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Chronik Oberösterreich
07/14/2021

„Wir können heuer nicht alle Häuser eindecken“

Den Spenglern fehlen zur Behebung der Hagelschäden wegen des Baubooms Personal und Material. Auch viele Autos sind schwer getroffen. Es gibt viel zu wenig Dellendrücker. Von Gerhard Marschall.

Die Meinungen klaffen auseinander. Die jüngsten Unwetter seien Ausfluss des Klimawandels, würden künftig gehäuft und verstärkt auftreten, sagen die einen. Stimmt nicht, entgegnen die anderen, derartige Ereignisse habe es zu allen Zeiten gegeben.

Enorme Schäden

Wie auch immer. Tatsache ist, dass zurzeit kaum eine Woche vergeht, in der nicht schwere Unwetter durch das Land ziehen. Gewitter, Starkregen, Hagel – die Unwetter richten in der Landwirtschaft, aber auch an Gebäuden und Straßen enorme Schäden an. Laut Wetterdienst Ubimet wurden im Juni österreichweit exakt 412.046 Blitzentladungen (Wolken- und Erdblitze) registriert, fast doppelt so viele wie im Vergleichsmonat des Vorjahres. Laut Manfred Spatzierer, Chefmeteorologe der Umweltzentrale, sind das im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre um rund 130.000 Blitze mehr. Ein ähnliches Spektakel wie heuer gab es zuletzt im Juni 2018 mit fast 450.000 Blitzen.

193.000 Blitze

Das mit Abstand blitzreichste Bundesland war im Juni Oberösterreich, über dem sich gut 193.000 oder 47 Prozent aller Blitze entluden. Der Bezirk Braunau führt diese Bilanz mit fast 40.000 Entladungen an, gefolgt von Ried im Innkreis und Rohrbach. Im Ranking liegt mit Salzburg-Land erst auf Platz neun ein Bezirk außerhalb von Oberösterreich.

Kein Ende in Sicht

Extrem war da und dort auch der Hagelschlag, besonders betroffen waren die Bezirke Braunau, Gmunden, Urfahr-Umgebung, Kirchdorf und Steyr. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Schon jetzt geht Oberösterreichs Versicherungswirtschaft von mehr als 80.000 Schadensfällen aus. Aufgrund der bisher eingelangten Meldungen und aus Erfahrung „dürfte ein Leistungsvolumen von 450 Mio. € realistisch sein“, sagt die stellvertretende Spartenobfrau, Kathrin Kühtreiber-Leitner von der OÖ. Versicherung.

Tausende beschädigte Dächer

Eine besondere Erschwernis kommt heuer dazu. Mit den Schäden ist es nicht getan, sie können zumeist weder sofort noch in nächster Zeit behoben werden. Othmar Berner aus Strobl, Landesinnungsmeister der Dachdecker, Glaser und Spengler, spricht von Tausenden kaputten Dächern. „Wir sind absolut nicht in der Lage, heuer alles einzudecken.“ Erstens fehle es bis in den bayerischen Raum hinein an personellen Ressourcen, zweitens am Material, etwa an Aluminiumblech. Beides sei dem momentanen Bauboom geschuldet, sagt Berner: „Das Furchtbare ist, dass wir alle schon vor dem Hagel derart überlastet waren.“

Folgeschäden

Berner warnt vor Hauruck-Aktionen und Schnellschüssen, weil es dadurch zu Folgeschäden kommen könne: „Es klingt blöd im Juli, aber wir müssen jetzt schauen, dass wir über den Winter kommen.“ Ziel müsse deshalb sein, Zeit zu gewinnen und mit hochwertigen Planen Notdächer zu installieren, inklusive Entwässerung über die bestehenden Dachrinnen. Seitens der Versicherungen gebe es dazu Einverständnis. Angedacht ist auch eine Kooperation mit den Feuerwehren, um die Kräfte zu bündeln, weil die Dachdecker das allein nicht leisten könnten. Wegen Gefahr in Verzug waren in einigen Gemeinden umgehende Sicherungsmaßnahmen erforderlich, um weitere Schäden zu vermeiden. So beläuft sich eine vorläufige Schadensschätzung in Einzugsgebieten von Wildbächen auf 840.000 €. Für die dringendsten Sofortmaßnahmen hat das Land im Rahmen der Drittelfinanzierung 300.000 € bereitgestellt.

Landwirtschaft

Querbeet durch alle Regionen wurde heuer die Landwirtschaft in mehrerlei Weise geschädigt. So zerstörten mancherorts bis zu tennisballgroße Hagelkörner Kulturen bis zur Unkenntlichkeit. Die zahlreichen Frostnächte im April wiederum richten bei Obstkulturen und Baumschulen Schäden an. Auch mussten Ackerflächen neu angebaut werden, da Starkregen und Frost die jungen Pflanzen vernichtet hatte. Allein die Hagelschäden belaufen sich in der Landwirtschaft auf rund 35 Mio. €.

Hagelschneise in Mondsee

Eine Hagelschneise habe es auch im Mondseer Raum gegeben, berichtet Adolf Seifried: „Dort sind 90 Prozent der Fahrzeuge Totalschäden.“ Der Geschäftsführer des Autohauses Seifried in Grieskirchen und Wels ist Gremialvorsteher des Fahrzeughandels, der von den Unwettern ebenfalls massiv heimgesucht wurde. Allein sein Unternehmen verzeichne rund 90 Hagelautos, von Kunden und eigene. Namens der Branche bittet Seifried um Verständnis für Reparaturtermine bis in das kommende Jahr hinein. Zum einen mangle es zurzeit an Sachverständigen, zum anderen am Fachpersonal. Zur Behebung von Hagelschäden braucht es geschulte Spezialisten mit Erfahrung und Gespür, sogenannte Dellendrücker.

Nur 50 Prozent werden ersetzt

Sie sind weltweit gefragt und müssen zum Teil aus dem Ausland eingeflogen werden. Gibt es eine Kaskoversicherung, müssen sie die Schäden eruieren, danach folgt die Begutachtung durch den Sachverständigen. Bei Totalschaden wird das Auto in eine Wrackbörse gestellt. Interessenten können ein Angebot legen, der Eigentümer hat ein Vorkaufsrecht. In Summe bekommt er den Verkehrswert. „Es gibt sehr viele Versicherungen, die nur noch 50 bis 60 Prozent ersetzen“, berichtet Seifried. Zurzeit werden laut Seifried vorrangig kaputte Windschutz- und Heckscheiben ausgewechselt. „Den Rest machen wir später, auch wenn es blöd ausschaut, wenn das Auto total zerhagelt ist.“

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