„Islam, Religion der Barmherzigkeit“

ÖKUMENISCHE SOMMERAKADEMIE im Stift Kremsmünster Am Vormittag des zweiten Tages der Ökumenischen Sommerakademie rückte der in Wien lehrende Soziologe und islamische Theologe Mouhanad Khorchide die vielfach strapazierten Klischees des Muslim-Seins zurecht
Foto: PICTURENEWS.AT PETSCHENIG Khorchide: Religion weiß, dass Gott bedingungslos barmherzig ist. Das weiß die Vernunft nicht.

„Gott ist der absolut Barmherzige.“ Für den Theologen Mouhannad Khorchide ist der Islam keine Gesetzesreligion.

Wie ist Gott? Er ist der absolut Barmherzige.“ Der islamische Theologe Mouhannad Khorchide ist der Überzeugung, dass „alles, was mit der Barmherzigkeit Gottes nicht im Einklang steht, ausscheidet“. In seinem Islam-Verständnis geht es um den Menschen. Das traditionelle Verständnis hingegen sieht den Islam als Gesetzesreligion. „Von den 6800 Versen im Koran beschäftigen sich gerade einmal 80 mit Aussagen zur Gesellschaftsordnung.“

Überall anders

Der Begriff Scharia suggeriere ein abgeschlossenes Gesetzessystem. Das sei sie aber nicht, die Scharia sehe in jedem Land anders aus. In Saudi Arabien dürfen beispielsweise die Frauen nicht mit dem Auto fahren. „Das steht aber nicht im Koran.“ Dagegen beschäftige sich der Koran zu zwei Dritteln mit der Frage, wie Gott ist. Und immer wieder laute die Antwort, er sei der absolut Barmherzige. Der Koran enthalte fünf allgemeine ethische Prinzipien: Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, die Unantastbarkeit der menschlichen Würde und die soziale Dimension.

Der 41-jährige Khorchide, der in Saudi-Arabien geboren ist, hat im Libanon Islamwissenschaft und in Österreich Soziologie studiert. Nun ist er Professor für islamische Religionspädagogik in Münster. Diese Woche war er an der Linzer katholisch-theologischen Privatuniversität zu einem Gastvortrag. Khorchide: „Wer die Barmherzigkeit in seinem Leben ausübt, veranlasst die Barmherzigkeit Gottes. Indem er zum Beispiel Kranke besucht, indem er Menschen auf der Straße ein Lächeln schenkt. Die Offenbarung Gottes ist kein abgeschlossener Prozess. Das Ziel ist die Vollkommenheit des Menschen, das ist die Bedingung, mit Gott eins zu sein.“ Durch die Scharia gehe das Eigentliche verloren, sagt Khorchide. Denn es gehe nicht um Gesetzesaussagen, sondern um den Menschen, der dahinter stehe. Die islamische Mystik relativiere das Juristische. Das Eigentliche sei die Gemeinschaft Gottes, die Vollkommenheit des Menschen. „Wenn ich den Koran lese, gibt es keinen Gott, der nur verherrlicht werden möchte. Warum auch, er ist ja vollkommen. Es geht in meinem Islamverständnis um den Menschen.“

Reformer

Mohammed sei ein Reformer gewesen, dem es um das Wohl der Menschen gegangen sei. So habe er beispielsweise das Erbrecht für Frauen eingeführt, die bis dahin nicht erbberechtigt gewesen seien.

Khorchide definiert zwei Modelle islamischer Theologie. Das instruktionstheoretische, das eine Bedienungsanleitung sei, wie der Mensch zu funktionieren habe. Gott habe den Menschen erschaffen, deshalb wisse er am bestens, wie der Mensch zu funktionieren habe. Das andere sei das dialogische Modell, das er vertrete. Gott gebe keine Instruktionen vor, denn das wäre nicht der vollkommen barmherzige Gott, der bedingungslos schenke.

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(kurier) Erstellt am
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