Chronik | Oberösterreich
04.11.2018

Hart, herzlich, ehrlich

Freundschaft. Die Freunde kann man sich aussuchen, die Verwandten hingegen nicht

Sehr viele Leute gehen mit dem Wort Freund im wahrsten Sinne seiner Bedeutung äußerst sträflich um. Da wird leichtfertig gesagt, „das ist mein Freund“, und gemeint, das ist ein Bekannter von mir. Bekannte habe ich viele, jedoch nur wenige Freunde. Ich würde mit einem Bekannten niemals Privates reden, geschweige denn mich offenbaren.

Für mich ist Bekanntschaft der Beginn eines Kontaktes. Daraus kann durchaus eine Freundschaft entstehen. Natürlich gibt es langjährige Bekannte, zu denen ich niemals ein freundschaftliches Verhältnis haben möchte. Ich akzeptiere, sie zu kennen und mit ihnen zu reden, aber mehr schon nicht.

Kameraden

Auch das Wort Kameradschaft wird in sehr vielen Fällen mit Freundschaft verwechselt. Ich hatte Kameraden beim Bundesheer oder Bergkameraden, sie waren aber noch lange keine Freunde. Kameraden und Kollegen sind in meinen Augen nichts weiter als Interessensgemeinschaften. „Wer einen Freund betrügt, begeht eine Todsünde“, sagt Königin Christine von Schweden. Die Kennzeichen einer wahren Freundschaft sind Offenheit, Ehrlichkeit und das Akzeptieren der Fehler des Freundes. Man kann einem wirklichen Freund jederzeit den Spiegel vorhalten. Das gilt aber auch umgekehrt. „Deine Freunde sind der Spiegel Deiner Persönlichkeit. Durch sie offenbarst Du, wer Du bist“, meint die amerikanische Aktivistin Elisabeth Schuler.

Ein Freund aller

Nun einige Sinnsprüche zum Thema Freundschaft. „Ein Leben ohne Freunde ist eine weite Reise ohne Gasthaus“, so der griechische Philosoph Demokrit. „Ein Freund aller ist niemandes Freund“, meinte Aristoteles. Wenn einer jedermanns Freund ist, bezeichne ich diesen Menschen als „falschen Hund“, im Englischen „left agent“. Diese Leute verraten nicht nur die fremden Werte, sondern auch ihre eigenen. Sie prostituieren sich. Wenn jemand behauptet, „ich habe lauter Freunde“, dann lügt er und ist weit gefährlicher als alle Feinde zusammen. „Mein Freund muss kein Freund aller sein“, so der deutsche Dichter Gotthold Ephraim Lessing. „Wenn ein Freund bittet gibt es kein Morgen“, sagt der englische Schriftsteller George Herbert.

Kein Aufschub

Bitten von Freunden kommen nicht von ungefähr, sie kommen nur dann, wenn sie Unterstützung brauchen und sie dulden keinen Aufschub. Dazu sind sie Freunde. „Ein Freund ist ein Mensch, vor dem man laut denken kann.“ ( Ralph Waldo Emerson, amerikanischer Philosoph und Schriftsteller). Jede echte, wahre Freundschaft hält ehrliche Offenheit aus. Sie ist über Kritik erhaben, denn unter Freunden ist sie immer ehrlich gemeint.

Rede und Gegenrede

Auch die Dialektik – Rede und Gegenrede – gehört zu einer ehrlichen Freundschaft. Hart, herzlich, ehrlich. Im Gegensatz zu anderen Gesprächen geht das Gespräch in seiner Dialektik nie ins Persönliche, sondern bleibt immer sachlich. „Der einzige Weg einen Freund zu besitzen, ist selber einer zu sein“ (Ralph Waldo Emerson). Freundschaft bedeutet immer ein gegenseitiges Geben und Nehmen. „Gute Freunde sind da, um uns das zu sagen, was unsere Feinde von uns denken“ (Marie von Ebner-Eschenbach, österreichische Schriftstellerin). In der Offenheit liegt das wahre Geheimnis einer Freundschaft. „Man erwirbt keine Freunde, man erkennt sie“ (Wilhelm Busch, deutscher Dichter).

Nicht käuflich

Freundschaft kann man nicht kaufen. Viele Leute glauben, dass sie sich Freundschaft kaufen können. Diese „gekauften Freunde“ sind nicht mehr wert als eine verbrannte Grillwurst. Diese ist auch nicht genießbar. Für mich bedeutet gekauft gleich verkauft. Gekaufte Freunde sind vielleicht temporäre Sympathisanten, aber nicht mehr, sie sind elendige Heuler mit dem Wind. Ehe man es sich versieht, lassen einen die gekauften Freunde fallen wie eine heiße Kartoffel.

Feinde annehmen

„Seine Feinde muss man annehmen, wie und wo man sie findet. Meine Freunde kann ich mir aussuchen, Gott sei Dank“ (Arthur Schnitzler, österreichischer Dramatiker). Ergänzend ein Spruch aus dem Volksmund: Die Verwandtschaft kann ich mir nicht aussuchen, die Freunde hingegen schon.

Alois Zangerle ist Unternehmensberater und akademischer Exportkaufmann, www.alois-zangerle.at, office@alois-zangerle.at