landeshauptmann von Oberösterreich. Er ist dem Alter entsprechend betreuungsbedürftig. Seine Frau Anneliese kümmert sich um ihn.

KURIER: Wie geht es Ihnen?

Josef Ratzenböck: Den Umständen angemessen sehr gut.

Anneliese Ratzenböck: Er ist nicht lästig, er ist sehr geduldig, was gar nicht selbstverständlich ist, denn die Pfleglinge sind oft ungut zu den Pflegern.

Josef Ratzenböck: Das werde ich erst (alle lachen). Das ist erst der Übungszeitraum.

Was bedeutet der 90er für Sie?

Es ist ein unglaublich hohes Alter für einen Angehörigen Familie Ratzenböck. Mein Vater wurde 76, mein Großvater und Urgroßvater auch. Mit 76 habe ich mich mit dem Tod vertraut gemacht, denn ich habe geglaubt, dass ich auch mit 76 Abschied nehmen werde. Jetzt bin ich 90. Ich hatte ein Leben voller Vielfalt und voller Abenteuer.

Was haben Sie noch vor?

Unendlich viel. Ich würde sagen, ich brauche eine zweite Periode. Die Welt ist nie fertig. Es kommt immer etwas Neues, Spannendes dazu. Darauf bin ich sehr neugierig.

Was machen Sie hauptsächlich?

Lesen.

Öffentliche Termine nehmen Sie nur mehr selten wahr?

Ich gehe sehr schlecht. Und wenn ich gehe, wirke ich hilfloser als ich tatsächlich bin.

Geistig sind Sie fit, aber körperlich geht es nicht mehr so wie früher.

Ich nehme es an. Es ist nicht immer so, dass der Betroffene immer über sich selbst Bescheid weiß. Manche überschätzen sich, manche unterschätzen sich.

Stehen Sie immer noch um 5 Uhr früh auf?

Nein. Ich wage es gar nicht zu sagen. Heute bin ich erst um 8.30 Uhr aufgestanden.

Anneliese Ratzenböck: Bis zum 87. Lebensjahr hat er gearbeitet. Wir haben uns immer nach der Uhr gerichtet und aufgrund der Termine Zeitvorgaben gehabt. Der freie Umgang mit der Zeit ist ein Geschenk, das wir trotz aller Beschwernisse genießen.

Worauf sind Sie insgesamt stolz?

Es ist nichts Gröberes passiert. Alles, was mit meinem Leben zusammenhängt, vertrete ich.

Was hat Sie das Leben gelehrt?

Geduld zu haben. Das ist das Allerschwierigste. Geduld aus Überzeugung. Es hätte viel in meinem Leben anders verlaufen können, wenn nicht die Bereitschaft, Geduld zu haben, zu meinen wichtigsten Eigenschaften gehört hätte.

Es gab aus Ihrem Mund kaum ein negatives Urteil über Menschen. Sie haben den Leuten immer wieder eine Chance geben.

Das stimmt.

Anneliese Ratzenböck: Ich war viel schneller im Urteil geben. Er hat mich gelehrt, dass man von jedem Menschen annehmen muss, dass er gut ist. Und zwar nicht so lange, bis sich das Gegenteil herausstellt, sondern so lange, bis er wirklich gut ist. Das ist eine lange Brücke, die man gehen muss.

Josef Ratzenböck: Die Erfahrung hat mich das gelehrt. Ich bin zwar als Josef Ratzenböck 1929 geboren, ich habe aber das Gefühl, dass ich schon viel älter bin.

Dass Sie in den vergangenen Jahrhunderten gelebt haben?

Ja.

Als welche Person?

Als Josef Ratzenböck. Ich lebe in jedem Zeitalter. Wenn man sich ein bisschen für die Geschichte interessiert, dann muss man feststellen. dass die wichtigste Eigenschaft der Politiker die Geduld ist. Man muss erwarten können.

Diese Haltung hat sich bezahlt gemacht?

Sie hat mich befriedigt. Ich bin mit meinen Ressourcen halbwegs gut umgegangen. Ich kann nicht alles, aber sehr viel.

Wie geht man dann mit bösartigen Menschen um?

So, dass sie gut werden. In jedem Menschen steckt Gutes. Er möchte gut sein. Er schafft es nicht, er hat nicht die Kraft und Stärke. Ich erwarte trotzdem von ihm, dass er sich gut gegenüber der Gesellschaft und den Mitmenschen verhält. Aber ich muss zur Kenntnis nehmen, dass das oft danebengeht.

Ende Mai wird das Europaparlament neu gewählt. Die nationalen Bewegungen dürften daraus gestärkt hervorgehen. Wie sehen Sie die europäische Entwicklung?

Sie ist sehr gut. Wir leben in einem Zeitalter, nach dem wir Jahrtausende gestrebt haben. So lange es den Menschen in Europa gibt, wird vom Frieden zwischen den Menschen geredet. Trotz der Attentate und der Kriege waren wir dem Frieden nie so nahe wie jetzt.

Aktuelle Entwicklungen beunruhigen Sie nicht?

