Diskussion um NS-Vergangenheit von Bürgermeister Franz Dinghofer beschleunigte Durchforstung der Straßennamen

© Atzenhofer Wolfgang

Chronik | Oberösterreich
06/14/2019

Historiker nehmen 1148 Straßennamen unter die Lupe

Suche nach möglichen dunklen Flecken in der Biografie der Namensgeber der Linzer Straßen.

 „Eine schwierige Aufgabe. Ich habe mir den Auftrag nicht gewünscht.“ Walter Schuster, dem Chef des Linzer Stadtarchivs stehen anstrengende zwei Jahre bevor. Unterstützt von einer Historikerkommission sollen nämlich die Namen von 1148 Linzer Straßen wissenschaftlich unter die Lupe genommen werden, ob ihre Namensspender historisch belastet sind. Im Detail müssen dafür die Biografien von 510 Männern und 46 Frauen durchleuchtet oder auch erst recherchiert werden.

Bürgermeister Klaus Luger (SPÖ) will mit dem Auftrag an die Historiker Pionierarbeit für die Stadt Linz leisten. Die jüngste Diskussion um die Dinghoferstraße, die nach dem ehemaligen Linzer Bürgermeister und Justizminister Franz Dinghofer benannt wurde, beschleunigte den Entschluss zur lückenlosen Aufarbeitung des Lebens der historischen Namensspender. Weil aus Archiven bekannt geworden war, dass Dinghofer neben seiner Verdienste für die Stadt auch Mitglied der NSDAP war, verlangten Grüne und KPÖ als Reaktion zumindest aufklärende Zusatztafeln zu den Schildern in der Dinghoferstraße.

Diese politische Reaktion soll nun aber aufgeschoben werden. Luger wird nämlich in der nächsten Gemeinderatssitzung die Installierung einer Historikerkommission, die bis zum 30. Juni 2021 einen kompletten Bericht über die Linzer Straßen-Paten vorlegen soll, beantragen. „Wir wollen wissen, wie viele historisch belastete Straßennamen existieren und worin die Belastung der Namensgeber begründet ist“, erklärt Luger.

Entscheidungen

Die Ergebnisse sollen dann Basis für Entscheidungen in den politischen Gremien sein. Zuletzt wurde in Linz 1986 die nach dem NS-Oberbürgermeister und Nazi-Verbrecher Franz Langoth benannte Langothstraße in Kaisergasse umbenannt. Pro Jahr sollen 10.000 Euro für die Arbeit der Experten aufgewendet werden, plant Luger. Wobei der Hauptteil der Arbeit dem Team des Stadtarchivs zufällt. Dort seien bereits zahlreiche Lebensläufe vorrätig, erklärt Schuster.

Herausgefiltert werden nicht nur Namensspender aus der NS-Zeit, sondern alle, die bis ins 19. Jahrhundert zurück durch antidemokratische, antisemitische, xenophobe oder rassistische Gesinnung aufgefallen sind. Den Grad der Verfehlungen müssen die Historiker bewerten.

Ein in jedem Einzelfall heikles Unterfangen, weiß Archivar Schuster. Namen, wie der Verfasser der OÖ Landeshymne Franz Stelzhammer, der christlich-soziale Landeshauptmann Heinrich Gleißner oder der Psychiater und Forscher Julius Wagner-Jauregg werden durchleuchtet. „Wir suchen aber nicht nur nach belastenden Punkten bei den Persönlichkeiten, wir werden auch ihre positiven Leistungen darstellen“, kündigt der Stadtarchivar an.