Chronik | Oberösterreich
06.01.2018

"Im Pflegeheim ist es kälter als in Sibirien"

Premiere – Felix Mitterers Stück "Sibirien" in der Tribüne Linz – Eugen Victor verkörpert den alten Herrn Aigner.

"Ich habe als Schauspieler Vorbilder, die auch heute noch Großes leisten. Dazu zählen Peter Weck, Otto Schenk, Mario Adorf oder Ernie Mangold. Sie alle sind etwas älter als ich und gehören noch lange nicht zum alten Eisen."

Eugen Victor (81) probt zurzeit für die Premiere des Sozialdramas "Sibirien" von Felix Mitterer, die am Mittwoch, 17. Jänner, 19.30 Uhr in der Tribüne Linz stattfindet. Victor verkörpert den alten Herrn Aigner, der im Mittelpunkt des Stückes aus dem Jahre 1989 steht. Er kommt vom Spital direkt ins Pflegeheim, wo er nun in einem verzweifelten Selbstgespräch der Welt zu erklären versucht, dass er hier am falschen Ort gelandet ist. Aigner vergleicht seine unfreiwillige Einweisung ins Heim mit seiner Deportation nach Sibirien, wo er einst als junger Soldat in Kriegsgefangenschaft war.

Regisseurin Cornelia Metschitzer (49) möchte mit ihrer Inszenierung keineswegs Pflegekräfte oder Familienmitglieder denunzieren. "Wir wollen vielmehr erklären, wie es dazu kommen kann, dass Herr Aigner sagen muss, im Pflegeheim sei es kälter als in Sibirien." Laut Victor würde der alte Herr Aigner durch seinen Altersstarrsinn zum Kotzbrocken. "Dazu wird wohl jeder Mensch, wenn er hilflos ist."

Weit über das Altersthema hinaus zeigt Mitterer in "Sibirien" viele negative Entwicklungen und Missstände der heutigen Gesellschaft auf. Kritisch betrachtet werden unter anderem das Konsumverhalten sowie der Zeitdruck, den sich viele Menschen selbst auferlegen.

Alltagsmühle

"Heutzutage müssen meist beide Eheleute oder Partner verdienen, um ihren Lebensstandard halten zu können. Man ist in der Alltagsmühle der heutigen Zeit so fest integriert, dass man schwer gegen den Strom schwimmen kann", erklärt Victor. Der alte Herr Aigner vertritt eine andere Meinung und verschweigt sie vor seinem Sohn und der Schwiegertochter nicht. Er behauptet, dass Urlaub auch in günstigen österreichischen Regionen gemacht werden könnte oder nicht ständig neue Möbel gekauft werden müssten. Zeitnot stiehlt Lebensqualität, ist Metschitzer überzeugt. "Die Schwiegertochter würde Aigner ja gerne in den Familienverband aufnehmen. Wegen der Betreuung ihrer zwei Töchter ist das aber nicht möglich. Außerdem ist der Mann im Haushalt keine Unterstützung, da er ständig Überstunden macht, um den privaten Luxus finanzieren zu können."Die Regisseurin stellt eine Inszenierung auf die Bühne, die keineswegs nur negative Charakterzüge des Herrn Aigner beschreiben. Es werden auch Möglichkeiten aufgezeigt, wie Generationen voneinander profitieren könnten. Älteren Menschen sollte die Chance gegeben werden, kreativ tätig zu sein, ist Victor überzeugt. "Dadurch könnten sie ihr Selbstwertgefühl bewahren und wären zufrieden."

Als Victors Bühnenpartnerin ist in "Sibirien" Ensembleneuzugang Paula Kühne (29) aus Freiburg zu sehen.

Autor: Peter Pohn