Sie haben keine Bedeutung, ich übergehe sie. Ich habe gesehen, wie das Sowjet-Reich aufgehört hat zu existieren. Es ist in der Geschichte einfach verschwunden. Der oberste Chef einer vermeintlichen Großmacht spielt sich hoch, indem er zur Hochzeit einer fremden Ministerin eines bedeutungslosen Landes reist. Wo gibt es denn so etwas?

Sie haben den Grundoptimismus, dass sich Europa positiv weiterentwickelt?

Ja.

Wo das enden wird, kann man noch nicht sagen?

Ich hoffe, dass wir den Planeten nach Grundsätzen gestalten, die unseren Menschenrechten, der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit entsprechen. Sie müssen für alle gelten. Wir reden viel darüber, aber wir handeln oft nicht danach. Die Grundsätze gelten trotzdem. Sie sind stärker als alles andere. Auch wenn wir immer wieder dagegen verstoßen. Wer nicht danach handelt, wird plötzlich weg sein.

Für wie wichtig erachten Sie den Klimaschutz?

Der Klimaschutz ist wichtiger als alles andere. Ich begrüße es, wenn demonstriert wird und wenn unter Umständen Umstürze in Staaten erfolgen. Wir müssen etwas tun. Ich begrüße jeden Schritt, der die Klimaveränderung aufhält. Es muss schon jeder bemerkt haben, dass sich das Klima ändert.

Verfolgen Sie die Diskussion um die Zukunft des Autos?

Nicht im Detail. Es war lange die Sehnsucht der Menschen, große Entfernungen schnell zu überwinden. In Sieben-Meilen-Stiefeln. Auch mich hat dieses Märchen ungeheuer beeindruckt. Das ist der große Traum der Menschheit. Er wurde mit dem Auto und dem Flugzeug Wirklichkeit. Und wir träumen immer noch davon. Es hat keiner bedacht, dass das schädlich sein könnte. Wir müssen langsam lernen mit dem, was wir erfunden haben, auch umzugehen. Sodass das auch spätere Generationen benützen können.

Fortsetzung Seite 6

Fortsetzung von Seite 5 Wie geht es Ihnen mit Ihrem Nachnachfolger Thomas Stelzer?

Ich stelle fest, dass Oberösterreich gut regiert wird. Ich bin zufrieden.

Anneliese Ratzenböck: Es ist gut, wenn ein anderer da ist, der es anders macht. Dass nicht alles nach einem Klischee geht.

Josef Ratzenböck: Wenn ich mir die Politik in Österreich anschaue und jeder über den anderen herfällt, dann ist das nicht gut. Niemand herrscht ewig. Wenn jemand unterdrückt wird, verspürt er ein ungeheures Bedürfnis auch einmal zu unterdrücken.

Nachdem in Wien jetzt Türkis und Blau regieren, sind die Roten unterdrückt?

Jeder, der regiert, verstößt gegen andere. Es wäre die Aufgabe des Wählers in der Demokratie, auf Fehler aufmerksam zu machen.

Regieren Türkis und Blau zu autoritär und gehen sie auf die SPÖ zu wenig ein?

Nein. Jeder geht auf den anderen ein, wenn er muss. Die Roten haben derzeit keine Mannschaft. Es ist keiner da, der die Roten regiert. Man kann nicht sagen, was sie eigentlich wollen. Das wird sich sicher wieder ändern. Dann wird es uns genauso wieder gehen wie denen jetzt.

Was halten Sie von Bundeskanzler Sebastian Kurz?

Er ist wahnsinnig geschickt. Er nutzt seine Jugend. Er regiert wie ein erfahrender Politiker. Er zeigt, dass er für die Strömungen der Leuten empfindlich ist. Ich bin seit Jahrzehnten in der Politik. Das, was Kurz jetzt macht, ist das, was die Menschen seit Jahrzehnten verlangen: Endlich mit den Beschimpfungen aufzuhören. Die Menschen wissen, dass regiert werden muss und dass Entscheidungen zu treffen sind, die nicht allen passen. Sowohl Kurz als auch Strache haben erkannt, dass sie ihre Mannschaften disziplinieren müssen. Kurz gibt die Linie vor und wer davon abweicht, wird verabschiedet. Die Minister trauen sich nicht mehr eigenständige politische Linien zu verfolgen.

Als Sie noch Landeshauptmann waren ...

... hat keiner aufgemuckt.

Auf Bundesebene haben die Landeshauptleute regiert.

Ja, wir haben regiert.

Der ÖVP-Obmann hatte Probleme, wenn er eine andere Linie vertreten hat.

Ja.

Mit diesen Zeiten ist es unter Kurz vorbei.

Sie kommen wieder . Es kommt alles wieder. Das ist gut. Ich kenne keine Politiker, die ununterbrochen Recht haben.

Es glaubt jeder Politiker, dass er Recht hat.

Das muss er. Wenn er daran nicht glaubt, ist er nicht fähig Politiker zu sein. Aber er muss Grenzen kennen. Ihm muss klar sein, dass es auch andere Leute mit gleichen Rechten gibt. Und dass auch die einmal in der Regierung sein können.

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