Bischof Manfred Scheuer

© Hermann Wakolbinger

Chronik Oberösterreich
04/12/2020

„Internationale Vernetzung hat Vor- und Nachteile“

Ist das Virus eine Strafe Gottes? Nein, sagt der Linzer Bischof Manfred Scheuer im Interview mit dem KURIER, es ist ein Anruf nachzudenken, wie der Einzelne und die Gesellschaft leben.

von Josef Ertl

Manfred Scheuer ist seit viereinhalb Jahren Bischof von Linz. Der 64-jährige Sohn einer Bäckersfamilie aus Haibach ob der Donau war zuvor zwölf Jahre Bischof von Innsbruck.

KURIER: Der Papst gab kürzlich seinen Segen urbi et orbi, ganz allein am Petersplatz und im Petersdom. Sie halten Ihren Ostergottesdienst alleine. Das ist doch etwas eigenartig.

Manfred Scheuer: Ich feiere nicht ganz alleine, insgesamt sind wir fünf. Wir halten den notwendigen Abstand. Es ist eine Ausnahmesituation, die schmerzt. Es fehlt etwas, weil Eucharistie die Feier der Gemeinschaft ist. Wir tun das mit jenen und für jene, die nicht leiblich anwesend sein können, aber auf andere Weise mit uns verbunden sind.

Das war auch beim Papst durchaus deutlich. Der Petersplatz war ja fast wie ein Loch. Trotzdem war die Welt durch die Symbolhandlung da. Das war auch die Idee von Gian Lorenzo Bernini (1598– 1680), der die letzte Phase von St. Peter als Architekt und Künstler gestaltet hat, dass die Kolonnaden die ganze Welt umarmen. Und damit auch Leiden und Schmerz mit hereinnehmen.

Wenn wir nicht in gewohnter Weise feiern können, wird uns vielleicht auch stärker bewusst, was uns fehlt. In bestimmten Momenten merken wir, dass wir oberflächlich geworden sind, dass wir Getriebene sind. Ich habe das in den vergangenen Wochen gespürt. Wenn die Termine weniger sind, kommt nicht gleich die große Freiheit oder die Tiefe der Erfahrung. Ich muss mich langsam daran gewöhnen.

Die Kirche lebt von Gemeinschaft. Diese findet derzeit aber kaum statt.

Für den Glauben sind beide Pole ganz wichtig. Auch das Allein-sein-Können. Ich bin im Glauben unersetzbar, das heißt, ich brauche Zeiten der Stille und des Alleinseins. Herbert Marcuse, einer der Alt-68er, hat gemeint, es gibt keine freie Gesellschaft ohne Stille, ohne einen äußeren und inneren Bereich der Einsamkeit. Wenn ich immer nur berieselt werde und selber nicht zum Denken komme, werde ich von den anderen besetzt.

Gemeinschaft hat einen ambivalenten Charakter, ähnlich wie die Einsamkeit. In der Einsamkeit bin ich unverwechselbar, mich gibt es nur einmal. Fromm gesagt, ich lebe vor Gott, von Angesicht zu Angesicht. Und es gibt die Erfahrung der Vereinsamung, die letztlich ein Fluch und nicht zum Aushalten ist. Ich bin alleingelassen, im Stich gelassen. Es ist den anderen egal, wie es mir geht.

Von Jean-Paul Sartre stammt der Satz, die anderen sind die Hölle. Es ist nicht auszuhalten mit ihnen. Gabriel Marcel (franz. Philosoph, 1889–1973) nennt den Gegensatz: die anderen sind der Himmel. Mit Gemeinschaften machen wir also Erfahrungen von Himmel und Hölle.

Was bei Papst Franziskus noch aufgefallen ist, ist seine doch relativ starke Behinderung beim Gehen.

Er wird heuer 84 Jahre alt. Es ist in den vergangenen Jahren vergessen worden, dass er bei seiner Wahl 2013 nicht mehr jung war.

Im Alten Testament wurden Ereignisse ähnlich wie die Corona-Krise als Strafe Gottes für Vergehen seines auserwählten Volkes ausgelegt. Wie interpretiert heute die römisch-katholische Kirche das Virus?

Wir sagen entschieden, es ist nicht ein Strafgericht Gottes. Es ist auch keine Willkür Gottes, um uns sozusagen vorzuführen. Die Frage bei Naturkatastrophen oder anderen Entwicklungen ist, ob wir einmal zum Nachdenken kommen. Das gilt auch für Entwicklungen im persönlichen Leben. Ein Herzinfarkt ist sicher nicht die Strafe Gottes, aber er kann der Anruf sein, auf den Lebensstil zu schauen. Ein Anruf zur Umkehr, zur Besinnung, zur Frage, wie oder für wen lebst Du, ist das schon alles? Wir sollten uns als Einzelner oder Gesellschaft fragen, wie leben wir? Und was hat das für Auswirkungen auf uns selbst? Welche Konsequenzen hat unser Lebensstil?

Wenn jemand alkoholisiert mit dem Auto fährt, kann man nicht fragen, warum lässt Gott das zu? Wir gestalten das Leben auch mit unserer Verantwortung. Wir können sie nicht delegieren.

Was ist schiefgelaufen, dass uns das Virus so hart und unerwartet getroffen hat?

Das lässt sich nicht so eindeutig sagen. Genauso wenig wie die Antwort auf die Frage: Wer ist schuld? Das ist oft nicht eine persönliche Schuld. Auch bei Konflikten oder Auseinandersetzungen lässt sich nicht genau auseinanderdividieren, wer ist alleine schuld und wer ist Opfer?

Es gibt schon auch Klarheit, wo Menschen eindeutig schuldig geworden sind. Aber hier hilft die Suche nach dem Schuldigen nur bedingt. Manchmal stellt sich auch die Frage, wer haftet oder wer zahlt? Diese Verrechtlichung allein würde nicht weiterhelfen.

Ein wichtiger Anruf jetzt ist es auch, dass man auf bestimmte Berufsgruppen, die für unser Leben ganz wichtig sind, wie die PflegerInnen, die Ärzte oder die VerkäuferInnen mit mehr Wertschätzung schaut.

Klar wird auch, wie stark die Vernetzung im Leben ist, ob man das will oder nicht. In Zeiten wie diesen ist die Autonomie oder Selbstbestimmung nicht das alleinige Kriterium. Schon gar nicht eine ausschließlich verstandene Freiheit. Da gibt es auch noch die Gesundheit, die Ansteckung, ein Sozialsystem etc. Sie haben Auswirkung darauf, wie der Mensch seine Freiheit lebt.

Eine Erkenntnis ist, dass die Gesellschaften und Staaten weltweit zu offen und zu ungeschützt waren, was die rasende Verbreitung der Krankheit ermöglicht hat. In Zukunft wird man verstärkt auf gesundheitliche Aspekte schauen müssen.

Das Virus hat sich deshalb so schnell verbreitet, weil die Mobilität in der Wirtschaft und im Tourismus unheimlich stark gestiegen ist. Das ist mit der Situation vor 50 Jahren nicht zu vergleichen. Auch das Verhältnis des Einzelnen zur Familie und zur Gesellschaft hat sich verändert. Auch das Verhältnis von Staat und von globalen Beziehungen hat sich ziemlich verschoben.

Ein schwächerer Staat und eine gestärkte Globalität?

Wir haben auch wahrgenommen, dass die Globalisierung bzw. die Globalität manches nicht leisten kann. Wir können zum Beispiel von der UNO her die Pandemie nicht hinbekommen. Nicht umsonst sind die nationalen Politiker und die Politiker auf lokaler Ebene wieder hoch im Kurs. Manche Dinge wie die Regelung des Alltags, der Wirtschaft, der Kultur etc. kann nicht global verordnet werden.

Ich halte es für einen Lernprozess, die unterschiedlichen Formen von Nähe und Distanz, die unterschiedlichen Ebenen des Zusammenlebens und die verschiedenen Verantwortungsebenen wieder etwas besser in den Blick zu nehmen. Auch dass wir zusammenarbeiten müssen.

Die internationale Vernetzung hat manche Vorteile, aber es werden in solchen Zeiten, wo man sich abgrenzen muss, auch die Nachteile bewusst.

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